Vollendeter Tango zu "Ziehkästle"-Klängen

120 Spieler aus dem In- und Ausland haben das 23. Bandonionfestival gestaltet. Es gab Premieren für Künstler und Gäste.

Carlsfeld/Buenos Aires.

"Das Bandonion gehört auf die Liste der Weltkulturerbegüter." Das forderten die Argentinier Nicole Nau und Luis Pereyra bei ihrem umjubelten Premierenauftritt im erzgebirgischen Carlsfeld als dem Heimatort jenes sagenumwobenen Handzuginstrumentes. Zu den melancholischen wie euphorischen Tönen des Instruments hatte das renommierte Tanzpaar, das auch als Botschafter der Unesco unterwegs ist, am Freitagabend eine Show der Weltklasse auf die Carlsfelder BürgerhausBühne gezaubert. Es war gleichzeitig der Auftakt für das 23. Bandonionfestival.

"Ohne das Bandonion würde dem Tango die unverwechselbare Seele fehlen", sagte Nicole Nau. Die in Carlsfeld gebauten Exemplare wiederum seien nicht nur ihrer Ansicht nach in Klang und Lebensdauer bis dato unerreicht. Jene "Ziehkästle" aus den örtlichen Fabriken von Ernst Ludwig Arnold (ELA) und Alfred Arnold (Doppel-A) wurden vor einem Jahrhundert als "Klavier des kleinen Mannes" zu Tausenden über den Atlantik exportiert. Mittlerweile sind sie dort das typischste Instrument für den Tango. "Unser Gastspiel empfand ich so, als wenn eine Mutter an die Wiege ihres Kindes heimkehrt", bekannte die gebürtige Düsseldorferin beim Carlsfelder Debüt ihres südamerikanischen Ensembles. Das entwickelte sich vor 250 begeisterten Zuschauern zu einer sehens- und hörenswerten Reise durch Argentinien. Als Träger des dortigen Kulturstaatspreises präsentierten Nau und Pereyra zweieinhalb Stunden lang auf dem Parkett äußerst kurzweilig Geschichte und Geschichten aus ihrem gemeinsamen Heimatland. Begleitet wurden sie im ausverkaufen "Grünen Baum" dabei von ihren Landsleuten Toni Gallo an der Gitarre und Leandro Ragusa auf dem Bandonion. "Allein in unserer Hauptstadt verdienen bestimmt weitere 500 Künstler damit ihr Geld", erklärte Ragusa, der wie alle Musiker des Abends in Buenos Aires lebt. "Und es gibt erfreulicherweise ein zunehmendes Interesse gerade unter jungen Leuten." Einen Grund dafür sieht er in der Rückbesinnung auf die Wurzeln der einheimischen Kultur. Dazu gehören auch Bombos und Boleadoras - an langen Schnüren befestigte kleine Kugeln. In atemberaubender Geschwindigkeit ließ sie Luis Pereyra durch die Luft wirbeln. "Ursprünglich jagten die Gauchos damit in der argentinischen Pampa Tiere für das eigene Überleben", erklärte Nicole Nau. Steine und Ziegenhaut verarbeiteten jene "Cowboys Argentiniens" einstmals für die Originale.

Ziegenhaut und Baumstämme wiederum sind bis heute die natürlichen Bestandteile der Bombo-Trommeln. "Früher wurden damit kurze, wichtige Nachrichten über weite Distanzen übermittelt", so Nau, die mit auch durch das Programm führte. Dieses "südamerikanische Morsen" empfanden Pereyra und Gallo in Carlsfeld sogar im Duett nach. "Weil wir heute keine Informationen mehr damit versenden, ergibt sich auf der Bühne viel Raum für freies Improvisieren", bekannten sie nach ihrem lautstarken Auftritt.

Dass der Auftritt des weltweit bejubelten Gesamt-Quartetts in Carlsfeld überhaupt zustande kam, ist dem Bruch einer über 20-jährigen Tradition zu verdanken. Denn das Festival wurde heuer erstmals nicht mit einem Festkonzert in der Trinitatiskirche des Dorfes eröffnet. "Anfangs wollten wir nur Terminüberschneidungen im Ort vermeiden", erklärt Martina Zapf vom organisierenden Fremdenverkehrsverein. "Und dann hat es plötzlich genau in den Tourneekalender der Stars gepasst." Den Kontakt zu ihnen hatte mit Ullrik Meinhold ein begeisterter Tango-Freund aus Beierfeld vermittelt. Insgesamt wurden am Wochenende letztlich 120 Bandonion- und Konzertinaspieler - auch aus Essen, Stuttgart, Berlin, Halle, Gera, Zwickau, Hundshübel und dem Gastgeberdorf selbst - von 750 Zuschauern im "Grünen Baum" gefeiert.

Für Nau & Co war es der mit Abstand kleinste Gastspielort ihrer bisherigen Karriere. Unmittelbar zuvor gastierten sie in Berlin. Und nach der deutschen stehen sie nächste Woche bereits wieder in der argentinischen Hauptstadt auf der Bühne. "Bei uns daheim werden wir von Carlsfeld, der herzlichen ,Hauptstadt des Bandonions', schwärmen", versprach Nau zum Abschied.

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