"Diese Kreuzung ist eine Beleidigung des Ingenieurberufs"

Nach dem tödlichen Unfall bei Schneeberg werden erneut Forderungen laut, den Knotenpunkt auf der Weißbacher Kuppe umzubauen. Dem schließt sich jetzt auch der Ex-Bauamtsleiter der Stadt an - mit deutlichen Worten. Der Landkreis reagiert indes auf andere Weise.

Schneeberg.

Mehrere Personen bei Unfall schwer verletzt, 30.000 Euro Schaden nach Kollision, Rettungshubschrauber landet auf Zubringer: Mit solchen und ähnlichen Meldungen macht die Kreuzung auf der Weißbacher Kuppe bei Schneeberg seit Jahren von sich Reden. Doch ein tragisches Ereignis sticht dabei heraus: Mitte Oktober hatte sich der erste tödliche Unfall ereignet.

Seither werden wieder Forderungen laut, den Kreuzungsbereich von Bundesstraße 93 und Autobahnzubringer (S 282) zum Kreisverkehr umzubauen. Eine Debatte, die älter ist als der Knotenpunkt selbst. Viele Autofahrer meinen, mit einem Kreisel seien die vielen Unfälle nicht passiert - der Tod einer jungen Frau, er wäre vielleicht zu verhindern gewesen. Dem schließt sich jetzt auch ein weiteres bekanntes Gesicht der Region an: Karl Graubner (85), der frühere Bauamtsleiter von Schneeberg. Er sagt: "Wie man den Bereich geplant und gebaut hat, ist ein Chaos. Diese Kreuzung ist eine Beleidigung des Ingenieurberufs."

Karl Graubner war von 1990 bis 1997 Chef des Bauamtes in der Bergstadt und hat bereits beim Planfeststellungsverfahren darauf gedrängt, einen Kreisel zu bauen. "Das ist damals aber abgeschmettert worden. Warum eigentlich?", fragt er.

Für Graupner machen den Knotenpunkt vor allem die Lage und das Gefälle unübersichtlich. "Im Kreuzungsbereich ist plötzlich die Sicht weg." Was er meint: Wer auf der Bundesstraße 93 von Weißbach in Richtung Schneeberg den Berg hoch zu unterwegs ist, muss an der Kreuzung zwangsläufig stoppen, um einsehen zu können, ob von rechts Autos kommen - auch weil der Zubringer in Richtung Autobahn 72 eine leichte Kurve nimmt.

Ein weiteres Problem: die Vorfahrtsregeln. So würden die meisten Autos, hat Karl Graubner gezählt, an der Kreuzung von Bundesstraße zu Bundesstraße fahren. Vorfahrt hätte jedoch die deutlich geringe Anzahl an Autofahrern, die vom Zubringer auf die B 93 und umgekehrt unterwegs ist. Für Graubner steht fest: "Es braucht den nie gewollten Kreisverkehr." Oder als "letzte Lösung" eine Ampel. Andernfalls würde sich die Unfallserie fortsetzen. Laut Polizei haben sich seit Eröffnung der Trasse im Sommer 2016 insgesamt 32 Karambolagen auf der Weißbacher Kuppe ereignet. Geschätzter Sachschaden: eine Viertelmillion Euro.

Das Landesstraßenbauamt als Bauherr hat mit einer ganzen Reihe an Maßnahmen versucht, die Gefahrenstelle zu entschärfen. So ist beispielsweise die Aufteilung der Spuren verändert und das Tempolimit in Fahrtrichtung Autobahn gesenkt worden. Zuletzt beschloss man, im Frühjahr 2020 zwei feste Blitzer an der Kreuzung aufzustellen. Aber wie steht die Behörde zur Idee, die Kreuzung zum Kreisel umzubauen?

Auf Nachfrage von "Freie Presse" äußert sich Sprecher Franz Grossmann ausweichend: Erst wenn der jüngste Unfall ausgewertet sei, könne man Aussagen treffen, wie es weitergeht. Bis zuletzt lehnte das Landesstraßenbauamt alle Forderungen nach einem Umbau aber ab. Begründung: Ein Kreisel würde den Verkehr vom Zubringer zu stark behindern. Ein Planer erklärte 2017: "Wer keine Vorfahrt gewährt, fährt auch im Kreisverkehr falsch." Und auch die starke Neigung der Kreuzung spreche gegen die Idee.

Ex-Bauamtsleiter Graubner hält dennoch am Kreisverkehr fest: "Für mich gibt es das Wort unmöglich nicht", sagt er, ergänzt aber zugleich: "Mit den bisherigen Fachleuten ist die Chance zum Umbau wohl gering. Was getan werden kann, sollte jedoch getan werden."

Das Landratsamt des Erzgebirgskreises hat indes reagiert - auf ganz andere Weise. Seit dem tödlichen Unfall wird an der Kreuzung vermehrt geblitzt. Kreissprecher Stefan Pechfelder erklärt: "Vor dem Hintergrund des Verkehrsunfalls werden dort Geschwindigkeitsmessungen intensiviert." Bei einer Kontrolle in den Mittagsstunden des 19. Oktobers hatten mehr als 1700 Fahrzeuge den Kreuzungsbereich passiert, 65 hielten sich dabei nicht ans Tempolimit. Der schnellste Fahrer war mit 85 km/h statt erlaubtem Tempo 50 unterwegs.

Bei einer Kontrolle zwei Tage später waren dann bis zum Abend insgesamt 46 Fahrzeuge geblitzt worden. Der "Spitzenreiter" raste mit gut 100km/h durch den 50er-Bereich. Den Fahrer erwarten nun zwei Punkte in Flensburg, eine Geldbuße über 160 Euro und ein Fahrverbot von einem Monat.

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    RRMonty
    04.11.2019

    Nun ist es passiert - der erste tödliche Unfall !
    Klingt sarkastisch, aber sind - egal wer für was verantwortlich ist - denn die Planer nicht in der Lage, wie vernünftige Autofahrer zu urteilen.
    Ich denke, JEDER weiß mittlerweile, dass Kreisverkehre, bei denen die Fahrzeuge im Kreisverkehr die Vorfahrt haben, alternativlos sind, um Kreuzungen unfallfrei zu gestalten. Wie man sowas baut, sieht man z.B. in Frankreich. Die dortigen Lösungen sollte sich jeder mal so richtig ansehen; dann weiß man auch, wie sowas geht (auch im Bereich von "Steigungen")
    Ich hab so den Eindruck, dass bei uns eine regelrechte "Angst" vor der Realisierung von Kreisverkehren herrscht. (siehe Anschlußstellen der neuen A72 Richtung Leipzig) - da gibts nämlich nur Ampeln oder "normale" Einmündungen.



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