"Freistaat sollte Kommunen weniger bevormunden"

Bürgermeister Ingo Seifert kritisiert Förderpraxis des Landes - Selbstständigkeit von Schneeberg nicht in Gefahr

Schneeberg.

Schneebergs Stadtchef Ingo Seifert (Freie Wähler/Bika) hat die Hälfte seiner Amtszeit absolviert. Redakteur Thomas Mehlhorn zog deshalb mit ihm eine Halbzeitbilanz. Dabei ging es nicht nur um den "Schneexit" und das Verhältnis zu Bad Schlema, sondern auch um die Zukunft eines neuen Verkehrskonzepts.

"Freie Presse": Herr Seifert, Ihre Amtszeit geht in die Halbzeit. Wäre es ein Fußballspiel, welche Ansprache würde es in der Kabine geben?


Ingo Seifert: Ich würde ein überwiegend positives Fazit der ersten Hälfte ziehen. Doch wir müssen konzentriert weiterarbeiten. Durch die Kommunalwahl läuft bald eine neue Mannschaft auf. In der zweiten Hälfte müssen wir uns auch über das künftige Schneeberg im Jahr 2030 Gedanken machen.

Nach dem ersten Jahr haben Sie sich die Note Gut gegeben, wie sieht das heute aus?

Da sehe ich derzeit keinen Grund, das zu ändern. Ich bleibe bei der Note Gut.

Der Beginn Ihrer Amtszeit war vom "Schneexit" geprägt. Wie bewerten Sie heute den Ausstieg aus der Einheitsstadt und hat das Projekt überhaupt noch eine Chance?

Es war auf jeden Fall richtig, nicht weiter das Projekt der Einheitsstadt zu verfolgen. So etwas geht nur mit der Beteiligung der Bürger und die hätten uns damals eine Absage erteilt. Ich sehe die Bildung immer größerer kommunaler Strukturen kritisch, da die Gefahr besteht, dass die Bürgernähe verloren geht und die Verwaltungen zu ineffektiv werden. Für einen Zusammenschluss mit Aue-Bad Schlema ist es jetzt ohnehin zu spät, da dies damals nur auf Augenhöhe gegangen wäre. Diese Gleichberechtigung sehe ich nun nicht mehr.

Nach ihrer Anfrage zur Herauslösung Wildbachs aus Bad Schlema beim Innenministerium gab es aus Bad Schlema heftige Kritik. Warum?

Wichtig ist zu wissen, dass die Wildbacher zuerst auf Schneeberg zugegangen sind, mit der Bitte die Möglichkeit einer Herauslösung zu prüfen. Diese habe ich lediglich an das Sächsische Innenministerium weitergeleitet. Ich hätte mich aber nicht gegen ihren Wunsch gestellt, denn aus meiner Sicht würde Wildbach gut zu Schneeberg passen.

Warum hat es mit der gemeinsamen Tourist-Info mit Bad Schlema nicht geklappt. Wie geht es weiter?

Schneeberg wollte gern eine gemeinsame Tourist-Information mit Bad Schlema. Wir wollten der bestehenden Arbeitsgemeinschaft beitreten und hatten dafür gemeinsam einen Zeitplan festgelegt. Doch an diesen hat sich Bad Schlema nicht gehalten. Auch der Gemeinderat des Ortes hat nicht darüber abgestimmt. Deshalb hat der Tourismus- und Gewerbeverein schließlich unsere Tourist-Info übernommen. Insgesamt wäre es jedoch gut, wenn in der Region die Kommunen beim Thema Tourismus besser zusammenarbeiten. Wir müssen ein attraktives Paket schnüren. Dabei geht es vorrangig darum, dass Besucher überhaupt zu uns kommen, egal in welchem Ort sie dann übernachten. Dabei dürfen wir die Chancen, die ein Weltkulturerbe-Titel bringt, nicht verpassen.

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und dem ehemaligen Bürgermeister von Bad Schlema?

Eher sachlich.

Kann Schneeberg auf lange Sicht seine Selbstständigkeit sichern?

