Sie hätte es geliebt, wie er es liest

Es sind drei Premieren in einer, die am Freitagabend im Brecht-Gymnasium zu erleben waren. Im Mittelpunkt standen zwei große Schauspieler: Herbert Köfer und die verstorbene Ursula Karusseit.

Schwarzenberg.

Es ist eine "Zugabe", die gut 100 Gäste dazu bewegt, am Freitagabend ins Schwarzenberger Gymnasium zu gehen. Denn dort hieß es: "Köfer liest Karusseit".

Dieser Abend ist eine Premiere in vielerlei Hinsicht. Es ist der Auftakt für die Lesereise, die der 98-jährige Köfer seiner langjährigen Schauspielerkollegin kurz vor ihrem Tod im Februar dieses Jahres versprochen hatte. Ihr Buch erschien nur vier Wochen später. Und nun also ein Debüt in der Provinz - bevor solche Städte wie Rostock, Berlin, Chemnitz oder Dresden folgen? In gewisser Weise dürfte das sogar ganz nach dem Geschmack von Ursula Karusseit gewählt worden sein, die sich nie als "Star" sah und selbst in der Provinz aufwuchs, wie sie in ihrem Buch mehrfach schreibt.


Eigentlich hatte Buchhändler Michael Schneider für Herbert Köfer die "große Bühne" in der Aula des Gymnasiums reserviert. Doch angesichts der vielen Treppen und eines fehlenden Aufzugs, wählte Köfer spontan den Flur der ersten Etage als Auftrittsort. Sein Vorhang - die breite Flügeltür. Improvisation ist für den großen Mimen kein Problem, wenngleich er damit den Organisator kurzzeitig ins Schwitzen brachte. Und zur Überraschung aller, hatte sich auch Ingrid Schiebel (72), die Schwester von Ursula Karusseit, auf den Weg ins Erzgebirge gemacht, um der Premiere beizuwohnen.

Von der Erkältung, weswegen der ursprüngliche Termin noch einmal verschoben worden war, war nix mehr zu hören. Köfer tritt vor sein Publikum und ist da. Genauso wie man ihn kennt - mit fester Stimme, die er beim Lesen mehrfach variiert, um das Geschriebene szenisch werden zu lassen. Köfer liest und man hört die Karusseit sprechen. Sie hätte es geliebt, wie er es liest. Die "Zugabe" ist ihr zweites Buch. Eines, zu dem sie der Verlag regelrecht überreden musste. Denn im ersten sei ja bereits alles über sie gesagt worden.

Der Titelvorschlag "Zugabe" gefiel ihr jedoch, kitzelte ihren Ehrgeiz heraus und ließ die Schauspielerin mit Blick auf ihren 80. Geburtstag am 2. August noch einmal zurückblicken. Sie erzählt in dem Buch genau das, was die Menschen, wenngleich sie wohl kaum einer persönlich kannte, aber an ihr und ihrer Art zu spielen, sicher stets geschätzt haben: Die Bodenhaftung.

Sie war geradlinig und resolut, aber ebenso verletzlich und verletzt. Im Buch spricht sie offen über ihre lange und zugleich kurze Ehe mit Benno Besson. Plaudert amüsant aus dem Nähkästchen des Theaters im Kapitel "Kantinenspiele", skizziert ihre Kindheit und Jugend im Elternhaus in Gera und erwähnt Episoden mit Schauspielkollegen, wie Rolf Ludwig, Eberhard Esche, Horst Drinda oder Armin Müller-Stahl, die zumindest all jene Zuhörer noch kennen, die der Einladung zur Lesung ins Gymnasium gefolgt waren. "Hinter den Bergen leben auch Menschen. Mich schreckt die Provinz nicht", hat sie gesagt, bevor sie Wolfgang Heinz einst an die Volksbühne holte und ihre Karriere begann.

90 Minuten nonstop las Köfer aus dem Buch der Karusseit, die eine große Schauspielerin war, genau das werden und das gut machen wollte. Für Ingrid Schiebel war sie die Schwester, die ihren Weg aufrecht und beherzt gegangen ist. "Vieles von dem habe ich ja miterlebt. Ja, so war es", sagt sie am Ende der Lesung.

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