Gericht skurril: ein Geister-Opel und ein Holzmast

Eine Frau behauptet, in einen schweren Unfall verwickelt worden zu sein - der Fahrer sei geflüchtet. Die Richterin hat den Fall jedoch als Hirngespinst abgetan. Mit Folgen.

Zwönitz.

Die Frau auf der Anklagebank bestand bis zuletzt auf ihrer Version. "Ich habe den blauen Opel gesehen! Ich habe ihn gesehen! Aber ich habe leider keine Zeugen."

Doch das hat nichts mehr genützt. Die Frau wurde verurteilt: 3500 Euro Strafe plus Prozesskosten. Richterin Heidemarie Schmidt-Lammert verurteilte sie wegen Vortäuschens einer Straftat. "Nur Sie wissen wohl, warum Sie uns solche Geschichten erzählen." Das Wort Märchen benutzte sie nicht. Allerdings waberte dieses Wort irgendwie die ganze Zeit mit durch den Raum 16 des Amtsgerichtes Stollberg.

Doch von vorn: Laut der Angeklagten wurde sie am 6. Februar dieses Jahres an der abbiegenden Hauptstraße im Zwönitzer Ortsteil Hormersdorf in einen Unfall verwickelt. Sie kam von Gornsdorf und bog nach links in Richtung Auerbach ab. "Ich war vorfahrtsberechtigt. Plötzlich kam von rechts ein blauer Opel angerast und rammte meinen Ford Fiesta vorn rechts. Dann ist er einfach weitergefahren. Alles ging so schnell, ich war wie benommen." Auf dieser Version hat die Frau nicht nur gestern vehement beharrt, sondern auch schon in der polizeilichen Vernehmung. Sie selbst hatte die Ermittler angerufen nach dem Vorfall in Hormersdorf und ihre Geschichte vom blauen Opel und dessen Flucht erzählt.

Nur, diese ganze Geschichte ist erlogen - so jedenfalls haben es schnell die Beamten und letztlich auch das Gericht gesehen. Zur gestrigen Verhandlung war die Beweislast erdrückend, so die Richterin. Der Polizist, der an jenem 6. Februar gegen 8 Uhr vor Ort war und den Unfall aufnehmen wollte, sagte als Zeuge: "Die Frau hatte ihren Wagen selbst 150 Meter weiter gefahren und dort geparkt. An der Unfallstelle selbst waren aber weder Kunststoffsplitter noch abgeplatzter Autolack zu finden. Das war sehr untypisch für einen solch schweren Unfall, wie ihn die Frau an jenem Morgen beschrieben hat."

Dabei gab es einen Unfall, nur verlief der anders, wie es gestern ein vom Gericht bestellter Sachverständiger aussagte. Das Schadensbild am Ford Fiesta sei sehr markant gewesen. "Nur für einen Unfall, wie er abgelaufen sein soll, passt das alles nicht." Vielmehr gab es eben keinen blauen Opel, dafür aber einen dunklen Holzmast. Gegen solch einen muss die Frau gefahren sein. "Dann passt auch das Schadensbild." So seien im Frontbereich des Fiesta Holzsplitter gefunden worden. "Es ist eindeutig, dass der kaputte Stoßfänger erst brach, dann das Holz sich dort hineingebohrt hat. Denn diese Splitter verhaken sich erst so, wie wir sie gefunden haben, wenn sich der Wagen vom Mast wieder löst."

Die Angeklagte aber schüttelte mit dem Kopf. Und zog alle Register: Plötzlich habe es eine Frau gegeben, die an jenem Morgen an der Kreuzung gewesen sei. Sie könnte den Unfall bezeugen. Und auch den Opel-Fahrer konnte sie nun erstmals beschreiben: Er sei ein Mann mit kurzen Haaren gewesen.

Dann das Urteil. Die Frau weinte kurz - und ging. Ihre Märchenstunde war vorbei. Auch wenn es niemand so direkt sagen wollte.

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