Explosion im Kinderzimmer: Amtsgericht verurteilt Ehepaar

Ein Sechsjähriger entdeckt Böller und ein Feuerzeug in der Wohnung. Das hat fatale Folgen für ihn - und nun auch Konsequenzen für die Familie.

Marienberg.

Der erste Satz des Angeklagten klingt beschwichtigend, fast profan. So, als ob sich alles wieder einrenkt irgendwann. "Das Kind kommt jetzt klar damit", sagt der Mann mit den nach hinten gekämmten dunklen Haaren. Womöglich sagt er es auch, um sich selbst zu beschwichtigen. Der Tragweite dessen, was passiert ist, wird dieser Satz aber kaum gerecht. Das Kind - damit ist der inzwischen siebenjährige Sohn gemeint, den die Frau des Angeklagten mit in die gemeinsame Familie brachte. Und klarkommen muss dieses mit den schwerwiegenden Folgen eines Unfalls, den der Angeklagte und dessen Frau - die hier neben ihm vor dem Richter des Marienberger Amtsgerichts sitzt - verschuldet haben sollen.

Ende Mai vergangenen Jahres im Erzgebirge: Monate sind seit dem Jahreswechsel vergangen, Silvesterknaller und -raketen haben sich längst in Schall und Rauch aufgelöst. Doch der Angeklagte hat noch einiges an Feuerwerk aufgehoben. Darunter: "Cobra"-Böller, gemeinhin wegen der starken Sprengkraft als sehr gefährlich eingeschätzt und in Deutschland verboten. "Ich habe sie in einer Kiste auf dem Schlafzimmerschrank aufbewahrt", gibt der Angeklagte zu. Von einem Bekannten habe er die Böller bekommen. Dass sie verboten sind, habe dieser nicht erwähnt. Seine Frau wusste, dass das Knallzeug im Haus ist. "Aber", wie sie im Laufe der Verhandlung sagt: "Ich war von Anfang an nicht damit einverstanden."

Dann kommt es zu dem großen Unglück: Einige der Kinder - insgesamt leben zu der Zeit fünf in der Familie - erklimmen den Schrank und holen Böller aus der Kiste. Einen davon nimmt tags darauf der damals Sechsjährige - und zündet ihn an seinem gekippten Kinderzimmerfenster an. Es kommt zu einer massiven Explosion, die dem Jungen mehrere Fingerglieder der linken Hand abreißt und das linke Auge so stark beschädigt, dass das Kind darauf dauerhaft blind sein wird.

Nun müssen sich die Angeklagten wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Dass das Geschehene für die beiden selbst ein großer Schock ist, steht außer Frage. Und nach den Aussagen von Polizisten, die vor Ort waren, bleiben auch kaum Zweifel am Hergang. Daher geht es hier vor allem auch um die Frage, ob sich die Erziehenden überhaupt der großen Verantwortung gegenüber den Kindern bewusst sind. Bei den von den Zeugen als chaotisch geschilderten Zuständen in der Wohnung ist vor allem der Angeklagte dieser Verantwortung nicht nachgekommen: Wieso hat er Böller dort aufbewahrt, in dem Wissen, dass viele Kinder in der Wohnung rumtoben? Wie konnte der Sechsjährige an ein Feuerzeug gelangen? Und besonders schwerwiegend: Am Abend vor dem Unglück habe der Angeklagte nach eigenen Angaben bereits gewusst, dass Böller fehlten. Warum hat er tags darauf nicht noch einmal intensiv nachgesehen, ob diese nicht in Kinderhände geraten sind?

Eine plausible Erklärung - außer: Feuerzeuge gebe es im Haus, weil er rauche - hat er nicht. Stattdessen sagt er: "Ich hab' Scheiße gebaut." Die von Richter Toralf Kliemt verhängten sechs Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, sowie 75 Stunden gemeinnützige Arbeit nimmt er ohne zu zögern an. Er habe "extrem gedankenloses Verhalten" gezeigt und trage die Hauptverantwortung, begründet der Richter. Das Strafmaß für die Frau fällt daher geringer aus: 90 Tagessätze zu 5 Euro soll sie zahlen - ein Mindestmaß, wegen der prekären Finanzsituation. Auch sie akzeptiert ihre Strafe.

Ihren Mann sieht sie während der gesamten Verhandlung nur ein einziges Mal an. Es ist der Moment, in dem ihr Ton scharf wird. "Es sind Bomben", sagt sie über die Böller und deutet auf ihn: "Er hat immer gesagt, er habe sie weggesperrt, sodass die Kinder nicht rankommen."

Ob sie inzwischen Konsequenzen gezogen habe, will der Richter noch wissen. "Ja" - beim Jugendamt und der Diakonie habe die Frau um Unterstützung gebeten. Dann hält sie kurz inne und fügt hinzu: "Außerdem trenne ich mich von meinem Mann. Es geht nicht mehr."

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