Nachricht zu Günther-Lied löst Shitstorm gegen OB aus

Diskussion um "Deitsch on frei" von 1908 dreht sich auch um Deutungshoheit

Schwarzenberg.

Beim Altstadt- und Edelweißfest in Schwarzenberg hat Oberbürgermeisterin Heidrun Hiemer (CDU) den Ipsheimer Musikverein gebeten, das Anton-Günther-Lied "Deitsch on frei" nicht mehr für sie zu spielen. Nachdem "Freie Presse" darüber berichtet und das angebliche "Verbot" hinterfragt hatte, sah sich Hiemer einem Shitstorm im Internet und in E-Mails an die Stadtverwaltung ausgesetzt, wie sie am Dienstag auf Nachfrage sagte. "Das reichte bis zu den übelsten Beschimpfungen und Beleidigungen. Es gab jedoch auch Wortmeldungen von Leuten, die meine persönliche Haltung zu dem Thema verstehen und mir den Rücken stärken", erklärte die Oberbürgermeisterin.

Sie stellte nochmals klar, dass es kein Verbot gegeben habe. Die Bitte habe sie nur dem Musikverein Ipsheim vorgetragen, persönlich und mündlich, weil der Verein das Lied gern für sie spielte. Hiemer: "Anton Günthers Lieder und Gedichte gehören zum Erzgebirge. Ich schätze ihn sehr, habe eine CD mit Liedern von ihm, die ich oft höre. Man muss Anton Günther und seine Werke in seiner Zeit sehen und begreifen." Nachträgliche Interpretationen und politische Inbesitznahmen, wie es mit jenem Günther-Lied passiere, lehne sie ab; das müsse man ihr zubilligen.


Nach dem "Freie Presse"-Beitrag hatte Stadtrat Jens Döbel (FBS) die OB in einem auf vielen Kanälen verbreiteten Schreiben unter anderem gefragt, ob der Eindruck stimme, dass Hiemer das Spielen des Liedes "Deitsch on frei" als politisch unkorrekt betrachte. "Nein. Der Eindruck ist falsch", so die Oberbürgermeisterin am Dienstag. Das habe sie auch in ihrer Antwort an Döbel geschrieben. "Wenn die Ipsheimer Musikanten auf Bitte von Besuchern das Lied gespielt hätten, wäre das aus meiner Sicht auch in Ordnung gewesen."

Generell regelt nicht eine Person, sondern die vom Stadtrat beschlossene Benutzungs- und Entgeltordnung fürs Altstadt- und Edelweißfest Fragen zu Teilnehmern und Inhalten des Programms. Was die Deutungshoheit über das 1908 entstandene Lied "Deitsch on frei" betrifft, würde die Oberbürgermeisterin mit Stadtrat Döbel gern in einen mündlichen Austausch treten, "der die Komplexität der Auseinandersetzung mit Volksdichter Anton Günther und seinem Liedgut behandelt".

Bewertung des Artikels: Ø 4.6 Sterne bei 5 Bewertungen
16Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 5
    6
    derBuerger
    31.08.2019

    Wenn jemand darum bittet, ein Lied, das in der heutigen Zeit kritisch gesehen wird nicht mehr "für Sie" zu spielen finde ich dies voll in Ordnung. Kein Gebot oder Verbot nur eine Bitte. Die Zeiten und Anschauungen haben sich gewandelt. Wenn man Luther und Wagners Einstellung zu Juden betrachtet, sind diese heute peinlich. Weder Wagner und schon gar nicht Luther wird deßwegen komplett abgelehnt.

  • 5
    3
    tbaukhage
    30.08.2019

    Schau an, der Herr Stadtrat Döbel!
    Das ist doch der, der für sich in Anspruch nimmt, seine politische Meinung, bitte schön ungestört, durch den Verkauf der Nachbildung seines Merkel-Galgens zu Ausdruck bringen zu dürfen und sich damit auch noch einen erkläcklichen Nebenverdienst erwirtschaftet.
    Und der hat also was dagegen, das die OB Hiemer dieses Günther-Lied öffentlich nicht extra für sie gespielt hören will.

