Forscher setzen sich auf die Spur der Grenzwölfe

Wissenschaftler aus Sachsen und Tschechien erforschen in einem gemeinsamen Projekt auch die Wanderbewegungen der Tiere im Erzgebirge.

Aue/Schwarzenberg.

"Das liegt schon zu lange." Paul Lippitsch und Lukáš Žák gehen in die Hocke. Mitten auf dem Wanderweg befinden sich die Reste eines Beines. "Der Hinterlauf von einem Reh", sagen die Männer. Wer hier gejagt und gefressen hat, lässt sich nicht mehr sagen. "Um genetische Spuren zu sichern, ist schon zu viel Zeit vergangen", meint Paul Lippitsch und hält das Knochenstück gegen das Sonnenlicht. Zu vertrocknet. Könnten Füchse gewesen sein, vielleicht ein Marderhund. Aber ja, auch der Wolf kommt infrage. Es gibt ein Rudel im Raum Cunewalde südlich von Bautzen. Im Gebiet des Berges Czorneboh können die Ökologen vom Senckenbergmuseum für Naturkunde Görlitz Wolfsspuren finden.

Der Hinterlauf könnte ebenso im Raum Oberwiesenthal im Erzgebirge liegen. Auch dort waren die Wölfe bereits. Und dort sind die Wissenschaftler seit einiger Zeit ebenfalls unterwegs. Paul Lippitsch (30), gebürtig aus Jauer bei Panschwitz-Kuckau, und Lukáš Žák (41) aus dem tschechischen Dolní Poustevna (Nieder Einsiedel) nahe Sebnitz ziehen dann die Wanderschuhe an und starten ihre Tour - die Augen suchend auf den Boden gerichtet. Regelmäßig laufen sie jedes Untersuchungsgebiet ab. Im Gepäck haben sie Plastikdosen, manche gefüllt mit Ethanol für Genetikproben.

In den Behältern sammeln sie, was sie an mutmaßlichen Wolfsspuren finden. Meist Kot, Wissenschaftler sagen Losung. Sie sind Mitarbeiter in einem besonderen Wolfsprojekt. Dabei werden systematisch die Tiere im böhmisch-sächsischen Grenzgebiet erforscht. Von Zittau durch das Lausitzer Bergland, die Sächsische Schweiz, das Erzgebirge, das Vogtland bis zur bayrischen Landesgrenze. Finanziert wird das von der Europäischen Union. Neben Senckenberg sind die Prager Universität für Umweltwissenschaften, Tschechiens Umweltministerium und weitere Partner dabei.

Das Erzgebirge ist ein Schwerpunkt des Projektes. "Wir wissen definitiv, dass die Nutztierrisse bei Oberwiesenthal auf das Konto von Wölfen gehen", sagt Lukáš Žák. In der Region lebt ein Elternpaar mit mindestens drei Welpen. Mit sieben Fotofallen verfolgen die Experten die Tiere dort. Das sind kleine graue Kästen, angebracht an Bäumen. Darin verborgen ist eine Kamera, die automatisch auslöst, sobald sich etwas bewegt. Auch in Cunewalde kontrollieren die Ökologen an diesem Tag so eine Falle. Sie hängt an einer Fichte kurz über dem Boden. Auf einem winzigen Bildschirm können die Wissenschaftler ablesen, wie viele Aufnahmen seit der letzten Kontrolle vor etwa drei Wochen entstanden sind. 325 sind es laut Anzeige. Sie klicken sich durch. Der Kasten zeigt Wildschweine, Rehe, Wiese, Bäume - "manchmal reicht auch ein Ast, der sich bewegt, dann löst die Kamera aus", erklärt Paul Lippitsch. Wölfe sind nicht zu erkennen.

Um mehr über die Tiere im Grenzgebiet zu erfahren, sollen die Wölfe Sendehalsbänder bekommen. Das Mindestziel ist ein Wolf pro Forschungsterritorium. Gemeint sind Lausitzer Bergland, Nationalpark Böhmisch-Sächsische Schweiz samt Hohwald-Region sowie Výsluní im Osterzgebirge.

Für die Männer ist die Arbeit ein Traumjob. Sie ist auch der Versuch, die Akzeptanz für den Wolf zu erhöhen. Nicht so einfach in aufgewühlten politischen Zeiten, wie Paul Lippitsch sagt. Wer grundsätzlich eher ängstlich sei, sorge sich auch wegen der Wölfe. Andere sind neugierig. So wie Lukáš Žák: 300 Meter von seinem Haus in Dolní Poustevna entfernt, hat er Wölfe gesehen. Pfotenabdrücke waren sogar nur 90 Meter weit weg. Den Ökologen beunruhigt das nicht. Er hat versucht, den Spuren zu folgen. Liest man Internet-Kommentare zu Wolfshinweisen in Dörfern, wird deutlich - einige Leute reagieren mit Furcht.

Nach sieben Kilometern und knapp zwei Stunden Fußmarsch ist die Tour für diesen Tag beendet. Weil heute nichts Neues zu sehen war, wird sich die Büroarbeit in Grenzen halten. Sonst dauert es schon mal mehrere Stunden, um alle Funde zu protokollieren.

Mehr zum Projekt erfahren Sie unter dem Internetlink: www.freiepresse.de/owad

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