Geflüchtete in Arbeit: Wie funktioniert es?

Wie viele Asylbewerber seit dem Winter 2015/2016 einen Job haben, ist nicht ganz klar. Das Landratsamt erfasst diese Daten nicht trennscharf. Doch sieht die Praxis aus?

Stollberg.

Thomas Leis will dieses Jahr vier Azubis ausbilden. "Normalerweise sind es nur ein oder zwei. Aber wir brauchen ja Nachwuchs", sagt der Geschäftsführer der Heros Anlagenbau GmbH aus Niederdorf. Das Unternehmen ist unter anderen auf dem Gebiet von Elektromontagen und Schaltanlagenbau unterwegs. Unter den Azubis ist auch ein Iraker. "Sein Praktikum lief gut. Im September wird es ernst." Leis habe gute Erfahrungen gemacht. So beendet ein anderer Flüchtling aus Afghanistan jetzt die Ausbildung bei Heros. "Der hat zwei goldene Hände, spricht gut Deutsch", sagt Leis.

Ob solch gute Erfahrungen nur die Ausnahme oder doch die Regel sind, ist unklar. Wie viele Asylbewerber seit der Flüchtlingskrise im Erzgebirgskreis einer geregelten Arbeit nachgehen, wird nicht separat erfasst, so Stephanie John von der Pressestelle des Landratsamtes. Laut Statistik waren 2018 249 Ausländer aus nicht europäischen Asylherkunftsländern (Afghanistan, Syrien, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia) als sozialversicherungspflichtige Beschäftigte gemeldet - darunter sind aber nicht nur Menschen der jüngsten Flüchtlingskrise, sondern auch Personen, die schon länger in Deutschland leben. Im Sommer 2018 gab es im Kreis 615 anerkannte Asylbewerber - weitere 1800 waren Flüchtlinge, die entweder geduldet waren oder deren Asylverfahren lief.


"Die Integration in Arbeit nimmt aber Fahrt auf", sagt Simone Heinrich von der Arbeitsagentur. "Eine Integration kann allerdings nur gelingen, wenn sich beide Seiten aufeinander einstellen. Zudem ist es Aufgabe des Unternehmens, dabei auch die Belegschaft mitzunehmen. Einige Integrationen sind bereits an mangelnder Akzeptanz der eigenen Mitarbeiter gescheitert." Es gebe aber etliche Unternehmen, die gezielt nach Flüchtlingen fragen würden, so Heinrich. Die meisten Geflüchteten seien in Fertigungsberufen (77), im Hotel- und Gastgewerbe (52), in der Pflege (36) und in Bauberufen (24) tätig. "Im Vergleich zum Vorjahr nahmen 44 Prozent mehr Geflüchtete - also 78 Personen - eine Beschäftigung auf."

Es gebe aber auch Unternehmer, die Flüchtlinge explizit ablehnen. Die Gründe sind unterschiedlich, jedoch erfolgen Ablehnungen oft wegen Vorurteilen - oder aber schlechten Erfahrungen. Neben unzureichenden Sprachkenntnissen seien auch die mitunter falschen Vorstellungen der Flüchtlinge vom neuen Job ein Grund. Das bestätigt Gisela Clausnitzer, Sprecherin der Stadt Marienberg: Die Kommune habe überwiegend negative Erfahrungen gemacht. "Denn die Flüchtlinge kamen in einer sehr frühen Phase ihres Aufenthaltes, wo noch völlig falsche Vorstellungen überwogen. Sie waren davon ausgegangen, ohne deutsche oder englische Sprachkenntnisse in ihrem Heimatberuf hier arbeiten und ihren gewohnten Arbeitsrhythmus beibehalten zu können." Trotz Erklärungen hätten sie nicht verstanden, dass ein positives Arbeitszeugnis für eine Arbeitsgelegenheit später eine wertvolle Referenz sei. Clausnitzer: "Ein afghanischer Flüchtling blieb in positiver Erinnerung, leistete mehrere Monate sehr gute Arbeit im Bauhof. Nach seiner Asylanerkennung zog die Familie zu Landsleuten nach Leipzig - trotz des Angebots, bei der Suche nach regulärer Arbeit und Wohnung Hilfe zu bekommen."

In Kommunalverwaltungen sind offenkundig kaum noch Flüchtlinge beschäftigt. Eine Umfrage ergab, dass weder Zwönitz noch Stollberg, Schwarzenberg oder Zschopau Flüchtlinge beschäftigen. Ebenso ist es in Aue-Bad Schlema. "Bürgermeister Heinrich Kohl bedauert, dass Flüchtlinge und Asylbewerber nicht für gemeinnützige Arbeiten zur Verfügung stünden, obwohl die Mitarbeiter des Betriebshofes für die Integrationswilligen als Helfer da seien", so Stadtsprecherin Jana Hecker. In der Vergangenheit habe man aber gute Erfahrungen gemacht - etwa im Pflegeheim. Laut dem Kommunalen Integrationskoordinator Holger Bunthe seien fünf Stellen bei Trägern bewilligt - vier zur Unterstützung im Verein Help, eine Stelle in der Auer Brücke. "Besetzt sind aber nur zwei Stellen. Die Stelle in der Auer Brücke war bis Ende April mit einer Geflüchteten besetzt. Diese ist aber ausgeschieden, da sie im Diakonissenhaus Zion eine reguläre Tätigkeit aufgenommen hat."

Und was wird aus dem jungen Afghanen, der zwei goldene Hände hat und bei Heros in Niederdorf ausgebildet worden ist? Der hat doppelt Glück. Ihn hat eine Pflegefamilie übernommen. Und die Firma? "Er bekommt bei uns einen Arbeitsvertrag", sagt Geschäftsführer Leis.

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