Heiko ruft Alex

Wie ein Amateurfunker aus dem Erzgebirge sich von der DDR aus auf Radiowelle die Welt erschloss - und es nach der Wende sogar bis in die Erdumlaufbahn und an das Ohr von Astronauten geschafft hat.

Diese Geschichte hat eine Vorgeschichte: Am Ende des Zweiten Weltkrieges saß an manchen Abenden der Großvater in der Küchenecke, eine Decke über den Kopf geworfen, und mit ihm darunter: das Radio. "Die werden dich schon noch abholen", zeterte die Großmutter: Ihr Mann hörte BBC London auf Kurzwelle und manchmal auch Beromünster, und beides war streng verboten. Aber er wollte trotzdem wissen, was wirklich in der Welt vorging. Als das Nazi-Regime dann vorbei war, sollte es der Enkel sein, der der Stimme von Radiosprecher Lindley Fraser lauschte: London kontra Radio DDR. Später gehörte er zu der Equipe der Kurzwellenhörer - gerade eben spielt All Radio New Delhi eine Sinfonie von Tschaikowski. 34.000 Mitglieder gibt es heute im Deutschen Amateur-Radio-Club: Heiko Meier ist einer davon.

Freilich, bei ihm fing das alles anders an, er gehört ja zu einer anderen Generation. Geboren 1961 in Aue, aufgewachsen in Lößnitz - in "der Muhme" sagen die Einheimischen. Der Vater Hauer bei der Wismut. Beinahe wäre es zu einer ganz normalen Kindheit mit Fußball und Briefmarkensammeln gekommen. Aber eines Tages sagte ein Freund zu Heiko: "Du, wir sollten mal nach Aue gehen, zur GST." Das war die sogenannte Gesellschaft für Sport und Technik, in der DDR eigentlich für die vormilitärische Ausbildung zuständig - aber eben auch der Ort, wo es Technik zu erleben gab. Tauchen. Einen im Prinzip kostenlosen Führerschein bis zum LKW. Und: "Mensch, da kann man richtig funken", lockte der Freund, und kurz darauf marschierte Heiko mit anderen Jungen in den Wald und versendete zum ersten Mal eine Nachricht mit einem Funkgerät. Er war angeknipst: "So was müsste man selber haben", dachte sich der Erzgebirger.


Als die Zeit der Berufswahl gekommen war, bewarb Heiko Meier sich bei der Deutschen Post als Fernmeldetechniker. Schon 1978, als Lehrling mit 17 Jahren, bekam er seine erste Funklizenz mit dem internationalen Rufzeichen DM3VFN (das "DM" stand damals für "DDR"). Denn Sendeanlagen auf der Basis drahtloser Radiowellen darf man ab einer bestimmten Leistung, ab der es natürlich erst interessant wird, nur mit offizieller Genehmigung betreiben. Amateuren ist es weltweit auf sogenannten Amateurfunkbändern im Langwellen-, Mittelwellen-, Kurz- und Ultrakurzwellenbereich zwischen 135 Kilo- und 250 Gigahertz erlaubt. In der vordigitalen Zeit mussten sie mit ihren unverschlüsselten Sendungen auch dort bleiben, um nicht den Übertragungen von Radiostationen oder dem Profifunk von Militär, Polizei oder Flugverkehr dazwischenzufunken. Die eigene Funkkennung eröffnete da eine ganz weite Welt.

Dann drohte die Armeezeit - da war er drei Jahre bei einer Nachrichteneinheit in der Nähe von Berlin. Nur als man ihn als Reserveoffizier werben wollte, sagte Meier nein: Er wollte vor allem funken, um mit "anderen Leuten" in Kontakt zu kommen. Was im Klartext bedeutete: mit Menschen auf der ganzen Welt, Westen ausdrücklich inklusive. Also suchte er sich eine Arbeit, kam ins Halbzeugwerk Auerhammer in der Erzgebirgsstadt Aue. Absolvierte ein Fernstudium mit Bravour und lebte natürlich seine Funkambitionen aus. Es machte ja Spaß und war so etwas wie das Facebook der Vergangenheit. Natürlich wurde man kontrolliert - aber für Heiko Meier war es eine Grenzübertretung. Die ganze Welt öffnete sich für ihn, und heute noch ist er stolz, dass er mit seiner Anlage 1983 die Antarktisstation der DDR erreichte. Und dann kam die Wende, in der Gesellschaft, im Leben des Einzelnen und eben auch im Leben als Funkamateur. Erst einmal stand er beinahe ohne Beruf da. In der Fabrik gab es Kurzarbeit - was sollte werden?

