Ein Lieblingsgasthaus von Anton Günther

Vogel-Perspektiven: Auf über 6000 Ansichtskarten hat der Schwarzenberger Verlag Vogel von 1898 bis etwa 1955 Gebäude und Landschaft dokumentiert. Vieles ist längst Nostalgie, anderes fast unverändert. Heute: die "Dreckschänke" in Breitenbach/Potucky.

Breitenbach/Potucky.

Heute vor 80 Jahren ist der wohl bekannteste erzgebirgische Heimatdichter und Liedersänger in Gottesgab/Boží Dar aus dem Leben geschieden - fünf Wochen vor seinem 61. Geburtstag. Nach wie vor wird Anton Günther (1876-1937) verehrt, sein Erbe gepflegt. Auf eine seiner Lieblingsgaststätten, an die anlässlich seines Todestages erinnert werden soll, trifft das mit der durchgehenden Pflege aber nicht zu: Die "Dreckschänke" in Breitenbach/Potucky schien seit Jahren dem Verfall preisgegeben.

Jetzt aber tut sich was. Tom Pote, Vorsitzender des Erzgebirgszweigvereins Johanngeorgenstadt: "Die Dreckschänke wird wieder in Stand gesetzt! Der Betreiber des Liftes in Breitenbach hat sie gekauft und macht sich tatkräftig ans Werk."

Der Nachbarort des sächsischen Johanngeorgenstadt liegt im böhmischen Teil des Erzgebirges. Oft hat Anton Günther in der "Dreckschänke" seine Verse und Lieder zum Besten gegeben. So manches Mal hat er dort übernachtet. Einmal sogar drei Nächte am Stück, weil ihn die Besucher bis spät in die Nacht singen und spielen hören wollten. Mit den dortigen Wirtsleuten stand er auf gutem Fuß, ja, er schrieb 1904 über das Lokal sogar ein Lied. Auf der Güntherschen Liedpostkarte 25 gingen Zeilen und Noten - anfangs unter dem Titel "Da Draakschenk", später "De Draakschänk" - in alle Welt. Zumindest die Anfangszeilen kennen wohl viele auch außerhalb des Erzgebirges: "An dr Grenz ve Sachsn, wu da Schwarzbeer wachsn ..."

Von den Ansichtskarten mit Motiven der beliebten Ausflugsgaststätte stammen nur wenige aus dem Schwarzenberger Verlag Vogel. So zum Beispiel die Nummer 5281, auf der die Gebäude, vom gegenüberliegenden Hang aus fotografiert, in eine idyllische Winterlandschaft eingebettet sind. Während jene Karte Anfang der 1940er-Jahre entstand, als Breitenbach zum 1938 gebildeten Sudetengau und damit zum Deutschen Reich gehörte, stammt die Karte rechts aus der Zeit um 1910. Da war Breitenbach noch ein Grenzdorf der österreichisch-ungarischen Monarchie. Das könnte ein Grund sein, warum der Vogel-Verlag aus Sachsen nicht als Herausgeber auf der Karte genannt ist, obwohl die Machart - von Motivwahl bis Schriftgestaltung - der von Hunderten Karten aus dem in Schwarzenberg ansässigen Verlag gleicht. Wie auch immer: Mit dem Vermerk, dass Richard Weickert, Betreiber der Gaststätte, der Verleger sei, ging man grenzübergreifenden Rechtsfragen von vornherein aus dem Wege.

Warum sich im Volksmund der Name "Dreckschänke" für die Gaststätte einbürgerte, deren 100-jähriges Bestehen 1935 gefeiert wurde, ist unklar. Es könnte zum Beispiel mit dem Leumund der ersten Besitzer zu tun haben oder mit dem Zustand der Poststraße zwischen Schwarzenberg und Karlsbad, die an dem Haus vorbeiführte. Ab 1835 war es mit neuem Eigentümer "Hahns Gasthaus", doch der alte Name wollte und wollte einfach nicht verschwinden. Die Leute kamen in Scharen, über Jahrzehnte. Es wurde um- und angebaut, der Fremdenverkehr florierte.

Im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs musste die deutsche Bevölkerung Böhmen verlassen, auch die Inhaber der "Dreckschänke". Das Haus diente später unter anderem der Grenzpolizei, war auch mal Kindergarten. Als es im Oktober 1991 in Regie von Tschechen wieder Gasthaus und "Sport-Hotel" wurde, war die Euphorie groß, erst recht nach Öffnung des Grenzübergangs Johanngeorgenstadt. Doch das ebbte ab; seit 15 Jahren wartete die verwaiste Immobilie auf einen Geldgeber. Gegenüber am Skihang wurde kräftig investiert. Und nun - so die Hoffnung - auch auf der anderen Straßenseite.

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