Lißke: Männelmacher-Image abstreifen

Arbeitsplatzsicherung rückt in Sachsen in den Fokus. Eine modifizierte Förderpraxis legt nicht mehr nur Wert auf neue Jobs. Doch befeuert das wirklich die Investitionsfreudigkeit in der Region?

Aue/Schwarzenberg.

Wenn der Staat Investitionen der Wirtschaft finanziell unterstützt, mag sich freilich niemand beschweren. Doch in Jubelstürme bricht Matthias Lißke deshalb nicht aus. "Erst hat sich der Freistaat Zeit bei der Umsetzung gelassen. Die Bundesländer Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern waren da schneller. Das hat uns geärgert", sagt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Erzgebirge (WFE). "Dann sind umständliche und übertriebene Klauseln in die Richtlinie eingearbeitet worden." Im Blick hat der Wirtschaftsförderer da etwa die Pflicht zur Tarifbindung, wenn ein Unternehmen von der Förderung profitieren möchte, oder die geforderte Wertschöpfung pro Mitarbeiter, die er als "absurd hoch" bezeichnet. "Unter dem Strich ist die Förderpolitik des Freistaates eher bescheiden", beklagt Jan Kammerl, Geschäftsbereichsleiter Wirtschaftsservice/ Fachkräfte bei der WFE. Für die Wirtschaftsförderer ist die Förderrichtlinie ohnehin nur ein Mosaiksteinchen für den Erfolg des Wirtschaftsstandortes Erzgebirge. Lißke und seine Mannschaft setzen vor allem auch auf ein pfiffiges Standortmarketing. "Wir müssen das Image der Männelmacher abstreifen. Das ist für uns zwar eine wichtige Branche, aber nur das Sahnehäubchen", betont der Geschäftsführer. "Das Erzgebirge ist längst ein Geheimtipp, trotz aller struktureller Nachteile. Aber eines sind wir gewiss nicht: strukturschwach."

Denn viele Unternehmen in der Region wollen seiner Einschätzung nach wachsen. Dazu brauchen die Unternehmen laut Lißke entweder höherwertige Produkte oder günstiger hergestellte Erzeugnisse. "Dazu ist technologisches Aufrüsten notwendig", sagt Lißke. Da könne staatliche Förderung hilfreich sein. Die Unternehmen brauchen aber auch geeignete Arbeitskräfte. "Attraktive Jobs definieren sich allerdings nicht nur über Mindestlohn", so Lißke. Gute Bezahlung sei das eine, aber auch eine positive Stimmung im Unternehmen und der Region sei hilfreich, um Arbeitskräfte ins Erzgebirge zu locken. "Dazu müssen wir auch die sanften Standortfaktoren aufbauen. Daran arbeiten wir zurzeit mit verschiedenen Partnern." Generell sieht er die Region auf einem guten Weg: "Wir haben gering verschuldete Kommunen, da entsteht Lebensqualität." In Teilen kompensiere dies ein niedrigeres Lohnniveau.

Außerdem müsse den in der Region lebenden Jugendlichen gezeigt werden, dass auch eine solide Ausbildung ein aussichtsreicher Karrierestart sein könnte. "Hier sind auch die Gymnasien gefragt, die nicht nur akademische Bildungswege in den Fokus rücken sollten", fordert Lißke. Prinzipiell sieht Lißke das Erzgebirge als Wirtschaftsregion auf dem richtigen Weg. "Zurzeit herrscht eine positive Investitionsstimmung. Die Lockerung der Förderkriterien spielt da zwar nur eine Nebenrolle, aber eine nicht zu vernachlässigende", glaubt Lißke. Die bestehende Firmenstruktur spiele dem Erzgebirge in die Karten. Gerade kleine und mittlere Unternehmen profitieren von den neuen Regelungen. Eine gewisse Dynamik hat Jan Kammerl seit Frühsommer bei den eingehenden Förderanträgen der Unternehmen festgestellt. Der Gradmesser: Der Beratungsaufwand ist spürbar gestiegen.


Wie Unternehmen investieren

Steffi Cordier, Schönfelder Papierfabrik: "Wir haben uns mit den neuen Richtlinien zur Förderung noch nicht näher beschäftigt. Wir planen unsere Investitionen nicht nach diesen Kriterien, sondern nach technischen Notwendigkeiten und potenziellen Möglichkeiten im Markt. Wenn wir neue Vorhaben planen, prüfen wir dann parallel auch die Förderkriterien. Im Moment sind wir jedoch noch mit unserer Investition in Niederwürschnitz beschäftigt, und das war noch zu den 'alten' Bedingungen."

Daniel Meyer, Geschäftsführer Meyer Drehtechnik, Marienberg: "Es ist richtig, dass in der neuen Richtlinie auch die Sicherung von vorhandenen Arbeitsplätzen bedacht wird. Schließlich haben wir praktisch Vollbeschäftigung. Mein Unternehmen profitiert bisher noch nicht davon. Wir nutzen zurzeit Förderprogramme, die in Bezug auf Arbeitsplätze bereits etwas aufgeweicht worden sind. Ich investiere zudem, wenn es notwendig ist. Steht eine Investition an, prüfen wir, welche Förderprogramme wir begleitend anzapfen können. Für kleine oder neue Unternehmen kann die neue Richtlinie hingegen existenznotwendig sein."

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