Wenn für ein Kind jeder Schultag Qual ist

Mobbing gibt es überall, sagt der Experte. Doch gemeldet werden Fälle eher selten. Ein Mädchen und seine Eltern erlebten den wahrgewordenen Albtraum. Die Schule aber schildert den Fall anders.

Aue/Schwarzenberg.

Dass Kinder manchmal keine Lust auf Schule haben, kennen viele Eltern. Dass sie jeden Tag die Angst begleitet, hingegen nicht. Für eine zwölfjährige Erzgebirgerin ist das Lernen zur Qual, der Alltag zur Hölle geworden, sagt ihr Vater. Warum? "Meine Tochter wurde gemobbt." Er spricht von über Wochen, Monate andauernde psychische Gewalt durch Mitschüler. Bis es nicht mehr weiterging.

Das Mädchen wurde krank, hatte psychosomatischen Beschwerden, erbrach immer wieder. Es musste in der Kinderpsychiatrie behandelt werden. Schon vor der Therapie suchten die Eltern eine Psychologin auf. "Sie öffnete uns die Augen, dass die gesundheitlichen und psychischen Probleme auch auf Mobbing zurückgehen", sagt die Mutter.


Angefangen habe alles mit dem Wechsel von der Grund- zur Oberschule. "Getrennt vom alten Freundeskreis fand unsere Tochter nur schwer Kontakt. Das hat sie uns zu Hause auch erzählt. Mehr nicht. Wir haben deshalb lange nicht mitbekommen, wie schlecht es ihr geht." Es sei ein schleichender Prozess gewesen. "Erst waren es Hänseleien im Bus, dann wurde sie ausgegrenzt, über Whatsapp schikaniert, sogar körperliche Gewalt angedroht. Die Noten wurden schlechter, unsere Tochter immer öfter krank, bis sie schließlich anfing, sich zu ritzen."

Da wurde auch die Schule aufmerksam. Den Fall schildern Leiterin und Klassenlehrerin aber völlig anders. Es habe keine Anhaltspunkte für Mobbing gegeben, keine Auffälligkeiten. Die beschuldigten Mitschülerinnen seien zur Rede gestellt worden. "Vielmehr wollte das Mädchen die anderen überzeugen, sich auch zu ritzen. Erst daraufhin erfolgte in der Klasse die Ausgrenzung."

Vieles, was die Familie schildert, kennt Dr. Sebastian Wachs aus der Forschung zu Mobbing. Der Wissenschaftler der Uni Potsdam sagt: "Ausgrenzung, fiese Spitznamen, viele Kleinigkeiten können auf Dauer verletzend sein. Betroffene schämen sich, darüber zu sprechen. Für Familien ist es schwer, das Problem allein zu lösen." Gerade der Übergang von der vierten zur fünften Klasse sei eine schwierige Phase. Gruppen finden sich neu zusammen, Rangordnungen werden gebildet.

Der Mobbing-Forscher weiß, dass von Region zu Region, von Schule zu Schule anders mit dem Thema umgegangen wird. In Sachsen müssen Mobbing-Fälle zumindest von Schulen gemeldet werden, bestätigen Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) sowie Kultusministerium. Allerdings werden keine Statistiken nach einzelnen Kriterien geführt, sagt Lasub-Sprecher Lutz Steinert. Zudem seien nach seinen Erfahrungen Mobbing-Meldungen eher selten. Den Vorfall aus dem Erzgebirge hat die Schule nicht gemeldet. "In meinen Augen war es kein besonderes Vorkommnis", sagt die Direktorin. Zwar gebe es an der Schule Mobbing. Das aber sei kein solcher Fall.

Damit diese Probleme gar nicht erst entstehen, sind Prävention und gutes Schulklima die wichtigsten Voraussetzungen, sagt Susann Meerheim aus dem Kultusministeriums. Da Lehrer das Problem nicht allein bewältigen könnten, werden in Sachsen Präventionsprogramme, Fortbildungen und Schulprojekte angeboten. Bei akuten Fällen können Schulen Unterstützung von Psychologen und Mediatoren anfordern. Auch der Kreiselternrat bietet Hilfe an. "Aber die Probleme müssen an uns herangetragen werden", betont Vorsitzender Ricky Auerswald. Vieles werde verschwiegen. "Schulen versuchen, das intern zu klären. Auch, um Eltern neu einzuschulender Kinder nicht zu verschrecken." Eine andere Schule fand nach erfolgreicher Therapie auch die Zwölfjährige. Sie hat neue Freundschaften geschlossen und schreibt wieder bessere Noten. Ihre Eltern sind nach Monaten der Verzweiflung froh, "dass der Albtraum eine Ende hat".


"Mobbing kommt an jeder deutschen Schule vor"

Dr. Sebastian Wachs, Wissenschaftler und Autor, forscht zum Thema Mobbing. Patrick Herrl sprach mit dem Mitarbeiter der Uni Potsdam.

Freie Presse: Wie verbreitet ist das Problem Mobbing an Schulen?

Sebastian Wachs: Mobbing kommt an jeder deutschen Schule vor. Schätzungsweise 17 Prozent aller Schüler in Deutschland sind betroffen: als Täter, Opfer oder beides. Auch gibt es keine großen Unterschiede zwischen länd lichen Regionen und Städten. Nur der Umgang damit ist unterschiedlich.

Was genau heißt das?

In manchen Bundesländern ist das Thema präsent, in anderen nicht. Es gibt Schulen, die das Problem nicht öffentlich machen, weil die Angst besteht, abgestempelt zu werden.

Hat Mobbing im Vergleich zu früher zugenommen?

Es gibt keine verlässlichen Zahlen für eine Zunahme. Die Wissenschaft geht eher sogar von einer Abnahme aus.

Warum ist das Problem dann erst jetzt präsent?

Mobbing wurde früher schlichtweg nicht zum Thema gemacht. Halten Sie sich vor Augen, bis wann die Prügelstrafe galt. Die Rechte des Einzelnen, auch die der Kinder, werden heute viel größer geschrieben. Wir wissen mittlerweile viel mehr über Mobbing, sind sensibler bei dem Thema. Aber die Art des Mobbens hat sich gewandelt. Stichwort Smartphone.

Welche Rolle spielen Eltern?

Eine große. Eltern sind Vorbilder. So wie sie Konflikte austragen, machen es auch ihre Kinder. Außerdem gilt: Kinder von übervorsorglichen Eltern können eher zu Opfern werden. Täter wiederum stammen meist aus Elternhäusern, in denen es rauer zugeht.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf an Schulen?

An jeder deutschen Schule sollte es ein Anti-Mobbing-Programm geben - wie in den skandinavischen Ländern. Außerdem müssen Lehrer besser zum Thema geschult werden.

Und wenn das Kind schon gemobbt wird?

Wichtig sind klare Regeln in der Klasse, die man mit Schülern erarbeiten sollte. Beispiel: Wir können uns streiten, aber bleiben fair, zeigen Respekt. Helfen können klassenverbindende Maßnahmen wie Ausflüge. Bei Vorfällen gilt: nicht wegschauen. Greifen Lehrer ein, sind sie oft erfolgreich.

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