Ein Jahr nach der Fusion: Bei Bürgern bleiben Zweifel

Einheitsstadt: "Freie Presse" hat Einwohner in Aue-Bad Schlema zur neuen Stadt befragt - Fehlender Bürgerentscheid stößt auf Kritik

"Anfangs war ich gemischter Gefühle"

Adelheid Strobelt (61) aus Bad Schlema steht der Einheitsstadt offen gegenüber. "Anfangs war ich gemischter Gefühle. Wir sind alle von der Sache etwas überfallen worden. Es kam ganz, ganz plötzlich." Bei einem Bürgerentscheid hätte sie aber für eine Fusion gestimmt. "Ich hätte gesagt: Gut, wir machen's." Denn der Zusammenschluss bringe Vorteile, wie mehr Geld und damit neue Investitionen. Dass die Bürger nicht selbst über den Zusammenschluss abstimmen durften, sei nicht richtig gewesen. "Das war ein Fehler." Sie wünscht sich, dass die Bürger in Zukunft wieder mehr Mitspracherecht haben und in Entscheidungen vorab einbezogen werden. "In Bad Schlema war das früher immer so."

"Nur zwei ist wie eine Nothochzeit"

Hans-Günther Thierfelder (70) aus Aue hätte sich vor der Fusion einen Bürgerentscheid gewünscht. "Das wäre demokratischer gewesen." Er war 2018 gegen die Einheitsstadt. "Ich bin der Meinung, dass das nichts bringt für den Bürger", sagt er. Wiederum mehr würde er von einer Fusion mit noch weiteren Nachbarorten halten. "So ein großes Ding ist doch allemal besser, Aue und Bad Schlema allein zusammen ist doch wie eine Nothochzeit." Ansonsten sieht er das Leben in der fusionierten Stadt "nicht anders als vorher". Aus seiner Sicht angehen sollte die Einheitsstadt das oft kritisierte Problem des öffentlichen Nahverkehrs. Und der Name? "Na, Aue klingt besser."

"Dass mehr Geld da ist, bezweifle ich"

André Dähmlow (41) aus Bad Schlema sieht die Fusion bis heute eher kritisch. Auch wenn er sagt: "Für mich hat sich eigentlich nichts geändert." Er sei von Anfang an gegen einen Zusammenschluss gewesen, sagt er. "Es bringt ja nichts. Dass am Ende wirklich mehr Geld da ist, bezweifle ich." Das zeigten schließlich andere Städtefusionen, wie die von Lauter und Bernsbach. Eine weitere Fusion etwa mit Lößnitz sieht er deshalb skeptisch. "Es wird unterm Strich nichts bringen." Verärgert ist Dähmlow, dass die Bürger in einem Entscheid nicht selbst über die Fusion abstimmen durften. "Um uns geht es ja, uns betrifft es." Viele Leute würden das der Gemeinde bis heute übel nehmen.

"Wir haben uns nur verschlechtert"

Günter Liehr (77) aus Bad Schlema hält von der neuen Stadt wenig. "Die Fusion mit Aue bringt gar nichts. Wir haben uns nur verschlechtert." So seien die Zuständigkeiten im Rathaus anders. "Früher hat man die Personen im Rathaus gekannt. Jetzt ist alles neu." Schon vor der Fusion sei er gegen ein Zusammengehen mit Aue gewesen. "Wenn es eine Fusion geben muss, dann lieber mit Schneeberg." Den Kurort verbinde mit der Bergstadt mehr, so die gemeinsame Bergbaugeschichte. Eine weitere Fusion und eine noch größere Stadt lehnt er ab. "Dann kennt keiner keinen mehr." Auch den neuen Stadtnamen sieht er kritisch. "Er ist viel zu lang. Am besten sie hätten ihn gelassen, wie er war."

"Der Name macht mich nicht so froh"

Natalie Günther (23) aus Aue ist mit der Fusion "sehr zufrieden", auch wenn sie für sich persönlich keine Vor- oder Nachteile damit verbunden sieht. Als ein Beispiel, wie alles gut zusammenspielen kann, sieht sie den Tag der Sachsen. An die Einheitsstadt musste sie sich erst gedanklich gewöhnen. "Ich fand es komisch, weil für mich bisher eben Aue und Bad Schlema für sich waren." Über den Namen Aue-Bad Schlema ist sie "nicht so froh", Aue wäre ihr lieber. (juef/ike)


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