Polizei setzt Massen-Gentest von 2011 fort

Mehr als sieben Jahre nach dem Fund eines toten Babys in einem Altkleidercontainer in Schwarzenberg intensiviert die Polizei noch einmal die Ermittlungen. 320 Frauen haben jetzt einen Brief erhalten.

Schwarzenberg/Zwickau.

Es ist ein kleines Grab auf dem Zentralfriedhof von Schwarzenberg. Der Stein trägt die Inschrift "Max Winter, geboren 4.1.2011, gefunden 19.1.2011." Zwei Kerzen stehen darauf und zwei Plüschtiere sitzen daneben. Von der Stadtverwaltung, die das Grab pflegt, habe sie niemand dort abgelegt, sagt Oberbürgermeisterin Heidrun Hiemer. Ihr ist mulmig bei dem Gedanken, dass es vielleicht die Mutter war, die so nach sieben Jahren plötzlich ihrer beiden toten Babys gedenkt. "Aber es kann auch jemand sein, den die Ereignisse von damals einfach nicht loslassen."

Damals - das war am 19. Januar 2011. Mitarbeiter einer Entsorgungsfirma entdeckten in einem Altkleidercontainer im Stadtteil Sonnenleithe in einer Plastetüte ein totes Neugeborenes. Wie sich zeigte, hatte der Junge bei der Geburt gelebt. Er war erstickt - an einem Gegenstand, der ihm in den Mund geschoben wurde. Zwei Monate später beerdigte die Stadt das Kind und gab ihm den Namen Max Winter. Die Polizei startete fast zeitgleich den größten Massen-DNA-Test unter Frauen in Sachsen. Alle Frauen zwischen 14 und 45 Jahren im Stadtteil Sonnenleithe wurden um eine Speichelprobe gebeten. Weil das zu keinem Treffer führte, wurde die DNA-Reihenuntersuchung immer weiter ausgedehnt. Auch auf das angrenzende Grünhain-Beierfeld und auf Männer, die dort zum Beispiel arbeiteten. Statt auf die Mutter oder den Vater stieß die Polizei knapp eineinhalb Jahre später auf einen weiteren toten Säugling. Er lag in einem Graben nahe der Grenze im böhmischen Rotava, 50 Kilometer vom ersten Fundort entfernt. Ein DNA-Abgleich ergab, dass die Babys Brüder waren. Auch die tschechischen Kriminalisten ermittelten ohne Erfolg.

2356 Frauen und Männer wurden seither per DNA-Test überprüft. Mehr als 3000 Hinweisen aus der Bevölkerung ging die Polizei nach. Sie setzte 5000 Euro Belohnung aus. Nichts brachte Aufklärung. Stattdessen gab es bis 2015 rund 100 Aktenordner und nur noch ganz sporadische Hinweise.

Das alles hätten sich die Kriminalisten der Polizeidirektion Zwickau und Experten des Landeskriminalamtes Ende 2017 noch einmal vorgenommen, um zu prüfen, welche Ermittlungsansätze es noch gebe und ob damals etwas übersehen wurde, sagte am Dienstag Polizeisprecher Oliver Wurdak in Schwarzenberg. Die Beamten seien weiter davon überzeugt, dass die Mutter einen regionalen Bezug zu Schwarzenberg und zum Stadtteil Sonnenleithe hatte. Ein Ortsunkundiger hätte den Altkleidercontainer kaum gefunden. Aus diesem Grund unternimmt die Polizei einen neuerlichen Anlauf zur Aufklärung der beiden Tötungsdelikte. Sie hat 320 Frauen aus dem damals kaum in die Überprüfung einbezogenen Ortsteil Sachsenfeld angeschrieben und sie zu einem Speicheltest gebeten. Der findet am 8. und 9. September von 9 bis 16 Uhr in jenem Schulkomplex statt, in dem sich schon einmal Hunderte Frauen testen ließen. Wer verhindert ist, kann in der Woche vom 17. bis 21. September zur Polizei in Schwarzenberg kommen. Der Test sei freiwillig. Wer nicht erscheint, werde persönlich von der Polizei aufgesucht, sagte Sprecher Wurdak.

Den Hut für die Ermittlungen hat Enrico Petzold auf. Der Zwickauer Kriminalhauptkommissar hatte 2016 die höchste Auszeichnung vom Bund Deutscher Kriminalbeamter in Sachsen erhalten, weil er nach 29 Jahren den zu DDR-Zeiten verübten Mord an der Plauenerin Heike Wunderlich aufklären konnte. Nun will er auch die Mutter der toten Säuglinge finden.

Sprecher Wurdak formuliert zugleich eine Sorge der Polizei: "Wir hoffen, dass es nicht noch bislang unbekannte Todesfälle gibt." Die Angst kommt nicht von ungefähr. 2013 hatte ein Fallanalytiker des LKA in einem 34-seitigen Papier darauf verwiesen, dass die Frau wieder schwanger werden oder sein könnte und sie das Kind auf ähnliche Weise beseitigen könnte. Dass sie das zweite Baby damals in Tschechien "entsorgte", sei nur ein Ablenkungsmanöver gewesen, sagt Wurdak. Die DNA jedes gefundenen toten oder ausgesetzten Neugeborenen in Deutschland wird seither mit der von Max Winter verglichen.

Die Ermittler hoffen zudem, dass sich die Mutter ihnen vielleicht doch noch anvertraut, "durchaus auch im Beisein eines Anwalts. Oder dass sich jemand meldet, der sich damals scheute, einen Hinweis auf die Frau zu geben", sagt Wurdak. Hinweise würden auf Wunsch streng vertraulich behandelt. Die 5000 Euro Belohnung stehen noch.

Großes Interesse, dass der Fall endlich aufgeklärt wird, hat auch Stadtchefin Heidrun Hiemer: "Ich bin selbst Mutter und mich hat das alles emotional sehr berührt. Wer ein Kind so zu Tode kommen lässt, ist in meinen Augen eine Mörderin. Die Mutter hätte das Kind doch einfach nur eingewickelt vor eine Wohnungstür oder vor das Rathaus legen brauchen. Dann hätte Max Winter wenigstens eine Chance gehabt."

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