Ja. Mit unserer Größe von 13.000 bis 14.000 Einwohnern sollten wir auch künftig überleben können. Hier ist man wortwörtlich noch Bürgermeister und lebt nicht anonym.

Bei vielen Vorhaben ist die Stadt auf Fördermittel angewiesen. Wie viel kann man da als Bürgermeister noch gestalten?

Tatsächlich ist es für den Stadtrat und den Bürgermeister bei der derzeitigen Praxis der Förderung durch EU, Bund und Freistaat schwierig, eigene Ideen umzusetzen. Meist geht es darum, die angebotenen Förderprogramme geschickt einzusetzen. Besser wäre eine pauschale Zuweisung. Dann könnte die Stadt unabhängig von Richtlinien agieren und es würden sich öfter Diskussionen darüber entwickeln, was wir unterstützen wollen. Da sollte zum Beispiel der Freistaat seine Kommunen weniger bevormunden.

Die Schneeberger sorgen sich um den Zustand historischer Gebäude wie des Möbelhauses Uhlig oder des alten Bahnhofs Neu-städtel. Wie geht's da weiter?

Beim Verkauf des alten Bahnhofs hatten wir gehofft, dass der Käufer sich auf unser Gutachten berufen kann, das eine denkmalgerechte Sanierung als unverhältnismäßig einschätzt. Leider musste der Investor nun noch ein eigenes Gutachten erstellen lassen. Wir hoffen, dass er uns nicht abspringt, das Gebäude abreißen darf, um neu zu bauen. Beim Möbelhaus Uhlig hoffen wir nach wie vor, dass es mit dem neuen Investor wieder eine Zukunft hat.

Die Gastronomie-Ausbildung in Schneeberg ist aktuell gefährdet, da die Lehrlinge aus dem Landkreis Zwickau nicht mehr am BSZ lernen dürfen. Gibt es eine aktuelle Entwicklung?

Es soll die Schulnetzplanung überarbeitet werden. Ich wünsche mir, dass die Azubis kurze Wege und beste Bedingungen haben. Deshalb darf das BSZ Schneeberg nicht den Zwickauer Lehrlingen vorenthalten werden.

Sie wollen mit einem Verkehrskonzept die Innenstadt lebenswerter machen. Ist das wirklich nötig?

Ja, daran habe ich keinen Zweifel. Das Verkehrsgutachten hat gezeigt, dass 90 Prozent der Autofahrer nur das Zentrum durchfahren. Doch wir haben in Schneeberg eine große gastronomische Vielfalt. Dank dieser könnten wir mit der Sperrung unseren Gästen eine hohe Aufenthaltsqualität bieten. Davon würde die Stadt sehr profitieren, gerade auch im Hinblick auf das touristische Potenzial eines Welterbetitels. Außerdem bleibt das Stadtzentrum weiter von allen Seiten erreichbar.

Vermissen Sie Ihr Büro im Rathaus? Wann ist nach der Sanierung der Umzug geplant?

Ja, denn das denkmalgeschützte Bürgermeisterzimmer ist sehr schön. Wir hoffen, dass die Sanierung Ende 2019/Anfang 2020 beendet sein wird. Dann könnten wir im Frühjahr wieder in das Rathaus an den Markt ziehen.

Wollen Sie noch einmal als Bürgermeister kandidieren?

Bis zur Neuwahl 2022 ist noch ausreichend Zeit, sich diese Entscheidung zu überlegen. Erst einmal gilt es in den nächsten Monaten und Jahren das Beste für Schneeberg zu erreichen.


Zur Person

Ingo Seifert (49) ist in Erlabrunn geboren und lebt seit 2001 in Schneeberg. Er ist verheiratet und Vater von drei Söhnen. Seifert lernte zunächst beim Fischfang Rostock und fuhr zur See; seit 1991 arbeitete er bei der sächsischen Polizei. Bei der Bürgermeisterwahl im Juni 2015 setzte er sich gegen seine Kontrahenten durch.

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