Auf dem Ku'damm die Freiheit gefeiert

30 Jahre Mauerfall Michael Tetzner hat am 9.November 1989 an der Bornholmer Straße in Berlin erlebt, wie sich die Mauer öffnete. Diesen Moment wird er nicht vergessen und er will, dass sich auch andere erinnern. Denn in der DDR erlebte er viel Ungerechtigkeit.

Zwönitz.

In dieser Nacht wurde Weltgeschichte geschrieben - einfach so. Und Michael Tetzner war mittendrin, als sich am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße am 9. November um 23.29 Uhr unter dem Druck vieler Menschen die Schlagbäume öffneten.

"Es war der schönste Tag in meinem bisherigen Leben", sagt heute der 52-Jährige. "Zumindest außerhalb der Familie", schränkt er ein wenig ein. Doch wer seine Biografie kennt, der versteht, warum für ihn dieser Moment so wichtig war. Als wäre dies die Entschädigung für all die Ungerechtigkeiten, die er in der DDR erfahren musste.

Denn anders als andere ließ er sich in der DDR nicht verbiegen und passte sich eben nicht an. "Ich war weder bei den Pionieren noch bei der FDJ und machte auch keine Jugendweihe mit", sagt Tetzner, der in Burkhardtsdorf aufgewachsen ist. Die Kraft, sich quer zu stellen schöpfte er aus seinem Glauben und den Rückhalt bekam er von seinem Vater, der Pfarrer im Ort war. Als Klassenbester hätte er eigentlich auf die EOS gehen dürfen. "Doch als ich angab, bei der NVA zu den Bausoldaten gehen zu wollen, wurde ich nicht zugelassen." Da half es dem Schüler auch nicht, dass er bis an Erich Honecker einen Brief schrieb. "In der DDR hatte man keine Chance, sein Recht zu bekommen. Und als Christ wurde man benachteiligt."

Nur dank eines Proseminars in Moritzburg konnte Tetzner am Theologischen Seminar in Leipzig 1987 mit einem Theologiestudium starten. "Im September 1989 entschloss ich mich, ein Gastsemester am Sprachenkonvikt in Ost-Berlin in der Borsigstraße zu beginnen. Somit verbrachte ich den Abend des 9. Novembers mit Freunden ganz in der Nähe des Grenzübergangs der Bornholmer Straße in Berlin-Pankow." Als er abends in den Tagesthemen von den Plänen zur Grenzöffnung hört, geht er zur Grenze. "Eine Autoschlange war zu sehen, die in Richtung Ostberlin kein Ende nahm. Und dann rückten immer mehr Menschen an den Grenzübergang heran und schrien: Schranke hoch! Schranke hoch!" Als plötzlich die Schranke hochgeht, passiert Weltgeschichte: Ohne Kontrolle laufen die DDR-Bürger an den bewaffneten Grenzsoldaten vorbei nach Westberlin. Darunter auch Tetzner, der wie viele von Reisefreiheit träumt, sich aber wie fast alle DDR-Bürger nicht vorstellen kann, dass die Mauer fällt.

"In Westberlin angekommen, standen unzählige Westberliner auf der Straße, hatten Tränen in den Augen, klatschten und jubelten. Einige umarmten uns, obwohl wir uns vorher noch nie gesehen hatten." Mit einem angehaltenen Auto kann Tetzner zum Ku'damm fahren. "Dort erlebte ich ein großartiges Volksfest. Die Gaststätten hatten alle geöffnet. Es gab Hupkonzerte und überall ungläubiges Staunen. Das meist gesprochene Wort war wohl in dieser Nacht: Wahnsinn."

Und das ist es wirklich. "Die Wessis konnten ohne Zwangsumtausch in den Osten der Stadt auf den Alexanderplatz gehen und die Ossis konnten ohne das Leben zu riskieren nach Westberlin gehen." Erst gegen 5 Uhr stieg der Student in die S-Bahn am Bahnhof Zoo in Richtung Friedrichstraße ein. "Dort angekommen, sah ich die Grenzkontrollen." Dort hatte es seit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 so viele Tränen gegeben. "Ich lief ganz einfach wieder nach Ostberlin - durch den Tränenpalast. Ja, ich hatte auch Tränen in den Augen, aber nicht wegen des Abschiedsschmerzes, sondern wegen der großen Freude, die ich so hautnah miterleben konnte."

Nach dieser Nacht und dem Ende der DDR begann für Michael Tetzner wie für so viele ein neues Leben. "Diese friedliche Revolution ohne Blutvergießen dürfen wir niemals vergessen. Wir können heute in Freiheit leben", sagt er. Deshalb gelte es, dankbar zu sein. "Christen werden nicht mehr durch den Staat benachteiligt. Ich wurde wegen meiner Nichtzulassung an der EOS von der Bundesrepublik beruflich rehabilitiert." Und auch diese kleine Ironie weist die Geschichte auf: Aus der damaligen Polytechnischen Oberschule in Burkhardtsdorf, die Tetzner besuchte, ist nach der Wende eine Evangelische Oberschule geworden. "Dort sieht man beim Eingang gleich das Zeichen der Christen: Ein Kreuz."

Allerdings weiß der evangelische Pfarrer, der für Zwönitz und Dorfchemnitz zuständig ist, dass auch 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht alles erreicht ist. "Doch wir haben mehr geschaffen, als manche uns zugetraut haben." Gerade deshalb müsse die Erinnerung an das DDR-Unrecht genauso wachgehalten werden, wie auch an den Moment, als die Mauer fiel und die Menschen endlich in Freiheit leben konnten.

Liebe Leser, welche besonderen Erinnerungen verknüpfen Sie mit dem 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls? Schreiben Sie Ihre Geschichte auf und schicken diese per Post an Freie Presse, Schneeberger Straße 17, 08280 Aue, oder per E-Mail. red.aue@freiepresse.de

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