Die Hüter der vergessenen Orte

Drei Erzgebirger begeben sich auf abenteuerliche Zeitreisen. Sie suchen verlassene Häuser, Hotels, Fabriken, Kliniken, Schulen und andere Ruinen von historischer Bedeutung auf. Dort lauern viele Gefahren. Trotzdem treibt sie nicht nur der Nervenkitzel an.

Aue/Schwarzenberg.

Adrenalin schießt ihnen durch die Adern. Es herrscht absolute Stille. Brandgeruch liegt in der Luft. Wände, Decken, Fenster, Möbel - alles zerstört. Trotzdem finden die drei Erzgebirger Hinterlassenschaften, die an die grausame Tat vor 17 Jahren und die kranke Welt des Täters erinnern. Zeitschriften mit obszönem Inhalt liegen im Flur verstreut. Aus Zeitungen ausgeschnittene Köpfe zieren die Wände. "Einfach nur eklig. Es ist der krasseste Ort, den wir bislang aufgesucht haben", sagt der junge Mann zum verlassenen Haus des Kannibalen von Rotenburg, der 2002 für Schlagzeilen sorgte, weil er einen Mann getötet und Teile von ihm gegessen hatte. Trotzdem ist der 19-Jährige fasziniert - aber nicht ausschließlich vom Nervenkitzel. Hinter dem außergewöhnlichen Hobby der drei Erzgebirger steckt mehr.

Ihre Leidenschaft heißt "Lost places". Sie nennen sich Urbexer. Während Gleichaltrige an Wochenenden in die Disco gehen, begeben sie sich auf Zeitreise. Sie suchen vergessene Orte auf - verlassene Kulturhäuser, Fabriken, Kliniken, Hotels, Gefängnisse und andere Ruinen von historischer Bedeutung. Ihre Namen geben sie nicht preis. Sie agieren anonym und teilen die gefundenen Plätze nur unter ihresgleichen. "Wir tauschen uns nur unter seriösen Urbexern aus. Das Rotenburg-Haus ist eine Ausnahme. Jeder, der will, findet eine Wegbeschreibung im Internet. Wir wollen nicht, dass Abenteuertouristen etwas zerstören. Wir verstehen uns als Hüter der vergessenen Orte", erklärt der 19-Jährige.

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Vor anderthalb Jahren haben er und seine Freundin von dem unge-wöhnlichen Hobby gehört, waren vom ersten Fundort begeistert und machten sich fortan - von Johanngeorgenstadt bis Olbernhau, von Oberwiesenthal bis Stollberg - auf die Suche nach verlassenen Bauwerken. "Mittlerweile agieren wir zu dritt, deutschlandweit waren wir bisher an 40 Orten." Gefunden haben sie darin viel Ungewöhnliches: Hunderte Flaschen Lachgas, Tierschädel, historische Industriemaschinen, einen alten Zug, wertvolle Nähmaschinen. Mitgenommen haben sie aber noch nie etwas. Denn sie und alle anderen in der Szene gehen nach einem strengen Verhaltenskodex vor. "Es darf nichts zerstört werden - auch nicht beim Einsteigen. Graffiti sind ein No-Go. Wir nehmen nichts mit und lassen nichts da. Wir rauchen nicht, verhalten uns vorsichtig und ziehen nie allein los. Und wir machen die Orte nicht öffentlich."

Es sind allen voran die atemberaubenden Motive, die sie antreiben. Die Fundorte werden mit außergewöhnlichen Fotos dokumentiert, die sie bei Instagram mittlerweile mit rund 2000 Followern teilen. "Wir machen das nicht nur wegen des Adrenalinkicks. Die Bilder sind einzigartig, zeugen von Geschichte und Vergänglichkeit. Es ist faszinierend, wenn sich die Natur ihren Ort zurückholt. Zudem stellen wir auch Nachforschungen zur Historie der Plätze an. Wir interessieren uns dafür, was vor Ort vorgefallen ist."

Stets schwingt Nervenkitzel mit. Und etwas Angst. Denn Gefahr lauert nicht nur in den baufälligen Gebäuden. In den meisten Fällen betreten sie ohne Erlaubnis des Eigentümers die Räume. "Grundsätzlich kann man sich dabei insbesondere wegen Hausfriedensbruchs strafbar machen", erklärt Doreen Göhler von der Polizei Chemnitz. Wer erwischt wird, dem droht eine Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr. Allerdings werde die Straftat nur auf Antrag verfolgt, ergänzt Göhler. "Wir kamen noch nie in Konflikt mit der Polizei", betont der 19-Jährige. Seine Eltern wüssten von seinem Hobby. "Sie haben kein Problem, solange ich vorsichtig bin." Die drei Erzgebirger gehen weiter auf Suche nach vergessenen Orten. Mit einem Ziel: Irgendwann als erste Urbexer einen neuen "Lost place" zu finden.

Eine Bildstrecke finden Sie im Internet unter www.freiepresse.de/urbex

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