Der Untergang ist ausgefallen

Johanngeorgenstadt drücken nach wie vor hohe Altschulden. Deshalb muss die Stadt kleine Brötchen backen. Trotzdem gab es in den zurückliegenden Jahren keinen Stillstand. Eine Bilanz vor der Kommunalwahl.

Johanngeorgenstadt.

Vor zehn Jahren stand der Untergang von Johanngeorgenstadt kurz bevor. Zumindest war er der Stadt prophezeit worden. Hohe Altschulden, schwindende Bevölkerung - ohne Zusammenschluss mit einer Nachbargemeinde habe die Stadt keine Zukunft, fanden übergeordnete Behörden. Der Freistaat Sachsen drängte in den Folgejahren auf eine rasche Fusion vorzugsweise mit Breitenbrunn, alternativ mit Eibenstock. Nichts von alldem trat ein, auch der Untergang von Johann'stadt nicht.

"Keine Kommune war bereit, die Altlasten, die wir in die Ehe einbringen würden, zu tragen", sagt Bürgermeister Holger Hascheck (SPD). Der 54-Jährige ist seit 18 Jahren Stadtchef. Zwei aktuelle Zahlen kann er jetzt verkünden: 1847 Euro. Das ist der Schuldenstand von Johanngeorgenstadt pro Einwohner, eine enorme Summe. "Aber wir haben Millionen von Euro aufgewendet, um Schulden zu tilgen", sagt Hascheck.

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Die zweite Zahl: Reichlich 850.000 Euro. Das waren 2018 die Einnahmen aus der Gewerbesteuer, mehr als das Dreifache im Vergleich zu den 1990er-Jahren, so Hascheck. "Für unsere Verhältnisse sind wir damit gut aufgestellt."

Es geht in Johanngeorgenstadt also nicht nur bachabwärts. Bürgermeister und Stadträte haben sich daran gewöhnt, kleine Brötchen zu backen, aber die Bilanz der zurückliegenden Legislaturperiode fällt so schlecht nicht aus, findet des Stadtoberhaupt: "Wir haben 3,7 Millionen investiert, davon über eine Million Euro für den Straßenbau. Die Franz-Mehring-Straße, die Schulstraße, die Schwarzenberger und die Wittigsthalstraße wurden saniert."

Ebenfalls auf der Habenseite: Der Breitbandausbau befindet sich kurz vor dem Abschluss. Ortsteile wie Oberjugel, Henneberg, Sauschwemme, Steinbach und Schwefelwerk, die bisher noch kein schnelles Internet haben, werden derzeit von der Deutschen Telekom erschlossen. Bis spätestens Ende 2019 sollen überall Anschlüsse mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 Mbit möglich sein.

Dass es der Stadt gelungen ist, nichts von ihrer touristischen Infrastruktur aufgeben zu müssen, zählt Bürgermeister Hascheck ebenfalls zu den Erfolgen. Das Schaubergwerk "Glöckl", der historische Pferdegöpel, Hallen- und Freibad, Loipen, Rad- und Wanderwege - das alles konnte allen Unkenrufen zum Trotz erhalten werden. Auch hat die Stadt an ihrer Musikschule und ihrer Bibliothek festgehalten. Alles keine Pflichtaufgaben, aber wichtig für die Lebensqualität einer Kommune. "Die Aufgabe der nächsten Jahre sehe ich darin, die Qualität der Anlagen und Einrichtungen zu verbessern", sagt Hascheck.

Beim Straßenbau stehen die Sosaer Straße, die Untere Gasse, die Straßen im Ortsteil Pachthaus, weitere Teile der Glockenklanger sowie die Schwefelwerkstraße auf dem Programm. Die Brücke über die Eisenbahnschienen nach Pachthaus soll ebenfalls saniert werden. Kostenpunkt: deutlich über eine Million Euro. Angehen will die Stadt in der nächsten Legislaturperiode auch das Problem der vielen Brachen. Mit dem in diesem Jahr aufgestellten Brachenkonzept wurde die Voraussetzung geschaffen, Fördermittel beantragen zu können.

