Das Mädchen, das ein Wunder war

Michelle Teumer aus Pöhla ist gestorben. Drei Jahre überlebte sie mit einem Hirntumor, der die meisten Patienten nach wenigen Monaten tötet. Michelles Eltern wollten keine Chemotherapie. Wie denken sie heute darüber?

Pöhla.

Weichkekse. Das sagte Michelle Teumer (16) zu ihren Eltern, wenn sie in deren Augen Tränen sah. Die Eltern wussten, dass ihre Tochter nicht alt werden würde. "Auch Michelle hat das gewusst", sagt Michael Teumer (50), der Vater. "Sie hat ja im Internet gesurft und recherchiert. Sie konnte sich ausmalen, was ihre Diagnose bedeutet."

Glioblastom multiforma. Der bösartigste Hirntumor überhaupt. Überlebenschance: praktisch null. Überlebensdauer: in der Regel weniger als ein Jahr. Michelle Teumer hat drei Jahre daraus gemacht.

Aus Unterlagen der Krankenkasse AOK geht hervor, dass man dem Mädchen im Jahr 2015 noch drei bis vier Monate gab. Michelle scherte sich nicht um die Einschätzung der Ärzte und lebte einfach weiter.

Nach einer Operation hatte sich das Mädchen mit Krankenhauskeimen infiziert und wurde fast vollständig blind. Sie setzte sich hin, büffelte Blindenschrift und freute sich auf den Blindenhund, den sie im nächsten Jahr bekommen sollte. So lange hätte die Ausbildung des Tieres gedauert. Michelle hatte Hoffnung, dass sie ihren Hund noch in die Arme schließen kann. Am Ende ist der Krebs dann doch schneller gewesen. In der Nacht zum 24. Juli dieses Jahres starb Michelle.

"Sie hat es mit Martin Luther gehalten, der sagte, dass er, wenn er wüsste, dass morgen die Welt untergeht, heute noch einen Apfelbaum pflanzen würde", sagt Michelles Mutter Jana (46). "Sich hängen zu lassen, war nicht ihre Art. Sie war stark und wollte uns Hoffnung geben." Und so lebte das Mädchen bis zuletzt, als ginge es für sie immer weiter.

Wenige Tage vor Michelles Tod bekam die Familie Besuch vom Jugendamt. Jemand hatte sie angezeigt. Verdacht auf Kindeswohlgefährdung. Denn die Eltern hatten die Empfehlung der Ärzte, Michelle einer Chemotherapie und Bestrahlung zu unterziehen, in den Wind geschlagen. Stattdessen setzten sie auf eine alternative Therapie, bei der ein Cocktail aus Johanniskraut, Beifuß, Kurkuma und Vitamin-C als Infusion verabreicht wird. Im Gegensatz zu Chemie und Strahlen ist diese Methode nicht anerkannt. Nachdem die "Freie Presse" über Michelles Fall berichtet hatte, schaltete ein besorgter Bürger (oder eine Bürgerin) das Jugendamt ein.

Die Intervention blieb folgenlos. "Nachdem die Behördenvertreter Michelles Lage überprüft hatten, haben sie uns ihre Hochachtung ausgesprochen", sagt Michael Teumer. Auch nach dem Tod ihrer Tochter sind die Eltern sich einig: Stünden sie noch einmal vor der Wahl, sie würden nichts anders machen. "Wir würden sogar auf die Tumor-OP verzichten", sagt Jana Teumer. "Je härter man gegen ein Glioblastom vorgeht, desto härter schlägt der Krebs zurück. Das haben wir gelernt."

Was die Wahl der Therapie angeht, gibt ihnen das Ergebnis recht: Nachdem der Hirntumor diagnostiziert wurde, konnte das Mädchen noch zwei Jahre zur Schule gehen. Auf Michelles letztem Zeugnis steht die Note 1,1. Dass ihre Schulzeit abrupt endete, lag an den Keimen, die sie zu 95 Prozent erblinden ließen. Bis einen Monat vor ihrem Tod vermochte Michelle - abgesehen von der Sehbehinderung und strengen Ernährungsregeln - ein normales Leben zu führen. Schmerzmittel benötigte sie erst in ihren letzten Wochen, und da nahm sie kein Morphium, sondern Ibuprofen-Tabletten.

Nach Michelles Tod haben ihre Eltern eine Erklärung verfasst, in der es heißt: "Uns tun die Menschen leid, die der Krebsindustrie vertrauen. Die Praxis der von der Pharmaindustrie gesteuerten Anwendungen bei einem Glioblastom sind OP, Chemo und Bestrahlung, die mit schrecklichen Nebenwirkungen einhergehen und bei Kindern innerhalb von neun Monaten zum Ableben führen. Genau dies konnten wir Michelle über drei Jahre ersparen."

Am Sozialgericht Chemnitz prozessieren die Teumers gegen die AOK, weil die Krankenkasse Michelles alternative Behandlung nur im ersten Jahr bezahlt hatte. Danach musste die Familie für alles selbst aufkommen und die Therapie abspecken. Könnte Michelle noch leben, wenn die Kasse weiter gezahlt hätte? "Vom menschlichen Standpunkt aus ja", sagt Michael Teumer. "Aber aus Sicht unseres christlichen Glaubens? Nein, Gott macht keine Fehler." Die AOK will sich zu dem laufenden Verfahren nicht äußern.

Michelles dreijähriges Überleben mit einem aggressiven Hirntumor darf man ein kleines Wunder nennen. Niemand weiß, wodurch es möglich wurde. Vielleicht hat ihr tiefer Glaube eine Rolle gespielt. Zu Pfingsten ließ sie sich bei einer Brüdergemeinde in Fulda taufen. Sie wollte sich aus freien Stücken für Jesus Christus entscheiden. "Sie hat Jesus geliebt", sagt Jana Teumer. "Sie hatte keine Angst, zu ihm zu gehen."

Den letzten Satz bei Bewusstsein habe Michelle am 11. Juli gesprochen. Er habe gelautet: "Ich will, dass alle Menschen errettet werden."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...