Jacob geht den Jakobsweg

260 Kilometer Pilgerweg sind Mandy Anger und ihr Sohn in diesem Sommer gelaufen. Unterwegs wurde der Junior elf Jahre alt.

Eibenstock.

Gut, Mandy Anger und ihr Sohn Jacob vermitteln auf den ersten Blick nicht gerade den Eindruck durchtrainierter Menschen. Deshalb mag man zunächst zweifeln, ob sie tatsächlich in zwölf Tagen die 260 Kilometer vom portugiesischen Porto gen Norden nach Santiago de Compostela gelaufen sind. "Vielleicht war es auch deshalb, weil ich ein Zeichen setzen wollte", sagt die 42-jährige Mutter. "Wir wollten einfach sehen, ob es geht."

Und es ist gegangen, vielmehr sind die beiden gegangen. Jeden Tag eine Etappe von um die 20 Kilometer. Am Anfang stand die Frage: Was wollen wir in diesem Jahr im Urlaub machen? Strandurlaub? Darauf hatten Mutter und Sohn keinen Bock. Doch eigentlich war da noch etwas anderes ganz am Anfang, nämlich Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg", in dem er seine Erfahrungen auf dem Pilgerweg beschreibt.

"Ich habe das Buch gelesen, als ich 2007 mit Jacob schwanger war, seitdem geisterte der Gedanke in meinem Kopf, es auch mal auszuprobieren." Als sie ihren Sohn nun fragte, ob er sich das vorstellen könnte, musste der nicht lange überlegen. Nach der Grundschule und dem anstehenden Wechsel aufs Gymnasium sah die Mutter den nicht ganz gewöhnlichen Urlaub auch als Möglichkeit, das Selbstbewusstsein ihres Sohnes zu stärken.

Mandy Anger gibt zu, dass es ihr auf dem Nürnberger Flugplatz vorm Start nach Porto doch etwas mulmig war. "Viele hatten im Vorfeld Bedenken geäußert wegen Jacob, und ich habe schließlich die Verantwortung für ihn. Ich konnte ja nicht wissen, wie er reagieren würde auf das, was uns unterwegs widerfährt."

Doch gerade Jacob erzählt im Nachhinein begeistert von den Tagen auf dem Caminho Portugues: "Wir haben ganz viele Leute kennengelernt, auf der letzten Etappe haben wir uns alle wiedergetroffen in Santiago de Compostela." Er will auch einmal den großen Pilgerweg über 800 Kilometer gehen - "wenn ich ein bisschen größer bin", sagt er.

Viel positive Resonanz haben Mandy Anger und ihr Sohn erfahren, das war schon unterwegs auf dem Weg der Fall, denn über den Status auf dem Handy informierte die Mutter die Daheimgebliebenen, unter anderem, damit sich sein Vater keine Sorgen macht.

Zu Jacobs 11. Geburtstag am 28. Juli hatten die beiden etwa die Hälfte des Weges hinter sich. In dem Ort Vila Nova de Cerveira fanden sie eine Herberge und einen Gastgeber, der den Jungen mit einem extra für diesen Anlass gedeckten Frühstückstisch überraschte. "Für mich war das der schönste Geburtstag bisher überhaupt", sagt der Elfjährige.

"Geplant haben wir nichts weiter. Geholfen haben uns die Erfahrungen meiner Schwester, die schon einmal auf dem Jakobsweg unterwegs war. So wussten wir zum Beispiel, dass gute Turnschuhe ausreichen und was ungefähr in den Rucksack gehört", sagt Mandy Anger. Sie hatte am Ende neun Kilogramm auf dem Rücken, ihr Sohn sechs Kilogramm. "Am ersten Tag hatte ich ein bisschen Rückenschmerzen, aber man läuft sich ein und gewöhnt sich an das Gewicht", sagt Jacob.

Ein spezieller Reiseführer für die Pilgerwege gab Orientierung für die Unterkünfte. Die Aufsteller mit der gelben Muschel helfen bei der Route. Aufpassen müsse man nur, wenn es durch Städte geht, dass man diese nicht aus dem Blick verliert. "Das ist ein bisschen wie Schnitzeljagd", sagt Jacob.

Die Ausweise, die sich die beiden am Beginn ihres Weges in der Kathedrale in Porto geholt hatten, sind ausgefüllt mit Stempeln von ihren jeweiligen Stationen. Stolz zeigen die beiden auch ihre Urkunden, die man in Santiago de Compostela bekommt. "Ich würde jedem diesen Weg empfehlen, weil man wirklich den Kopf frei bekommt", sagt Mandy Anger. "Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Unsere Füße haben uns getragen, wir hatten jeden Tag ein ordentliches Bett, Wasser zum Duschen und konnten essen gehen. Wir sind dankbar für die Erlebnisse und die netten Bekanntschaften." Zum Abschluss sind die beiden noch bis zum Kap Finisterre, dem Ende der Welt, gegangen.

Und nächsten Sommer? "Vielleicht der Elberadweg von Hamburg nach Dresden?", sagt Mandy Anger und richtet den fragenden Blick auf ihren Sohn. "Warum nicht?", antwortet Jacob.

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