Idee eines Lößnitzers: 24. Glocke soll die Einwohner versöhnen

Das Vorhaben könnte mit Spenden durch eine Bürgerstiftung realisiert werden, sagt Jan Leichsenring. Das erste Geld will er selbst in den Topf legen.

Lößnitz.

Eine volle Erzgebirgshalle und eine übergroße Mehrheit, die sich einig ist: Das Lößnitzer Bronzeglockenspiel soll in seiner jetzigen Form weiterklingen. Nazi-Inschriften auf vier der 23 Glocken werden durch Infotafeln erklärt, das Glockenspiel zum Mahnmal gemacht.

Jan Leichsenring (48) saß mittendrin, als Bürgermeister Alexander Troll (CDU) am Dienstagabend diesen Vorschlag unterbreitete. Er hob die Hand, doch er spürte, dass es das noch nicht war. "Bei mir persönlich kam das Gefühl auf, dass die Lößnitzer Bürgerschaft gespalten weiter lebt", schrieb er an die "Freie Presse".

Denn da gibt es auch die Gegenmeinung, vertreten vor allem von der Ortsgruppe der Linken, die die Glocken mit den Inschriften durch unbelastete ersetzen möchte und mit der Glockenstifterin Clara Pfauter, Ehrenbürgerin von Lößnitz, hart ins Gericht geht. Ortsgruppen-Chef Nikolai Hager kann belegen, dass Pfauters Firma in Chemnitz hunderte Zwangsarbeiter beschäftigte und Pfauter selbst, obwohl nicht mehr Geschäftsführerin, mit hoher Wahrscheinlichkeit Bescheid wusste und den Nationalsozialisten nahe war.

Während der Podiumsdiskussion ließ die Masse der Teilnehmer Hager nicht ausreden, Altlinke sprachen hinterher von "Pogromstimmung", was stark übertrieben ist, aber ja: Streitkultur war das nicht, in diesem Moment herrschte Unfrieden.

Jan Leichsenring hat sich Gedanken gemacht. Er will die Aufarbeitung des Glockenstreits in "greifbare, sichtbare, hörbare Form bringen", schreibt er. In Gestalt einer Versöhnungsglocke, deren Ton verbindet und mahnt. Ein Zeichen, "um einer Spaltung entgegenzuwirken."

Finanziert werden soll die Glocke durch Spenden. Falls das Vorhaben in Gang kommt, will er selbst die erste Einlage tätigen, sagt Leichsenring. Organisiert werden soll alles über eine Bürgerstiftung. Für technisch machbar hält er seine Idee. Zu DDR-Zeiten arbeitete er für Elektromeister Helmar Römer, der das Glockenspiel vor dem Verfall rettete. "Im Glockenstuhl der Johanniskirche ist genug Platz, um sie zu hängen. Auch in der Turmlaterne wäre das möglich. Dort könnte man die Versöhnungsglocke über die Mechanik ins Glockenspiel einbeziehen."

Pfarrer Raphael Weiß hält ein Zeichen der Versöhnung für wünschenswert. "Die Gestaltung der Infotafeln könnte ebenfalls ein solches Projekt werden", sagt er. Die Versöhnungsglocke zu realisieren, erscheint ihm kompliziert. "Aber es ist ein weiterer Vorschlag, das ist gut."

Bürgermeister Alexander Troll begrüßt die Idee. "Es wäre zu prüfen, inwieweit sich die Versöhnungsglocke sogar in die Gestaltung des Mahnmals einbinden lässt", sagte er am Freitag. Die Ergänzung des Glockenspiels durch eine 24. Glocke hält er jedoch für sehr schwierig.

Jan Leichsenring will etwa drei Wochen abwarten. Bei großem Zuspruch möchte er dann mit der Stadt zu einer Bürgerversammlung einladen, um das weitere Vorgehen zu erörtern. Wer sich äußern möchte, kann das auch im Bürgermeisteramt tun, Telefon: 03771 557 580.

Der Brief von Jan Leichsenring ist im vollen Wortlaut unter diesem Link zu lesen:

www.freiepresse.de/leserbrief

3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    3
    KTreppil
    29.09.2019

    Die Idee mit der 24. Glocke ist sehr gut und sollte weiter verfolgt werden.
    Mit Versöhnung ist es aber so eine Sache, wenn direkt Betroffene bzw. Opfer diese nicht wollen oder können, dann muss man dies akzeptieren und ihnen zugestehen. Mit Leuten wiederum, die nicht aufhören können, die Moralkeule zu schwingen, schon aus Prinzip, ist Versöhnung aussichtslos. Dessen sollte man sich bewusst sein.
    Ansonsten beziehe ich mich auf meinen vorangegangenen Kommentar: Kirche im Dorf, Glocken am Turm lassen und gerne auch noch eine Glocke dazu.

  • 9
    2
    Lesemuffel
    29.09.2019

    Auch dir Deutschen dürfen lückenlos zu ihrer Geschichte stehen, Tatsachen einfach auslöschen? Warum denn? Versöhnung mit wem? Die Bürger mit Frau Pfauter? Verstorbene mit Lebenden? Was soll das ständige Aufrühren der Nazizeit? Die Deutschen erkennen doch ihre Schuld an, haben riesig dafür bezahlt? Was wollen Sie noch? Haben Sie auch mal was für Zukunft, Gegenwart, für Verständnis für die Geschichte? Deutschland hält sich doch an die Verpflichtung im 2+4-"Vertrag die
    Geschichte weiter im Sinn der Sieger zu beschreiben.

  • 2
    15
    Distelblüte
    29.09.2019

    Die Idee einer Versöhnungsglocke ist gut gemeint. Und für die Zukunft sicherlich eine Option. Aber solange in Lößnitz Menschen angegangen werden, die wie Herr Hager an die Wahrheit erinnern - dass die Glockenstifterin Pfauter stramme SS-Anhängerin war und in ihren Betrieben Zwangsarbeiter beschäftigte - steht der Versöhnung noch viel im Weg.



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