Johanngeorgenstadt ist nicht untergegangen und sogar ganz gut allein zurechtgekommen. Kann das auch künftig so weitergehen? "Momentan sieht es so aus. Aber es ist nicht einfach, keiner kann zaubern", sagt Bürgermeister Hascheck. Um der Stadt eine echte Perspektive zu geben müsse eine politische Lösung her, beispielsweise ein Schuldenschnitt für alle Altschulden vor 1990. Die sind es, die die Stadt und vor allem ihre Wohnungsgesellschaft noch immer stark belasten.


Was sich Bürger wünschen

Was wünschen sich Bürger vom neuen Rat? "Freie Presse" hat sich in Johanngeorgenstadt umgehört.

Heike Maiwald (51), Krankenschwester, wohnt in der Neustadt. Die werde aus ihrer Sicht stiefmütterlich behandelt. Drei Viertel der Leute hier seien älter, für sie gebe es kaum Sitzmöglichkeiten. Auch wenn die Stadt kaum Geld habe, könne man sie im Kleinen schön gestalten. Müll entsorgen, Blumenkübel liebevoll bepflanzen. "Warum gibt es keine gemeinsamen Einsätze zur Verschönerung des Stadtbildes?" Man könne Asylbewerber einbeziehen, hinterher gemeinsam grillen. Für den Wiederbezug leerstehender kommunaler Wohnungen sollte intensiv geworben werden, zum Beispiel mit dem Angebot einer Dreiraum- zum Preis einer Zweiraumwohnung. Heike Maiwald lebt gern in der Bergstadt. Von den Stadträten wünscht sie sich Konzepte und einen wachen Blick fürs Ganze.

Ismael Seidel (54), Orthopädieschuhmachermeister, wohnt in Unterjugel. Für ihn ist es wichtig es, dass die Stadträte mit den Menschen reden. Dass es Anerkennung gibt für das, was die Leute leisten - ob Unternehmer mit Angestellten oder Einzelkämpfer. "Umgekehrt müssen wir als Bürger auf die Stadträte zugehen." Die wiederum sollten bei Problemen das Gespräch zum Beispiel mit Behörden suchen und freundlich überzeugen. Und: "Wir müssen die Geschichte, auch die Wismutzeit, annehmen und Fremden vermitteln. Da gibt es Neugierde", ist Ismael Seidel überzeugt. Die Eigenständigkeit der Stadt sollte möglichst erhalten bleiben.

Andrea Hahn (40), Angestellte, wohnt in der Altstadt. Sie wünscht sich, dass die Freizeitangebote, die es gibt, erhalten werden - das Freibad zum Beispiel. "Es wäre schön, wenn das Eisstadion wieder öffnet. Mehr Freizeitangebote für Familien wären gut. Andrea Hahn engagiert sich ehrenamtlich im Traditionsverein Altstadtfest. Der Verein sei gut aufgestellt, erhalte alle nötige Unterstützung und Anerkennung.


Diese Kandidaten treten an

Bewerber der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD): Jörg Neubert, Annelie Hanspach, Carsten Claus, Olaf Beyer, Frank Vollert, Frank Förster, Andy Brändel, Frank Seyring.

Bewerber der Christlich Demokratischen Union (CDU): Sophia Meyer, Ulrike Bosch, Jens Pöhler, André Heike, Cordelia Herndorf, Beatrice Meyer.

Bewerber der Linken: Christian Saffert, Elke Schleichert, Stefanie Teumer, Dirk Lamprecht.

Bewerber der Wählervereinigung Wirtschaft und Gewerbe Johanngeorgenstadt (WGJ): Stephan Hellmich, Toni Bachmann, Karsten Rötzschke, René Leonhardt, Thomas Röber, Claudia Röber.

Bewerber von Bündnis 90/Die Grünen (Grüne): Benjamin Männel, Heiko Strobelt.


Zahlen und Fakten

Die Gesamtfläche der Stadt Johanngeorgenstadt beträgt 30 Quadratkilometer. Stadt hat 3477 Einwohner.

Der Stadtrat besteht aus 14 Räten. Stärkste Fraktion ist aktuell die SPD (5 Sitze). Es folgen die CDU (4), die Linke (3) und WGJ (2).

Die Grundschule Johanngeorgenstadt hat derzeit 80 Schüler. In der Awo-Kita stehen 212 Plätze zur Verfügung, in der evangelischen Kita 50.

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