    Wie heißt gleich die Redensart mit der zweifachen Zunge???

  • 11
    2
    saxon1965
    29.08.2019

    Dieses Lied ist wieder ein Beispiel dafür, wie wir mit deutschem Liedgut, das vor 1933 entstand, umzugehen pflegen. Da braucht es nur einer Armee die dazu marschierte, eines Nazis dem es das Lieblingslied war oder Neonazis die es für ihre Ideologie (um)deuten. Ganz gleich in welchem historischen Kontext es stehen mag oder ob es nur ein fröhliches Volkslied war, es liegt an Jedem selbst, was er verstehen mag und dazu kann ich nur sagen: "Die Gedanken sind frei... wer kann sie erraten..."
    Genau mit solchen "Maulkörben" spielen wir doch Jenen in die Hände, vor denen wir unsere Traditionen, Güter und "Weltkulturerbe" schützen sollten!
    Wenn wir singen "Brüder zur Sonne zur Freiheit" oder sagen "Proletarier aller Länder vereinigt euch", wird auch so Mancher das Seine verstehen bzw. interpretieren. Je nachdem ob er Vermögenssteuer zahlen müsste.

  • 16
    4
    Tauchsieder
    29.08.2019

    Eines hat die Dame auf jeden Fall bewirkt, sie ist in aller Munde. Es ist genau das Gegenteil eingetreten was sie wahrscheinlich verhindern wollte. Im Fußball nennt man das Eigentor!

  • 17
    4
    ralf66
    29.08.2019

    @Hankman, was ist denn Ihrer Meinung nach der historische Kontext von ''Deitsch on frei wolln mr sei''? Das Lied ist 1908 entstanden und war und ist eine Antwort auf den ausufernden tschechischen Nationalismus in der K&K-Monarchie, der schon damals die deutsche Besiedelung in den nicht mehr von Slaven besiedelten unterentwickelten Teilen Böhmens, die unter Karl IV. seinen Höhepunkt erreicht hatte beseitigen wollte. Wenn das Lied heute wieder aktuell wird, dann hat es einen ähnlichen Grund wie damals!

  • 7
    21
    Hankman
    28.08.2019

    Ich finde Frau Hiemers Haltung nachvollziehbar - und kann den pseudopatriotischen Shitstorm nicht verstehen. Sie hat kein gutes Gefühl, wenn das Lied ausdrücklich für sie gespielt wird, weil rechtsnationale Kräfte den Song für sich umdeuten. Das ist dann halt als Subtext immer dabei. Natürlich kann und sollte man das Lied öffentlich spielen, es ist historisches Liedgut. Aber vielleicht wäre es gut, vor der Aufführung manchmal wieder auf den historischen Kontext hinzuweisen.

  • 11
    6
    Tauchsieder
    28.08.2019

    Es ist zwar schön das sie dazu eine Meinung haben "Mar....", aber ausgerechnet sie waren damit nicht angesprochen!
    Es geht um den Begriff "Patriot" der hier von einer Person negativ besetzt ins Spiel gebracht wurde und nicht explizit um Hr. Günther.

  • 43
    1
    Deluxe
    28.08.2019

    Offenbar ist es schon zuviel verlangt, sich mal mit dem Hintergrund dieses Liedtextes auseinanderzusetzen.
    Anton Günthers Heimat war das Bergstädtchen Gottesgab nahe Oberwiesenthal. Heute besser bekannt unter dem tschechischen Namen Bozi dar.

