Als die Trennung der Familie endete

30 Jahre Mauerfall Rainer Sonntag hat am 10.November 1989 im Radio gehört, dass die DDR ihre Grenze öffnete. Nun konnte er wieder seinen Bruder besuchen.

Aue-Bad Schlema.

Das Radio lief an diesem 10. November 1989 wie jeden Morgen im Bethlehemstift. Es lieferte täglich Nachrichten aus aller Welt nach Zwönitz. Eingestellt war nicht einer der staatstreuen Sender der DDR, sondern der Deutschlandfunk, der aus dem westdeutschen Köln sendete. Und dieser vermeldete gerade, dass die Mauer offen war. "Das war eine so unerwartete Nachricht. Da haben wir uns erst einmal ungläubig angeschaut", erinnert sich Rainer Sonntag. Der 62-Jährige ist heute Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes Aue/Schwarzenberg. Vor 30 Jahren wurde er wie alle Bürger der DDR überrascht, als die undurchlässige Grenze mit Todesstreifen plötzlich offen war. Wie viele ahnte er in diesem Moment, dass die Tage eines Landes gezählt sind, in dem er nicht nur eine Familie gegründet hatte, sondern auch immer wieder Ungerechtigkeit und Ausgrenzung erfahren musste. Denn Rainer Sonntag war keiner, der sich dem DDR-System anpasste.

"Die entscheidende Richtung für mein Leben hat mein Vater gegeben", erklärt er. Denn dieser war nicht nur Christ und Mitarbeiter der Kirche, sondern er war auch im Zweiten Weltkrieg schwer verletzt worden. "Daher bestimmte nicht nur der christliche Glauben meine Kindheit und Jugend. Ich wurde durch die Kriegserlebnisse meines Vaters, genauso wie er, zum überzeugten Pazifisten."

Allerdings hatte der Heranwachsende in der DDR schlechte Karten. "Ich war weder bei den Pionieren noch in der FDJ. Zudem hatte ich keine Jugendweihe." Bereits früh musste Rainer Sonntag deshalb erfahren, was es hieß, sich in der DDR nicht an das System anzupassen. "Ich wurde ausgegrenzt und spielte für die Lehrer an meiner Schule überhaupt keine Rolle. Das war eine schlimme Erfahrung." Als er auch noch als Pazifist den Dienst an der Waffe verweigerte, hatte er zudem keine Chance mehr, das Abitur abzulegen und zu studieren. "Deshalb entschied ich mich, im Kombinat ,Fritz Heckert' in Karl-Marx-Stadt eine Lehre zum Werkzeugmacher zu beginnen." Für den intelligenten jungen Mann war die Ausbildung kein Problem, schnell sollte er zudem weitere Verantwortung übernehmen. In der DDR spielte die Staats-Ideologie auch in den Betrieben eine große Rolle. Mit Blick auf den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft und der Umwelt klafften Realität und angebliche Erfolge aber immer weiter auseinander. "Das konnte ich nicht weiter mit mir vereinbaren. Ich musste aus diesem System aussteigen." Deshalb begann Rainer Sonntag 1981, in Erdmannsdorf für die Kirche auf dem Friedhof zu arbeiten. "Menschlich war das für mich eine große Entwicklung, da ich jetzt auch mit vielen älteren Menschen zusammentraf und sehr mit der Natur verbunden war." Wurde er jahrelang durch den Staat ausgegrenzt, bekam er plötzlich in der Kirche eine neue Heimat. Dort beteiligte er sich auch aktiv an der Friedens- und Umweltbewegung, die oft auf die Missstände in der DDR aufmerksam machte und dann auch maßgeblich dazu beitrug, dass die Wende friedlich verlief. Und es gab noch einen weiteren Grund, warum Rainer Sonntag in Opposition zur DDR ging: "Mein Bruder kam nach einem Fluchtversuch ins Gefängnis, musste durch die Bundesrepublik freigekauft werden." So ging die Mauer nun auch durch die Familie.

"Durch Glasnost in der Sowjetunion und die wirtschaftlichen Probleme hatte sich die Wende angedeutet. Doch der Mauerfall über Nacht überraschte dann doch alle", sagt Rainer Sonntag. Schnell machte die Nachricht im Bethlehemstift die Runde. "Unsere Familie war gerade von Erdmannsdorf nach Zwönitz gezogen. Ich war zusammen mit meiner Frau in der Hausleitung dieses kirchlichen Altenheimes." Diese Aufgabe nahm Rainer Sonntag so sehr in Anspruch, dass es bis Juni 1990 dauert, ehe er mit seiner Familie das erste Mal die offenen Grenzen passieren konnte. "Ich glaube, ich gehöre zu den wenigen DDR-Bürgern, die kein Begrüßungsgeld kassiert haben." Trotz der vielen Arbeit verfolgte Rainer Sonntag aufmerksam die Wochen nach dem Mauerfall. "Die deutsche Einheit war für uns alle ein großes Glück. Sie war eine einmalige Chance."

Wenn Rainer Sonntag sich an den Mauerfall erinnert, denkt er vor allem daran, dass in jenen Wochen die Menschen im Mittelpunkt standen. "Daran sollten wir auch heute denken." Als Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes Aue/ Schwarzenberg, damit als Chef von 850 Mitarbeitern, ist es ihm wichtig, dass die Diakonie Brücken in die Gesellschaft baut. "Es geht um die Verbindung zwischen Jung und Alt, zwischen gesunden und kranken Menschen." Der Zusammenhalt in der Gesellschaft sei wichtig. "Ich habe selbst erfahren, wie schlimm Ausgrenzung ist." Als Moritzburger Diakon sei ihm diese gesellschaftliche Verantwortung der Kirche eine Herzenssache.


Wende-Erlebnisse

Liebe Leser, welche besonderen Erinnerungen verknüpfen Sie mit dem 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls? Was hat sich seitdem in Ihrem Leben verändert? Welche Träume von damals haben sich erfüllt - etwa der von der eigenen Firma, der Reise um die Welt, vom Studium, das vorher versagt blieb - und welche haben sich zerschlagen? Vielleicht gibt es ja auch Fotos, die beispielsweise den Firmenstart 1989 in einer Garage zeigen und 30 Jahre danach den mittlerweile neu errichteten Betrieb. Schreiben Sie Ihre Geschichte und schicken sie diese per Post an Freie Presse, Schneeberger Straße 17, 08280 Aue, oder per E-Mail.

red.aue@freiepresse.de

 

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