Behandlungsfehler bringt einen Patienten in Lebensgefahr

Eine Krankenschwester des Helios Klinikums hat einem Krebskranken ein Medikament falsch ver- abreicht. Den Mann hätte das fast umgebracht. Der Fall ist ungewöhnlich.

Aue.

Spätschicht am 14. März 2019 im Helios-Klinikum: Eine erfahrene Krankenschwester will einem über 80-Jährigen ein Krebsmedikament, das Zellteilung und Zellwachstum hemmen soll, verabreichen. Der Mann ist an Leukämie erkrankt. Er ist geschwächt. Doch die Schwester macht einen Fehler. Das Zytostatikum muss in die Vene gespritzt werden. Sie spritzt es aber unter die Haut des Bauches. Falsch verabreicht, verursacht das Arzneimittel schwerste Gewebeschäden. "Die Bauchwand hätte sich auflösen können", sagt Klinikgeschäftsführer Marcel Koch. "Das hätten wir nicht mehr beheben können. Der Patient wäre ein Todeskandidat gewesen."

Die Schwester meldet jedoch ihren Fehler umgehend der Chefärztin. Die leitet sofort Gegenmaßnahmen ein. Die Klinik klärt den Patienten im Beisein seiner Ehefrau über mögliche Folgen der Fehlbehandlung auf. "Wir haben ihn anhalten müssen, seine letzten Dinge zu ordnen", sagt Klinik-Sprecherin Katharina Kurzweg. Anfang April kann der Patient dann jedoch entlassen werden. "Es geht ihm gut", sagt Koch. "Folgeschäden sind ausgeblieben. Ich rechne der Schwester hoch an, dass sie ihren Fehler sofort eingestanden hat. Nur dadurch konnte die Chefärztin beherzt eingreifen und den Patienten retten."

Sascha Aurich

Aurichs Woche:Der „Freie Presse“-Sonntagsnewsletter von Sascha Aurich

kostenlos bestellen

Dass Schwestern Spritzen mit Krebsmitteln verabreichen, ist üblich. Dazu benötigen sie eine Genehmigung, die ihnen die Chefärztin erteilen muss. Auch bei richtiger Anwendung kann es bei Zytostatika zu Gewebeschäden kommen, wenn das Medikament unbeabsichtigt entweder neben ein Blutgefäß gelangt oder durch ein Blutgefäß hindurch austritt. Das kann direkt bei der Injektion, aber auch beim Verlegen des Zugangs während einer Infusion geschehen. Experten gehen davon aus, dass bei bis zu sechs Prozent aller Patienten bei der Behandlung mit Zytostatika derartige Komplikationen auftreten.

Eine Fehlmedikation wie am 14. März ist aber äußerst selten. Auf der Station hat der Fall nicht nur deshalb für Unruhe gesorgt. Seit einiger Zeit kursieren anonyme Schreiben, in denen die Beförderung der Oberärztin zur kommissarischen Onkologie-Chefärztin kritisiert wird. In einem Brief an den Aufsichtsratschef der Helios-Kliniken, der der "Freien Presse" vorliegt, ist von "Mobbing" und einem "massiv untersteuerten Personalschlüssel" als Ursache für die Fehlbehandlung die Rede.

Diese Vorwürfe weist die Klinik-Leitung zurück. Am Tag des Vorfalls lagen 32 Patienten auf der Station. Betreut wurden sie zum Zeitpunkt des Behandlungsfehlers von vier examinierten Krankenschwestern. "Das ist für die Onkologie eine sehr gute Besetzung", erklärt Koch. "Zum Vergleich: In der Kardiologie sind es drei. Auch die Schwestern, die Dienst hatten, sagten, dieser Tag sei nicht stressig gewesen."

Die Klinik-Leitung vermutet hinter den Anschuldigungen rein persönliche Motive. "Das ist wahrscheinlich ein Racheakt einer Stationsschwester, die es als Schmach empfindet, dass ihr die Chefärztin nicht mehr die volle Verabreichungsgenehmigung erteilt hat", sagt Koch. Seinen Verdacht stützt er auf ein Gutachten zu den anonymen Schreiben.

Der Betriebsratsvorsitzende Frank Hasse sagt, an den anonymen Vorwürfen sei nichts dran. In einer Erklärung stellt sich auch die onkologische Abteilung hinter die Chefärztin. Unterzeichnet ist das Schreiben von den Stationsschwestern - eine Unterschrift fehlt jedoch.

"Wir haben aus dem Fehler gelernt", sagt Koch. "Auch alle unsere Internisten, die auf ihrem Fachgebiet eigentlich nichts mit Chemotherapien zu tun haben, wissen jetzt, was in derartigen Fällen zu tun ist."

Die Ursache für ihren lebensbedrohlichen Fehler kann sich die Schwester nach Klinik-Angaben selbst nicht erklären. "Sie spricht von einem Blackout", sagt Koch.

Inzwischen verrichtet die Schwester, die sich beim Patienten entschuldigt hat, wieder ihren Dienst - mit eingeschränktem Aufgabenspektrum. "Wir lassen diese Mitarbeiterin jetzt nicht einfach fallen. Sie war ehrlich und hat gut auf ihren Fehler reagiert", sagt Koch. "Spritzen geben will sie momentan aber auch selbst nicht."


Fünf Verfahren in der Schwebe

Wegen des Verdachts eines Behandlungsfehlers am Klinikum Aue sind 2018 fünf Verfahren eröffnet worden - mit noch offenen Ausgang. "Bei 28.000 Behandlungsfällen ist das eine sehr geringe Quote", sagt Geschäftsführer Marcel Koch.

Die Bundesärztekammerschätzt die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Behandlungsfehlers mit gravierenden Folgen zu werden, bundesweit zwar als sehr gering ein. Bei 20 Millionen Behandlungsfällen in Kliniken und einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten hätten Behandlungsfehler im vergangenen Jahr aber zu 88 Todesfällen, 127 schweren Dauerschäden (Amputationen oder Lähmungen) und zu mehr als 1300 weiteren mittelschweren und leichten Schäden geführt, heißt es. (juerg)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...