    Böhmische Seite des Erzgebirges. Gehörte in der Entstehungszeit des Liedes zu Österreich-Ungarn. K&K-Monarchie, Habsburger. Nur mal als Stichworte. Der eine oder andere ist vielleicht doch willens, statt ideologischer Diskussionen lieber eine historische Einordnung des Liedes in seine Zeit zu wagen.
    Eine Zeit, in der zwei Weltkriege noch gar nicht stattgefunden hatten, die deutsche Reichseinigung noch keine 40 Jahre zurücklag und der spätere deutsche Reichskanzler, dem wir diese ganzen Debatten um angebliche political correctness letztlich bis heute zu "verdanken" haben, noch ein berufsloser 19jähriger Österreicher war.

    Wer das Lied nur aus Sicht unserer Zeit beurteilt, beweist für mich mangelnde Kenntnisse der Geschichte und muß sich den Vorwurf der Bilderstürmerei gefallen lassen.

  • 33
    9
    franzudo2013
    28.08.2019

    Gelassenheit. Wenn Frau Hiemer ganz gelassen nichts gesagt hätte, gäbe es keine Aufregung.
    Das Volksfest wäre deshalb nicht zur "kruden nationalistischen dystopischen" Veranstaltung geworden. Man wäre zum nächsten schönen Lied übergegangen und alles wäre gut gewesen.

  • 9
    25
    Maresch
    28.08.2019

    @Tauchsieder. Die Heimat von Anton Günther kann aber schlecht ihr Vaterland sein.

  • 28
    28
    Maresch
    28.08.2019

    Der sog. Shitstorm zeigt ja deutlich, dass Frau Hiemer recht hat, weil nicht wenige der sich künstlich Echauffierenten das Lied seit Jahren politisch für krude nationalistische Dystopien instrumentalisieren, wobei kaum einer von denen den Text tatsächlich kennt und auch im Grunde kein einziges erzgebirgisches Lied auswendig singen könnte.

  • 30
    13
    Tauchsieder
    28.08.2019

    Ich häng mal meinen Kommentar hier mit an, fand mich so "einsam" auf meiner Seite.
    Die Dame könnte bestimmt bei der Ruder-WM teilnehmen, bei der WM im Zurückrudern. Political Correctness auf sächsisch.
    Ich fühle mich übrigens als Patriot - O-Ton Wikipedia= ... eine Person, die ihr Vaterland liebt ... -! Sollte es hingegen Leute geben, die dieses Wort negativ besetzen wollen, sind es genau diese Leute die hier spalten, sich eine andere Republik wünschen. Es steht ihnen frei dorthin zu gehen, wo ihnen dies ermöglicht wird. Viel Spaß bei der Suche.

  • 25
    12
    Lesemuffel
    28.08.2019

    Jawoll, Hr. Hhcl, so macht jeder seins. Ich gehe auf die Inhalte der Artikel ein und Sie maßen sich an, über den Dingen zu stehen und stets User besserwisserisch wie der Oberlehrer im Sinne des MSM zurechtweisen zu müssen.

  • 27
    31
    Distelblüte
    28.08.2019

    Gerade dieses Lied von Anton Günther wird gerne von sogenannten Patrioten vereinnahmt. Damit soll die eigene, wie auch immer gelagerte Identität ausgedrückt werden. Wir gegen den Rest der Welt sozusagen.
    So wie das kleine gallische Dorf, das sich gegen die fremden Römer behauptet.
    Die heftigen Reaktionen gegen Frau Hiemers Wunsch zeigen, dass das Lied sehr wohl politisch verstanden wird und eine Ablehnung desselben sofort als Affront gegen die eigene Identität empfunden wird. Ein bisschen mehr Gelassenheit wäre da gut.

  • 25
    27
    HHCL
    28.08.2019

    Auch das hat sie erklärt Lesemuffel. Missverstehen hat bei Ihnen schon Methode, oder? Jedenfalls praktizieren Sie diese "Methode" unter fast jedem Artikel.

  • 32
    27
    Lesemuffel
    28.08.2019

    Was für eine Heuchelei! Natürlich war ihre Absage an "Deitsch und frei" politisch motiviert. Sie verehrt doch Anton Günther Lieder angeblich so sehr, warum dann dieses nicht?



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...