Volkshaus Raschau - eine Ruine mit Dach

Es ist ein Trauerspiel, das die Raschauer seit Jahren zwangsläufig vor Augen haben: der Verfall eines kulturellen Zentrums. Jetzt will der Eigentümer aus Italien der Gemeinde das Objekt schenken. Dieses Ansinnen erinnert fatal an "Schrottwichteln".

Raschau-Markersbach.

Ein Bauzaun sichert seit nunmehr einem Jahr das Gebäude an der Annaberger Straße in Raschau, von dem mittlerweile Gefahr für die Passanten ausgeht. Denn allmählich lösen sich Teile von den Schneefanggittern auf dem Dach des Volkshauses. Etliche Fensterscheiben sind im Laufe der Jahre, in denen das Objekt schon ungenutzt da steht, eingeschlagen worden. Die Fenster im Erdgeschoss wurden längst mit Brettern vernagelt. Doch der Verfall des ehemaligen Kulturhauses ist nicht aufzuhalten. Nicht nur für Bürgermeister Frank Tröger (Freie Wähler) ist das ein Trauerspiel, das er möglichst schnell beenden würde. Er gewährte kürzlich der "Freien Presse" einen Blick ins Innere des Gebäudes.

Unmittelbar hinter der schweren Eingangstür offenbart sich das entsetzliche Ausmaß des Verfalls: Man kann den Schimmel im Objekt förmlich riechen. In etlichen Räumen sind die Decken bereits durchgebrochen. Morsches, fauliges Holz, wohin man schaut. Dazwischen ist der Glanz des einstigen Tanzsaals zu erahnen. Die schmiedeeisernen Lampen der alten Gaststätte halten sich "eisern" an den spärlichen Resten noch vorhandener Balken. Oben im Saal sind es ebenfalls die futuristisch gestalteten Kronleuchter und die schweren roten Vorhänge, die an die bewegten Zeiten erinnern, in denen dort getanzt und gefeiert wurde.

Die Gemeinde hatte nach der Wende das Gebäude samt Grundstück nach einer Restitution aus Privathand für gut 800.000 D-Mark erworben. Ziel war eine Wiederbelebung. Doch dazu kam es nicht. Anfang 2007 hatten die Bürgervertreter des Ortes, damals unter Bürgermeister Henry Solbrig, dann einer Versteigerung des 1270 Quadratmeter großen Grundstücks zugestimmt. Erwerber war eine Firma aus Bremen. Erlös für die Gemeinde: gerade mal 9500 Euro. Als neuer Eigentümer meldete sich schließlich Giuseppe Manno, ein Italiener, der die Immobilie womöglich als Geldanlage sah. "Er wollte hier eine Pizzeria eröffnen und das Haus wiederbeleben", erinnert sich Alt-Bürgermeister Manfred Meyer. Doch nichts dergleichen geschah. Meyer musste den Italiener mehrfach schriftlich mahnen, sich um das immer mehr verfallende Objekt zu kümmern. Letztmalig 2014. "Verkauft hätte er es gern, aber seine Preisvorstellungen waren exorbitant, angesichts des inzwischen maroden Zustands", so Meyer. Jetzt habe Manno signalisiert, der Gemeinde das Haus schenken zu wollen. Doch es gibt Geschenke, die will keiner haben. Denn für die ohnehin wenig zahlungskräftige Kommune bedeutet dies nur Kosten. Daher sagt der heutige Bürgermeister Frank Tröger auch ganz klar: "Wir nehmen es nur, wenn wir den Abriss gefördert bekommen." Ein entsprechender Antrag soll gestellt werden. Dennoch ist die Kommune mit zehn Prozent der Kosten beteiligt. Geschätzt belaufe sich der Abriss auf gut 300.000 Euro. Bei 90 Prozent Förderung bleiben noch immer 30.000 Euro, von denen derzeit keiner weiß, woher nehmen?


Aus der wechselvollen Geschichte des Raschauer Volkshauses

Ortschronist Siegfried Hübschmann (1930-2018) hat 1978 alle Häuser in Raschau und 1985 alle in Langenberg fotografiert und mit einer kurzen Hausgeschichte dokumentiert. Darunter das Volkshaus Raschau, das auf ein Badehaus zurückgeht. Ein Arzt aus Annaberg ließ es 1810 errichten.

Als 1832 August Friedrich Beyreuther das Anwesen erwarb, gab es dort ein Wohnhaus, acht Badestuben und drei Gastzimmer, ein Seitengebäude mit Keller, Wasserpumpe, Tanzsaal, Stall, Heu- und Holzboden. Ab 1841 lag auf dem Haus die Gasthofgerechtigkeit.

Häufige Eigentümerwechsel prägten die folgenden Jahrzehnte. Nach einem Verkauf 1863 wurde der Badbetrieb eingestellt. 1884 brannte das Hauptgebäude ab, es entstand in anderer Form neu. Auch vor und nach der Jahrhundertwende wechselten Eigentümer und Betreiber mehrfach. Zum Gefolgschaftshaus der Freitagwerke wurde das Gebäude 1939.

Im November 1945 ging der Komplex in Volkseigentum über, hieß fortan Volkshaus. Die HO betrieb Gaststätte und Saal. 1990 wurde das Anwesen in Privatbesitz zurückübertragen. (stl)

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