Schwibbogen-Aktion: Das Erzgebirge beginnt zu leuchten

Vielerorts strahlte es am Samstagabend aus den Fenstern. In Zeiten, in denen das Corona-Virus die Menschen verunsichert, kommt aus der Region ein hoffnungsvolles Zeichen. Es könnte der Beginn von etwas Großem sein.

Erzgebirge.

Es ist Samstagabend. Eigentlich würden sich jetzt vermutlich viele zum Ausgehen bereit machen oder bereits mit Freunden eine gute Zeit verbringen. Stattdessen herrscht auf den Straßen beinahe komplette Leere. Die Gaststätten, Clubs und Kneipen sind zu. Doch im Erzgebirge beginnt an diesem Abend etwas Besonderes, dass es so noch nie gegeben hat. Mitten im März, es ist bereits Frühling, stehen plötzlich wieder Schwibbögen in den Fenstern.

Licht hat im Erzgebirge traditionell eine ganz besondere Bedeutung. Die Bergmänner sehnten sich nach ihren langen Schichten unter Tage nach Licht. In der Weihnachtszeit erstrahlt die gesamte Region in einem Lichtermeer. Allerdings mit den 2. Februar, Lichtmess, ist damit spätestens auch im Erzgebirge Schluss. Doch 2020 ist alles anders. Das Corona-Virus hat den Alltag der Menschen verändert. Das öffentliche Leben ist in eine Art Stand-by-Modus versetzt worden.

Viele mutmachende Aktionen sind seitdem ins Leben gerufen worden, Nachbarschaftshilfen werden organisiert. Die Erzgebirger lassen es außerdem noch leuchten. In den sozialen Netzwerken machten am Freitagabend und Samstag Aufrufe die Runde, die die Erzgebirger dazu aufforderten, ihre Schwibbögen wieder in die Fenster zu stellen. Einer kam von Mark Schmidt aus Schlettau. Von 21 bis 23 Uhr sollen sie nun immer leuchten - als Zeichen der Zuversicht und Hoffnung.

Die Aktion, obwohl gerade erst gestartet, findet schon am ersten Abend Mitstreiter. In vielen Straßen erstrahlen in den Fenstern Schwibbögen. Noch kein Lichtermeer, das nicht, aber ein atemberaubender Anfang. Carmen Hickmann ist eine, die sich beteiligt. Punkt 21 Uhr schaltet sie einen Schwibbogen an, der nun auf den Annaberger Marktplatz hinausstrahlt. "Die Aktion ist eine tolle Sache", sagt Carmen Hickmann. Eigentlich passt die Weihnachtsdekoration nicht in die Zeit, so kurz vor Ostern. Aber Licht zu spenden, sei gerade jetzt ganz wichtig. Sie hat auch eine Kerze angezündet - ein Aufruf eines italienischen Pastors, wie sie berichtet, der so der Opfer des Corona-Virus gedenken möchte. Ein paar Straßen weiter dasselbe Bild. Auch im Stadtteil Buchholz leuchten hier und da Schwibbögen. Jens Lötzsch hat kurz nachdem er von der Aktion erfahren hat, einen vom Dachboden geholt und aufgestellt. Der Buchholzer hofft, dass in den nächsten Tagen noch viel mehr mitmachen werden.

Die Schwibbogen-Aktion ist auch deshalb etwas Besonderes, weil sie irgendwie typisch erzgebirgisch ist. Natürlich gibt es Schwibbögen überall, doch in keiner anderen Region haben sie so eine Bedeutung. Das sieht auch Lars Hinkel so, der sich zu einer Art kleiner Lichteltour durch das nächtliche Buchholz aufgemacht hat. Nach dem Aufruf in den sozialen Netzwerken, der innerhalb kurzer Zeit tausendfach geteilt wurde, bekundeten Unzählige, dass sie sich beteiligen werden - und das taten sie. Das Erzgebirge leuchtet wieder.

Auch die sieben Kerzen des 1,40 Meter breiten Schwibbogens an der Garage von Matthias Müller an der Gelenauer Straße der Einheit verströmen seit Samstagabend wieder ihren hellen Schein. "Das Licht hat schon immer die Herzen der Menschen erwärmt und ihnen Zuversicht gegeben. Es ist ein Zeichen des Zusammenhalts", begründet der Gelenauer, warum er seinen Bogen jetzt täglich schon ab 20 bis 23 Uhr wieder anschaltet.

Über das ganze Wochenende hinweg signalisierten immer mehr Menschen nicht nur durch Schwibbögen im Fenster, wie begeistert sie von der Aktion sind, sondern auch durch Fotos und Aufrufe im Internet. Darunter zum Beispiel die Bürgermeister Volkmar Vieweg aus Stützengrün, Ingo Seifert aus Schneeberg und Thomas Kunzmann aus Lauter-Bernsbach. Und selbst in Bayern und anderen Bundesländern weit weg vom Erzgebirge scheint nun Abend für Abend von dem einen oder anderen Fenster aus dieses besondere Licht in die Welt. (mit mb/kjr)


Mutmacher - das Positiv-Tagebuch fürs Erzgebirge

Das Erzgebirge ist voller Überraschungen. Am Wochenende brachte die Idee, erleuchtete Schwibbögen in die Fenster zu stellen, ein Hoffnungslicht des Zusammenhalts in viele Herzen. Auch andere Aktionen füllen bereits die ersten Seiten eines Tagebuches, das die Freie Presse im Erzgebirge ab heute für Sie als Mutmacher aufschlagen möchte. Ab sofort können Sie es füllen mit Ihren positiven Erlebnissen in diesen Ausnahmezeiten der Corona-Pandemie. Wer hat Ihnen überraschend geholfen? Wem wollen Sie besonders danken? Wo passieren berührende Dinge? Wer hat eine besondere Idee? Was werden Sie nie vergessen?

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Auch wenn etwas schief läuft im Erzgebirge, Sie einen Missstand bemerken, ist die "Freie Presse" natürlich weiterhin Ihr Ansprechpartner. Wir haken für Sie nach! (alu)


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2Kommentare
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  • 2
    0
    Nixnuzz
    24.03.2020

    Schmeiß doch mal 'ne Wunderkerze drauf. Könnte befreiende Wirkung haben...

  • 3
    2
    Gerhard56
    23.03.2020

    Leider komme ich an meinen Schwibbogen nicht heran. Ist alles mit Klopapier zugestellt ...