Vom Lebenswerk profitiert die Nachwelt

Siegfried Hübschmann wirkte von 1972 bis 2009 in Raschau als Ortschronist. Was er dabei erforschte und zusammentrug, was er fotografierte und auch aufschrieb, füllt hunderte Ordner und Hefter, dazu Karteikarten und Kästen. Der Heimatfreund starb mit 88 und findet heute in Raschau seine letzte Ruhe.

Raschau.

Sein Lebenswerk ist in guten Händen. Die für ihn überaus wichtige Gewissheit bekam Siegfried Hübschmann, als er vor einigen Jahren den Großteil seines Materials zur Raschauer Ortsgeschichte schrittweise an die Gemeinde übergab. Die Gewissheit paarte sich mit Zuversicht, als im Herbst 2016 feststand, dass sich eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Jochen Teumer dem weit gefächerten Thema Ortschronik annimmt. Damit wusste der schon von Krankheit gezeichnete langjährige Ortschronist, erst recht in seinen letzten Monaten im Gut Förstel in Langenberg, dass sein überaus umfangreiches Lebenswerk nicht nur bewahrt, sondern aufgearbeitet und vor allem fortgesetzt wird. Auf dem Friedhof in Raschau wird die Urne von Siegfried Hübschmann, der am 11. Juli im Alter von 88 Jahren starb, heute beigesetzt.

Das heimatkundliche Lebenswerk, das er hinterlässt, hat es allein schon vom Umfang her in sich. Im Frühjahr 2012 standen im Chronikzimmer im Raschauer Rathaus bereits 433 Schnellhefter mit insgesamt 13.047 Blättern, meist mit Schreibmaschine beschrieben. Dazu 145 Ordner, zwischen deren Deckeln neben 16.268 beschriebenen Blättern auch 6192 Fotos zu finden waren. Es gab 18 Kästen voller Dias, 142 Kopien von Dokumenten aus Archiven. Broschüren aus alter Zeit und Mineralien aus der Raschauer Gegend ergänzten den Fundus.

"Schon die Häuserkartei mit ihren 589 Karteikarten zu vielen Gebäuden mit Baujahr und Besitzern ist ein Schatz für sich", weiß Jochen Teumer. Mit seinen Mitstreitern ist er dabei, alle Bestände durchzuarbeiten. "Sichern, Aufarbeiten und Nutzbarmachen", so umreißt er die Aufgaben. "Nach und nach digitalisieren wir die alten Unterlagen, fügen Neues, Bewahrenswertes hinzu und denken auch über Publikationen nach." Das alles passiert im Haus der Volkskunst. In den Fachwerkbau gegenüber der Grundschule ist der Bestand aus dem Chronikzimmer des Rathauses verlagert worden. "Da haben wir einfach bessere Bedingungen, sind unabhängig von den Öffnungszeiten der Verwaltung."

Wie Hübschmann in sein Ehrenamt hineinwuchs, hat er mehrfach erzählt: "1968 gab's ein Jubiläum: 100 Jahre organisierter Sport in Raschau. Eine Ausstellung war auch geplant. Es hieß: Du bist Lehrer, stellvertretender BSG-Leiter, du machst das." Er redete mit 'zig Leuten, trug Fotos und Erinnerungsstücke zusammen. Als es nach dem Jubiläum ans Aufräumen ging, sagten viele: "Kannste behalten." Das war der Grundstock seiner Sammlung.

1972 trat die Gemeinde an den Lehrer heran, berief ihn zum Ortschronisten, ab 1982 auf vertraglicher Basis. Ab 1990 blieb dann aber vieles dem privaten Engagement und Vereinen vorbehalten. Offiziell hat Hübschmann sein Ehrenamt als Ortschronist am 31. Dezember 2009 beendet. Da war er schon 79, hatte keinen Nachfolger. Inoffiziell führte er eine Lose-Blatt-Sammlung noch jahrelang weiter. Die Gemeinde Raschau-Markersbach würdigte den Senior 2017 als ersten Raschauer mit dem "Emmlertaler" für sein besonderes ehrenamtliches Wirken, bei dem ihm seine Frau Irmgard Rückhalt und Unterstützung war.

Ortschronisten vom Schlag eines Siegfried Hübschmann, dessen Wissen in Bücher, Broschüren und zahlreiche Artikel einfloss und der auch gern in geselliger Runde musizierte, wird es wohl nicht mehr geben. "Er war eher Alleinkämpfer, hat sehr viel Zeit in das Ehrenamt investiert. Aber heute ist das so nicht mehr zu stemmen. Wir wollen das auf mehr Schultern verteilen, auch die moderne Technik nutzen", erklärt Teumer.

Siegfried Hübschmann blieb Zeit seines Lebens wissbegierig und kritisch nachfragend. Er nahm auf seine Weise Anteil am Leben im Ort, selbst als das Herz nicht mehr richtig mitmachen wollte, er die Wohnung nicht mehr verlassen konnte. Als ihm die Augen schon fast keine Dienste mehr leisteten, schärfte das seine anderen Sinne umso mehr. Anrufer, die "nebenbei" sein Wissen abschöpfen wollten, waren ihm zuwider. Ein Blatt nahm er da erst recht nicht vor den Mund. Erkannte er hingegen bei Besuchern gleich gelagerte Interessen, ehrliches Streben und ernsthafte Ambitionen, war er gern zu Auskünften und helfenden Hinweisen bereit. Das wissen auch einige Heimatforscher aus jüngeren Generationen zu schätzen, die auf Erfahrungen der Alten bauen, sich dabei allerdings befleißigen, Althergebrachtes stets zu hinterfragen.

Regelmäßig bietet die Interessengemeinschaft die Möglichkeit an, in den Beständen zu stöbern. Das stößt auf reges Interesse. Fragen zu beantworten, Hinweise oder sogar Ergänzungen für die Ortschronik entgegenzunehmen, rundet das Ganze ab. Die Ortschronik lebt, kann man also sagen. Sie wird genutzt, und sie wird fortgeschrieben. Das dürfte ganz im Hübschmann'schen Sinne sein.

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