Dialogpredigt lässt Raum für andere Sichtweise

In einem Gottesdienst in St. Wolfgang sind ein Wissenschaftler und ein Pfarrer nacheinander ans Mikrofon getreten. Etwa 100 Gäste hörten ihnen zu.

Schneeberg.

Zu Martin Luthers Zeiten ist es üblich gewesen, dass sich Theologen mit anderen Wissenschaftler zum fachlichen Streitgespräch treffen. In Schneeberg wird an diese Form der Diskussion seit 2017 angeknüpft. Am Sonntag beleuchteten der evangelisch-lutherische Pfarrer Frank Meinel (59) und der promovierte Physiker Rainer-M. E. Jacobi (69) in St. Wolfgang nun zum dritten Mal ein Thema von zwei verschiedenen Standpunkten aus: dem christlich-theologischen und dem wissenschaftlich-philosophischen - eingebettet in einen klassischen Gottesdienst. Etwa 100 Zuhörer waren dazu gekommen.

Diesmal ging es um Aurelius Augustinus und die "Suche nach Gott in der Welt", wie Rainer Jacobi, Vorstandsvorsitzender der Viktor-von-Weizsäcker-Gesellschaft, einem Forum für die Wissenschaft vom Menschen, einleitend erklärte. Die Frage sei doch: "Wo war Gott in den Katastrophen des letzten Jahrhunderts?" Alles, was uns ängstige, habe mit dem Menschen zu tun, so Jacobi. Der gebürtige Chemnitzer, der in Aue und Bonn lebt und Physik, Informationstheorie und Biomedizinische Kybernetik in Dresden studiert hat, widmete sich in dem Zusammenhang dem Sündenfall des Menschen. Er zitierte Martin Luther, wonach der Mensch von Natur aus nicht wollen könne, "dass Gott Gott ist, weil er selbst Gott sein will". Dabei sei der Mensch durchaus als Gottes Ebenbild geschaffen. Aber er habe sich nicht selbst dazu gemacht.


Jacobi kam schließlich zu Augustinus (354 bis 430), der sich mit Anfang 30 christlich taufen ließ und später Bischof wurde. Der Geistliche aus Nordafrika habe mit seinen Schriften das "Denken des Abendlandes wesentlich geprägt", sagte Jacobi im Gespräch mit "Freie Presse". Er habe nach der Vernunft im Glauben gefragt. "Nur so lassen sich Fundamentalismus und Gewalt im Namen von Religionen vermeiden."

Frank Meinels Antwortpredigt war eher Ergänzung als Gegenrede. Der Schneeberger Pfarrer, der seit Jahren mit Rainer Jacobi befreundet ist, erinnerte daran, dass Kirche in der Geschichte mehrfach begonnen habe, sich Machtinsignien anzueignen. Diese Macht sei immer wieder weggebrochen. "Das war nicht zum Schaden", so Meinel. Er vertrat die Ansicht, dass Gott bis heute in der Welt ist, und zwar auch durch den Menschen. Die Kinder Gottes sollten nach Augustinus in der Welt bereits Hoffnung haben und selbst aktiv sein, beispielsweise den Traurigen und Vereinsamten beistehen.

Die Dialogpredigt sei als kleine Reihe zunächst auf fünf Veranstaltungen ausgelegt. "Wir müssen ja auch schauen, wie lange die Gemeinde das mitträgt", sagt Jacobi. Die Predigten der beiden ersten Gottesdienste wurden in zwei Broschüren veröffentlicht. In der ersten ging es um "Luther und das Bild" und in der zweiten um "Bernhard von Clairvaux und die Frage nach dem inneren Menschen". Die Hefte dazu sind in St. Wolfgang erhältlich.

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