Entfesselter "Tanz der Gaukler" entfacht den Jubel der Zuhörer

Die Erzgebirgische Philharmonie Aue hat in ihrem Weihnachtskonzert am Donnerstagabend in der Kirche St. Nicolai nahezu Unbekanntes präsentiert. Das allerdings auf dem hohen Niveau einer Staatskapelle.

Aue.

Die Musikgeschichte ist gnadenlos. Der vermeintlich ewige Komponisten-Ruhm von gestern kann im Kampf mit den Konkurrenten schnell verglühen. Die Besucher des Weihnachtskonzerts in der Auer Kirche St. Nicolai erlebten, wie sich einst Umjubeltes und Vergöttertes heute anhört.

Obwohl nichts aus "Nussknacker" und "Hänsel und Gretel" auf dem Programm stand, kein Solist sang, waren sehr viele Gäste ins Gotteshaus gekommen. Darunter reichlich Kinder und Jugendliche, die unter den Kronenleuchtern und im Glanz vieler Kerzen aufgeregt von der Empore blickten auf diese zahlreichen Musiker mit ihren Instrumenten, die an diesem Donnerstagabend so prächtige Klangteppiche zauberten.

Zu den ganz Großen seiner Zeit gehörte Christoph Graupner (1683-1760). Beinahe hätte er Johann Sebastian Bach das Thomas-Kantorat weggeschnappt. Graupner konnte nur nicht nach Leipzig kommen, weil ihn sein Dienstherr nicht freigab. Die Ausschnitte aus Graupners Ouvertüren-Suite D-Dur, gespielt von der Erzgebirgischen Philharmonie verdeutlichten, warum Bach in ihm einen ernst zu nehmenden Konkurrenten hatte. Dirigent Dieter Klug, der stets die beliebten Weihnachtskonzerte leitet, verlieh dem Werk jene paukenmächtige auftrumpfende Überhöhung, die den damaligen Geldgebern einfach gefallen musste. Warum aber hat sich diese Musik nicht dauerhaft durchgesetzt? Vergleicht man sie mit Händel, ist dessen motivische Formkraft, etwa bei der "Wassermusik", doch um einiges stärker. Der Eindruck der Graupner-Ouvertüre war trotzdem bemerkenswert. Mit einer "Sinfonia in B" des Violinvirtuosen und Berliner Orchesterleiters Johann Gottlieb Graun (1703-1771) hatte das Weihnachtskonzert begonnen. Diese Musik ähnelt den kleinen Sinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach, der sich gegen seinen übermächtigen Vater ebenfalls nie durchsetzen konnte. Dirigent Klug wusste die stillen Momente der Musik von Graun besonders konsequent zu verdeutlichen. Das ist selten in den Sinfoniekonzerten der oft zu lauten Philharmonie, die gern auf Knalleffekte hinarbeitet.

Die Kirche St. Nicolai zeichnet sich durch eine sehr gute Akustik aus, die sowohl im Bass als auch im Diskant nichts verkleinert und entschärft. Anno 1893, im Eröffnungsjahr des Neubaus, starb Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Kaum einer kennt in Deutschland dessen Schauspielmusik zu "Schneeflöckchen" op. 12, ein großes Werk mit Chor und Solisten. Diese Musik war die Entdeckung des Abends. Glockenspiel, Harfe, große Besetzung mit viel Schlagwerk. Die Philharmoniker spielten den abschließenden "Tanz der Gaukler" wie eine entfesselte Staatskapelle mit berauschendem Übermut. Die Zuhörer jubelten. Das anschließende Weihnachtsliedersingen des Publikums hob die Stimmung nochmals kräftig an.

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