Trauer nach Suizid ist anders

Selbsttötung gehört noch immer zu den Tabuthemen unserer Zeit. Nur zögerlich trauen sich Angehörige, über ihre Trauer, ihren besonderen Schmerz zu sprechen. Jetzt wollen Betroffene eine erste Selbsthilfegruppe gründen.

Schwarzenberg/Breitenbrunn.

Einen Menschen zu verlieren, ist schmerzhaft. Trauer ist ein wichtiger Prozess, um solch einen Verlust zu verarbeiten. Ungleich schwerer ist es jedoch, einen Menschen zu verlieren, der selbst seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Denn das geschieht für die Angehörigen meist völlig unvermittelt.

Oft bleiben nichts als Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Zur Trauer und zum Schmerz über den Verlust kommt in solchen Fällen jenes bedrückende Schweigen hinzu, das Betroffene als eine "Mauer des Schweigens" empfinden. Denn mit Hinterbliebenen zu reden, die selbst keine Antworten auf die vielen Fragen zum Tod ihres Angehörigen haben, wird von den meisten Menschen tunlichst vermieden. Sie gehen Gesprächen aus dem Weg, meiden Begegnungen gar gänzlich.

Katrin U. und Susann P. (Namen geändert) kennen das. Beide Frauen haben genau das erlebt. Die eine verlor vor 15 Jahren ihren Ehemann, der von schweren Depressionen getrieben, keinen anderen Ausweg für sich sah. Die andere verlor ihren Sohn, im Alter von nur 29 Jahren. Die beiden Frauen wissen: Trauer nach einem Suizid ist anders.

Durch Suizid sterben pro Jahr etwa 10.000 Menschen, verzeichnet das Statistische Bundesamt für 2013. Etwa 600 sind es pro Jahr in Sachsen. Für die unmittelbar Betroffenen, wie Partner, Kinder, Eltern und Familie, ist die Selbsttötung eines Menschen ein tiefer Einschnitt fürs eigene Weiter-Leben. Aber auch Freunde und Kollegen betrifft das. "Es verändert alles" - das wissen auch die beiden Frauen aus der Region. Es sei eben kein normaler Tod und auch keine normale Trauer. "Ich kommen selbst mitunter an Stellen, wo ich merke, dass ich da nicht mitreden kann", sagt Anette Loos. Sie ist die Koordinatorin des ambulanten Hospizvereins Erlabrunn, und als solche hat sie unmittelbaren Kontakt zu Menschen, die vor dieser schweren Trauerarbeit stehen. "Die Schwelle, dass sich diese Betroffenen Hilfe bei uns holen, ist noch immens hoch", sagt Loos. Doch es gibt sie. In nicht gerade geringer Zahl, auch das weiß sie.

"Reden hilft. Der Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben, die uns verstehen, das wäre gut und wichtig", sagen die zwei Betroffenen. Deshalb wollen sie nun, mit Unterstützung des Hospizvereins, eine Selbsthilfegruppe gründen. Ein Angebot zum Austausch. Katrin U.: "Auch wenn es bei mir schon 15 Jahre zurückliegt und die meisten sagen oder denken, es muss doch mal vorbei sein - das ist es nicht." Mitunter sei es eine Situation, ein bestimmter Geruch, eine Kleinigkeit - und alles reißt wieder auf. "Auch nach so vielen Jahren", sagt sie.

Reden, zuhören, verstehen. Wissen oder gar nachempfinden, wie sich das anfühlt, selbst keine Antworten zu haben - der Austausch in der Gruppe soll helfen. Rückendeckung erfahren die Frauen zusammen mit Anette Loos dabei auch vom bundesweiten Verein für Angehörige um Suizid (kurz Agus). "So etwas gibt es bislang im gesamten Erzgebirgskreis noch nicht. Deshalb wollen wir mit der Selbsthilfegruppe in Schwarzenberg eine erste Anlaufstelle bieten", sagt Loos. "Wir wollen damit Betroffenen zeigen und signalisieren: Du bist nicht allein. Traut euch zu, zu trauern", sagt Katrin U.. Ein erstes Treffen soll in kleiner Runde am 5. September stattfinden. Den genauen Ort und die Zeit erfahren Betroffene, die sich beim Hospizverein unter dem unten angegebenen Kontakt melden.

"Trauer ist eines der lebendigsten Gefühle, die ein Mensch durchlebt. Es ist gleichzusetzen mit dem Gefühl der Liebe", meint Anette Loos, die seit vielen Jahren Menschen in Trauer begleitet. "Es ist längst überfällig, dass es auch im Erzgebirge ein solches Angebot gibt", meint sie. Am 10. September ist übrigens der Weltpräventionstag Suizid.

Hilfe holen: Menschen, die über Selbstmord nachdenken, finden Hilfe bei der Telefonseelsorge unter den kostenfreien Rufnummern 0800 1110111 und 0800 1110222. Die Beratungsgespräche sind anonym.

Kontakt zur neuen Selbsthilfegruppe Agus knüpft man über den Hospizverein in Erlabrunn unter Ruf 0172 3553040.

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