Die Zeit steht still im verlassenen Erlebnisbad Seiffen

Nicht ganz vier Jahre hatte es geöffnet, seit fast 17 Jahren ist es inzwischen geschlossen. Wie steht es um das einst skandalumwitterte Spaßbad im Spielzeugdorf?

Seiffen.

Auf dem vergilbten Schild an der Klingel neben der Eingangstür steht Bademeister. Doch der geht hier schon lange nicht mehr ein und aus. Genauso wenig wie Besucher. Der Einzige, der heute noch regelmäßig nach dem Rechten sieht, ist ein Hausmeister der Gemeinde.

Seit fast 17 Jahren hat das Erlebnisbad in Seiffen geschlossen. Auch wenn das nicht ganz spurlos an der einst skandalumwitterten Immobilie vorübergegangen ist, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Nicht nur wegen der vielen Uhren, die alle stets auf 10.49 Uhr zeigen. Den Saunabereich durchziehen noch immer Aufgussdüfte. Auf dem Tresen des zur Bar umgebauten Fischkutters in der Gaststätte liegen Getränkelisten mit D-Mark- und Euro-Preisangaben aus. Vier große Metallkübel neben dem Bedienpult an der Kasse sind mit Spindschlüsseln gefüllt - sortiert nach roten, gelben, grünen und blauen Bändchen. Dutzende Wertkarten in den Schubladen warten darauf, von Gästen gekauft zu werden. Doch die kommen nicht mehr, seitdem das Freizeitbad 2002 aus Kostengründen geschlossen werden musste.


Dabei wurde das mehr als 30 Millionen D-Mark teure Projekt erst vier Jahre zuvor eingeweiht. 300 Gäste hätten es pro Tag sein müssen, um schwarze Zahlen zu schreiben. Das wurde verfehlt. Stattdessen folgten regelmäßig neue Kapitel in der Skandalakte Erlebnisbad. Bauaufträge waren ohne Ausschreibung vergeben worden, ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs wurde eingeleitet. Die Betreibergesellschaft ging pleite. Die Gemeinde versuchte, mit der Gründung einer GmbH das Bad zu retten. Vergebens.

Noch immer stottert die Kommune Teile der damals kassierten Fördermittel ab. 12,6 Millionen Euro waren es. 6 Millionen übernahm der Freistaat. 4,5 Millionen sind gestundet und werden Seiffen beim Zustandekommen einer Einheitsgemeinde mit Deutschneudorf und Heidersdorf erlassen. Von den weiteren rund 2 Millionen zahlt das Spielzeugdorf jährlich 140.000 Euro zurück. "Deshalb", so betont Bürgermeister Martin Wittig, "sind wir trotz allem leistungsfähig als Gemeinde. Es ist ärgerlich, dass wir nur als hoch verschuldet wahrgenommen werden."

Von den Schulden sind 1,1 Millionen Euro geblieben. Und im Bad? Da sind die Becken leer, einige Fliesen herausgebrochen, die Plastepalmen verblasst. Selbst Kunststoffsträucher verlieren ihre Blätter. Die wenigen echten Pflanzen sind verdorrt. Die Natur holt sich allmählich das nie wirklich fertiggestellte Außengelände zurück. Zumindest als Lager wird das Freizeitbad genutzt. In den Gängen zu den blau-beigefarbenen Umkleidekabinen auf der einen und rosa-türkisfarbenen auf der anderen Seite stapeln sich alte Stühle der Seiffener Berg- und Hüttenknappschaft. Im Foyer stehen Requisiten der Gemeinde für den Weihnachtsmarkt, Straßenschilder vom Bauhof. In der Küche liegen Straßenlaternen. "Trotz allem ist die Bausubstanz des Gebäudes gut erhalten", sagt Wittig. Doch auch er weiß: Je länger das Erlebnisbad verlassen bleibt, umso mehr ist es dem Verfall preisgegeben. 2007 strebte eine Interessengemeinschaft eine Wiederöffnung an. 2014 waren ein Verwaltungssitz oder ein Seniorenheim im Gespräch. Ein schlüssiges Konzept legte bis heute niemand vor. "Wenn wirklich etwas Sinnvolles dabei gewesen wäre, hätten wir die Immobilie längst verkauft.Zuletzt wollte ein Interessent eine Paintball-Arena aus dem Bad machen", sagt Wittig.

Da die Zweckbindung der Fördermittel aufgehoben wurde, dürfe das Bad für einen Euro veräußert werden. "Aber wir haben kein Interesse, an jemanden zu verkaufen, der kein schlüssiges Konzept vorlegt. Sonst kann sich der Zustand noch verschlimmern", sagt Wittig. Dass die Gemeinde selbst das Spaßbad wieder betreibt, komme auf keinen Fall infrage. Zudem werden die anfallenden Kosten so gering wie möglich gehalten. Wasser- und Stromanschluss wurden vorerst stillgelegt. Nur noch die Gebäudeversicherung muss die Gemeinde begleichen.

Findet sich also kein Betreiber, kein Investor, bleibt es weiter still im Erlebnisbad. Getreu dem Spruch über der Ausgangstür: "Wir freuen uns, dass Sie unsere Gäste waren."


Chronologie

November 1995: Freigabe der Fördermittel für den Bau.

September 1996: Richtfest.

Oktober 1998: Einweihung.

September 1999: Staatsanwaltschaft eröffnet Ermittlungsverfahren gegen Bürgermeister Johannes Glöckner wegen Untreue.

September 1999: Regierungspräsidium bestätigt: Bauaufträge wurden ohne Ausschreibung vergeben.

Oktober 1999: Betreibergesellschaft ist pleite. Gemeinde gründet GmbH.

September 2002: Bad wird aus Kostengründen geschlossen. (tw/rickh)

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