Wie ein Überfall von hinten: Skiunfälle sind keine Bagatellen

Bei Zusammenstößen am Skihang Eibenstock wurden in diesem Jahr zwei Menschen schwer verletzt. Die Verursacher machten sich aus dem Staub. Eines der Opfer richtet nun einen Appell an alle Wintersportfreunde.

Aue/Schwarzenberg.

Als es passierte, war es für Gerhard Weißbrot (65) wie ein Überfall von hinten. Ein Aufprall, dann ein Sturz, der ihm den rechten Arm aus dem Schultergelenk springen ließ. "Ich bin über den Haufen gefahren worden", sagt der Rentner. "Ich lag einige Minuten da, hatte unheimliche Schmerzen."

Passiert ist der Skiunfall am 22. Januar in der Ski-Arena Eibenstock, im Auslaufbereich, wo der Stützengrüner sich sicher fühlte. Auf einen menschlichen Boliden von hinten war er nicht vorbereitet. Als Mitarbeiter des Adlerfelsen-Teams und die Bergwacht eintrafen, wurde er professionell versorgt. Von wem er gerammt wurde, weiß er bis heute nicht. Der Unfallverursacher machte sich aus dem Staub. Seine Anzeige wegen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung wird wohl im Sande verlaufen.

Torsten Kleditzsch

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Einen Monat später, 23. Februar, erneut am Skihang Eibenstock. Diesmal wurde eine Skifahrerin (56) von einem Jugendlichen zu Fall gebracht, der sie von hinten rammte. Auch sie wurde schwer verletzt, konnte aber Angaben zum Aussehen des anderen Fahrers machen. Die Polizei sucht nach Zeugen, dem Verursacher droht ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung. Nach Auskunft eines Polizeisprechers hatte sich bis Ende letzter Woche jedoch noch niemand gemeldet.

Ein Unfall beim Skisport ist keine Bagatelle. Da die Fahrer durchaus 30 bis 40 Stundenkilometer drauf haben können, werden ihre Körper zu Geschossen. Deshalb gibt es auf der Piste eine Art Straßenverkehrsordnung - die Regeln des Internationalen Skiverbandes FIS. "Diese gelten an jedem Hügel, egal, wo man fährt", sagt Michael Uhlmann vom Team der Ski-Arena Eibenstock. Die beiden wichtigsten Regeln lauten: Der von hinten kommende Skifahrer muss seine Fahrspur so wählen, dass er vor ihm fahrende Skisportler nicht gefährdet. Überholt werden darf nur mit einem Abstand, der dem überholten Skifahrer für alle seine Bewegungen genügend Raum lässt.

Mit anderen Worten: Wer jemanden von hinten rammt, ist schuld. Dieses Prinzip wird auch von Gerichten anerkannt. Der Verursacher muss dann für Schäden haften - im Falle von Gerhard Weißbrot wären das zum Beispiel die Kosten für zwei Tage Krankenhausaufenthalt und eine monatelange Physiotherapie. Wer keine private Haftpflichtversicherung besitzt, sitzt da schnell vor einem Berg aus Rechnungen.

Deshalb bleibt der Appell von Gerhard Weißbrot möglicherweise ungehört: "Skifahren ist ein gefährlicher Sport, da kann ein Unfall passieren. Aber man darf sich danach nicht wegducken, sondern muss sich um den anderen kümmern."

Immerhin scheint die Flucht vom Skihang im Erzgebirge nicht weit verbreitet zu sein. Die Bergwachten Carlsfeld, Johanngeorgenstadt und Rittersgrün hatten in dieser Wintersaison bislang insgesamt 100 Einsätze. Die Hälfte davon entfällt nach Auskunft der drei Bereitschaftsleiter auf Ski-Notfälle, sowohl am Hang, als auch in der Loipe. In seiner Laufbahn habe er bisher nur wenige Fälle von Unfallflucht erlebt, sagt Ronny Meisel von der Bergwacht Carlsfeld. Seine Kollegen Ralf Hahn aus Johanngeorgenstadt und Heiko Solbrig von den Rittersgrüner Helfern hatten es bislang noch nie mit Unfallfluchten zu tun.

Die Bergwacht alarmieren - wie geht das? In den Wintersportgebieten, besonders entlang der Loipen sind in Abständen grüne Schilder angebracht. Auf diesen findet man die Rufnummer der Bergwacht und eine Zahl, die für den Standort steht. Diese Zahl sollte man bei einem Notruf mit durchgeben.

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