Ein Leben zwischen Spagat und Salto

Sie ist "die kleine Blonde mit Biss", die gemeinsam mit ihrem Mann etwas aufgebaut hat, das erzgebirgsweit einmalig ist. Die Rede ist von Regine Schreier, Trainerin der Sportakrobaten, die heute ihren 70. Geburtstag feiert.

Grünhain/Schwarzenberg.

Turnen, das ist es, was Regine Schreier von klein auf begeistert und beschäftigt hat. Schon als kleines Mädchen, damals hieß sie noch Schönherr, war kein freies Fleckchen vor ihr sicher. Sofort nahm sie Haltung an, schlug ein Rad oder setzte sich in den Spagat.

"Eigentlich wollte ich ja zum Zirkus", verriet die zierliche Grünhainerin vor Jahren in einem Interview. Das Chapiteau wurde es nicht, aber dafür die große Bühne der Sportakrobatik. Regine Schreier inszeniert darauf bis heute sportliche Höchstleistungen junger Damen in zauberhaften Kostümen, untermalt mit passender Musik, zu perfekten Shows. Und sie hat damit, gemeinsam mit ihrem Ehemann Karl-Heinz, etwas geschaffen, das im Erzgebirge einmalig ist und eine Strahlkraft besitzt, die weit über die Grenzen der Region hinausreicht.


Sie selbst hat in ihrer aktiven Zeit als Turnerin der Meisterklasse im Mixed und im Damenpaar diverse Titel geholt, war Teil der Nationalmannschaft der DDR. Nach der Geburt ihrer beiden Söhne übernahm sie dann die Rolle der Trainerin, die sie bis heute nicht wieder aus den Händen gab.

1967 gründete sie eine Sportakrobatikgruppe unter dem Dach der Betriebssportgemeinschaft Motor Grünhain. Sie scharte junge, interessierte Mädchen um sich und entwickelte erste Choreografien. 1976 übernahm ihr Mann die Leitung der Sportakrobatikabteilung. Damit hatte sie wieder die Hände und den Kopf frei, um ihre kreativen Ideen mit den jungen Turnerinnen umzusetzen. Sie formte, forderte, förderte junge Talente, spornte sie an und brachte so etliche von ihnen zu Höchstleistungen. Eine Aufzählung aller Aktiven, die unter ihrer Federführung erfolgreich wurden, würde den Platz um ein Vielfaches sprengen. Ebenso wie die Aufzählung aller Titel, die diese besonderen "Pyramidenbauer" aus dem Erzgebirge in den zurückliegenden 52 Jahren geholt und erkämpft haben.

52 Jahre lang eine Sportgemeinschaft zu leiten und dabei Hunderten Heranwachsenden so wichtige Charakterzüge wie Disziplin, Ehrgeiz, Selbstvertrauen, Leistungswille und Kontinuität mit auf den Lebensweg zu geben, das ist eine beachtliche Lebensleistung. Heute mehr denn je. Aktuell zählt der Verein 65 Mitglieder, vier Trainer und sieben Übungsleiter. Regine Schreier hat zusammen mit ihrem Mann auch den Verein als solchen über viele, teils hohe Hürden "gehoben" und dabei stets die Zeichen der Zeit richtig gedeutet. Nach der politischen Wende galt es, Sponsoren zu suchen, die den Wert ihrer Arbeit mit jungen Menschen richtig einzuschätzen vermochten und sie unterstützen wollten. Einen solchen Menschen mit Weitblick fand sie unter anderem in Eberhard Grünert, dem damaligen Chef der Beierfelder Firma Turck. Er reiht sich wie viele andere heute sicher in die Schar der Gratulanten ein und sagt über die Jubilarin: "Ohne Regine Schreier, die national und international bekannt und geachtet ist, gäbe es den Sportakrobatikverein Schwarzenberg gar nicht. Dein Jubiläum ist mir Anlass, neben der herzlichen Gratulation und vielen guten Wünschen - vor allem für die Gesundheit - Deine außergewöhnliche Lebensleistung zu würdigen. Der SAV ist Dein Werk. Du bist seit über einem halben Jahrhundert der Motor, der hinter all den großartigen Aktivitäten und Erfolgen des Vereins steckt. Hunderte von Sportlerinnen und Sportlern sind durch Deine Obhut gegangen, die neben dem Sportlichen eine Schule fürs Leben wurde."

Regine Schreier ist eine Sportlerin "vom alten Schlag". Trotz ihrer Strenge, oder vielleicht gerade deshalb, schauen die jungen Sportakrobatinnen zu ihr auf, obwohl sie die nur 1,49 Meter große Trainerin vielleicht längst körperlich überragen. Etliche Grüße und gute Wünsche, vor allem für Gesundheit, gingen ein. Dass sie nie aufgibt, auch wenn es gesundheitlich hart kommt, beweist: Sie ist eine große Kämpferin. "Du bist stark, du schaffst das, denn wie hast Du immer zu mir gesagt: ,Hinfallen darf man, aber man muss auch wieder aufstehen und daraus lernen.' Das ist bis heute mein Leitfaden im Leben." Das schrieb ihr ehemaliger Schützling Sandy Wieland. Wie recht sie doch hat.


Aufgewachsen auf der Matte

Nicole Georgi ist die Tochter von Regine und Karl-Heinz Schreier. 2018 hat sie den Verein übernommen. Mit ihr sprach Beate Kindt-Matuschek.

"Freie Presse": Sie sind buchstäblich auf der Matte groß geworden, standen bereits mit drei Jahren auf den Händen ihres Vaters. Hatten Sie überhaupt eine Chance, sich selbst ein Hobby zu suchen?

Nicole Georgi: Es stimmt, meine Kindheit habe ich zu großen Teilen in Turnhallen verbracht. Aber ich durfte auch Fußball in Grünhain spielen. Es war alles richtig so.

Heute wird Ihre Mutter 70 Jahre alt. Was bewundern Sie an ihr?

Ihre Stärke, ihre Willenskraft, ihre Ausdauer, ihr Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen. Denn Trainer zu sein, ist kein leichter Job. Doch was die Kinder, und das sind mittlerweile mehrere Generationen, bei und von ihr gelernt haben, das bleibt fürs Leben: Teamgeist, Zugehörigkeitsgefühl, Vertrauen und Leistungswille.

Ihre Mutter hat Schuhgröße 34, und dennoch sind ihre Fußstapfen enorm groß. Werden Sie diese ausfüllen?

Ehrlich? Es war nie mein Wunsch. Aber weil sie etwas Großes aufgebaut hat, was so wertvoll ist - genau deshalb habe ich das Amt übernommen und werde es weiterführen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...