Als Markscheider beim Sanatoriums-Bau

Dem Westerzgebirge, einst ein Zentrum des Uranerz-Bergbaus, gehen nach und nach die Zeitzeugen der Anfangsjahre der Wismut aus. "Freie Presse" hilft, die Erinnerungen solcher Menschen zu bewahren. Heute: Gotthard Lang.

Antonshöhe/Erlabrunn.

Wie vor sieben Jahrzehnten das Nachtsanatorium der SDAG Wismut in Antonshöhe entstanden ist, hat Gotthard Lang aktiv miterlebt. Angeregt von einem Beitrag in der "Freien Presse", in dem Hans-Joachim Müller (83), technischer Leiter des späteren Kneippsanatoriums, Episoden und Details erzählte, schildert nun der 90-jährige Erlabrunner seinen Anteil am Bau des Sanatoriums.

Von Anfang 1948 bis 1959 war Gotthard Lang bei der Wismut - bis 1951 als Vermesser, danach in mehreren Schächten im Westerzgebirge, erst als Fördermann, dann als Lehrhauer, Hauer und Schießmeister. "Als 1950/51 der Schacht 324 in Erla geteuft wurde, war ich da als Markscheider, also Vermesser, tätig. Eines Tages nach Schichtende rief mich der Schachtleiter in sein Büro. Unser Obermarkscheider Martin Herold habe angerufen: Wir zwei Markscheider sollten dableiben, es gäbe noch etwas Wichtiges zu tun. Als Herold da war, breitete er einen großen Plan aus und sagte: ,Wir müssen auf dem Magnetenberg den Platz für ein Nachtsanatorium abstecken.' Das hieß also, Baustelle ausmessen und Markierungspfähle setzen."

Was aber war ein Nachtsanatorium? Keiner wusste Genaueres. An Herolds Erklärung kann sich Lang noch erinnern: Da würden Kumpels drei Wochen lang nach der Schicht untergebracht, betreut von Ärzten.

Die Vermesser holten Axt und Säge aus der Schlosserei, schnappten sich Theodolit, Nivelliergerät, Messlatte - und los ging's. "Wir quälten uns den steilen Berg hoch, suchten dann die laut Plan richtige Stelle. Da stand ein etwa 80 Jahre alter Hochwald", erzählt Lang. "Wir bauten das Gerät auf und begannen zu messen." In der ganzen Zeit, in der die Markscheider im Wald zu tun hatten, hörten sie auf der Waldstraße, die heute eine Kreisstraße ist, Lastwagen kommen und wegfahren. "Als wir mit unserer Arbeit fertig waren und an die Straße gingen, trauten wir unseren Augen nicht: Da lagen schon Dutzende große Kabelrollen, außerdem Scheinwerfer, viel Baumaterial, Balken, Bretter. Und immer wieder rollten Lkw heran. Ja, wenn die Sowjets - wir sagten damals Russen - angeordnet hatten, morgen geht's los, dann ging es auch wirklich los."

Als die Vermesser am nächsten Tag wieder zum Magnetenberg kamen, sahen sie, dass in der Nacht bei Scheinwerferlicht bereits Baufreiheit geschaffen worden war. "Alle auf dem Baugrubengelände stehenden Bäume waren gefällt und rausgeschleppt. Zur Frühschicht rückten Massen von Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem Bauobjekt 16 an, mit Hacken und Schaufeln", berichtet der Senior. "Wo wir hinkamen, waren ohne Bagger schon Löcher ausgehoben. Menschenmassen im Einsatz auf Baustellen der Wismut in ihren Anfangsjahren, das war so." Während die letzten noch gruben, rückten schon die Maurer an. "Wir sind immer wieder mal dort gewesen, sahen die Gebäude wachsen."

Etwa sechs Jahre später, da war Lang schon Schießmeister, drängte ihn seine Frau, dass er mal das Sanatorium nutzen sollte. "Hat geklappt. Habe einen Dreiwochendurchgang mitmachen dürfen." Davon und aus der Bauzeit hat Gotthard Lang aber keine Fotos. Nachdem das Sanatorium Anfang der 1960er-Jahre dem Bezirk zugeordnet wurde, war das Fotografieren kein Problem mehr.


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.