Plötzlich half seine Funkerwelt: Mit einem Unternehmen in Nürnberg hatte er Kontakt, und ab 1. September 1990 wurde die Firma Heiko Meier gegründet. Man verkaufte zunächst Funkanlagen - die wurden gebraucht in den Jahren des Aufbruchs. Es gab in der DDR nur ein marodes Telefonnetz, viele Baubetriebe hatten noch keine der damals sehr raren und teuren Mobiltelefone, also arbeiteten sie mit Meiers Funkgeräten. Und ein paar davon gibt es noch heute. Mittlerweile hatte er geheiratet, seine Frau ist auch eine lizenzierte Funkerin. Nur die beiden Jungen sind andere Wege gegangen; der eine, Janko, ist Manager bei Siemens, und der andere, Manuel, hat sein sportliches Talent zum Beruf gemacht - als Vizeweltmeister in Karate arbeitet er heute als Trainer.

Demnächst existiert das Unternehmen drei Jahrzehnte. Und nunmehr ist es die Umwelttechnik, die Meier mit fünf Mitarbeitern betreibt. Geräte zur Datensammlung von Wetter und Wind, Klimabeobachtung, Feinstaubmessung; man hat zu tun. Aber die Funktechnik hat er nicht aufgegeben. Meier hat die größte Notfunkstation im Erzgebirge. Vielleicht sieht man es schon am Antennenwald, der hinter dem Haus gewachsen ist. Die Kurzwellen-Antenne 14 Meter hoch, 15 Meter Spannweite. Entfernungen von 10.000 Kilometern sind da kein Problem. So könnte er, wenn es denn not täte, seine Notfunkstation nützen. Man sage nicht, wir bekommen keine Tornados, bei uns bricht das Stromnetz nicht zusammen. Hacker hacken überall, und auch die Vielschichtigkeit heutiger Stromnetze macht sie instabil, angreifbar. Aber selbst, wenn alle öffentlichen und nichtöffentlichen Kommunikationsmittel nicht mehr funktionieren würden, wäre Meiers Notfunkstation verfügbar.

Freilich, damit man gerüstet ist für künftige Zeiten, braucht es nicht nur technisches Gerät, sondern auch Leute, die es bedienen. Von daher war Nachwuchs gesucht, und er hatte eine Idee: Wie wäre es denn, eine Gruppe junger Funkamateure zu bilden, und damit die eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse weiterzureichen? Dafür hatte er ein attraktives Lockmittel im Auge: Gerade war der deutsche Astronaut Alexander Gerst in der internationalen Raumstation ISS - da hoffte Heiko Meier, vielleicht könne man mit "Astro-Alex" einmal im Orbit reden. Er hatte schon länger einen Versuch unternommen, einmal mit der ISS in Kontakt zu kommen - aber da das Unternehmen der Nasa gehört, ging nichts ohne Genehmigungen, Prüfungen, Absprachen. Über zwei Jahre zuvor hatte er den Antrag bei der Organisation Ariss (Amateur Radio on the International Space Station) für einen Funkkontakt gestellt. Die Raumstation anzufunken, das ist immerhin eine Art Mount Everest für Amateurfunker, ein ausgesprochen begehrter Kontakt. Fast hatte der Erzgebirger die Hoffnung schon aufgegeben, da kam im Januar 2018 die Zusage. Daraufhin warb er mit einem Vortrag vor zwei 8. Klassen am Matthes-Enderlein-Gymnasium Zwönitz um Interessenten für den Aufbau einer Funkergruppe. Von anfangs 13 Schülern sind neun dabeigeblieben, und acht davon haben schon die Lizenz für Amateurfunk erworben. Wohlgemerkt: nicht die Einsteiger-Variante, sondern die ausgewachsene Erwachsenenlizenz, für die man einiges Wissen und Können nachweisen muss. Der Lohn: ein eigenes internationales Rufzeichen.

Dann endlich sollte es Wirklichkeit werden. Am 13. August 2018 gab es für die Zwönitzer ein Zeitfenster, als die ISS über den Horizont geflogen kam. Doch es klappte nicht, die Nasa hatte einen Termin verwechselt. Kurze Zeit später aber konnten endlich seine Eleven mit Alex reden. Freilich nur ein paar Fragen. Heiko redet mit Alex, das war es - und seine jungen Leute funkten die Fragen. Franz: "Welche Zeitzone wird auf der Station gelebt? Over." Anshdeep: "Wie ist das mit dem Essen geregelt und wie ist der Geschmack? Over." Eric: "Was müssen wir tun, um Astronaut zu werden? Over." Sechs Fragen wurden die Hobbyfunker unter großem medialen Interesse los. Dass die Antworten Gersts kaum zu verstehen waren und die Teile, die man im Rauschen hören konnte, in der Aufregung fast vollständig untergingen, war dabei eigentlich nebensächlich: Der Kontakt war gelungen, man hatte eine Verbindung hergestellt. Das zählte: Funkerglück also! Heiko Meier freut sich über das Gelingen. Man muss ja nicht zum Mond reisen. Es kann schon ein Vergnügen sein, im Weltall per Funk zu spazieren. (mit ike)

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