Aus Hobby wird Beruf mit Leidenschaft

30 Jahre Mauerfall Als Jugendliche wurde ihr der Wunschberuf Lehrerin, nach der Ausbildung die Tätigkeit als Erzieherin verwehrt. 1990 war sie wieder arbeitslos. Heute prägt eine Freizeitbeschäftigung das Erwerbsleben von Constanze Ulbricht.

Marienberg.

Als am 9. November nach der Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski Tausende DDR-Bürger an und schließlich über die deutsch-deutsche Grenze stürmten, saß Constanze Ulbricht wie so oft mit Freunden in der Gelobtländer Thieleschenke und aß Bratkartoffeln mit Sülze. Dass die Grenze offen war, das realisierte die damals 33-Jährige erst, als ihr Mann Stefan von seiner Fernfahrertour nicht nach Hause kam - weil er auf verstopften Straßen rund um die Hauptstadt feststeckte.

Mit dem ersten Schritt ins deutsche Nachbarland hat sich das Ehepaar Zeit gelassen. "Wir hatten einfach nicht das Bedürfnis, gleich loszuziehen, haben erst Wochen später mit den drei Kindern im Trabi an der Grenze Schlange gestanden, um in der Hofer Region das Begrüßungsgeld abzuholen: sagenhafte 500 Deutsche Mark. Da waren wir natürlich erst mal einkaufen", erinnert sich die heute 62-Jährige.

"Ich habe gern in der DDR gelebt", bekennt Constanze Ulbricht. Und das war für sie nicht immer leicht. Damals wollte sie Lehrerin werden. "Da ich jedoch als eines von drei Kindern in meiner Klasse nur konfirmiert wurde, aber keine Jugendweihe hatte und ich auch nicht zu den Klassenbesten gehörte, blieb mir dieser Weg verwehrt", berichtet sie. "Doch ich wollte unbedingt mit Kindern arbeiten." Die Alternative: eine Ausbildung zur Erzieherin mit hauswirtschaftlichem Profil bei der Caritas im Eichsfeld. "Im September 1973 wurde ich Aspirantin im Bergkloster Heiligenstadt, danach folgten drei weitere Jahre an der katholischen Fachschule für Sozialpädagogik Sankt Ursula der Diözesancaritas Dresden. Das erste Jahr im Nonnenkloster, das Wäscherei, Gartenarbeit und Putzdienst beinhaltete, vor allem aber die strengen katholischen Ausgehregeln waren für mich ein Herausforderung", erzählt die evangelisch erzogene Constanze Ulbricht. "Da bin ich menschlich ganz tief in die Knie gegangen. Freigeistig aufgewachsen, musste ich mich plötzlich absolut unterordnen." Diese Ausbildung habe sie für ihr ganzes Leben geprägt: "Sowohl positiv, als auch einschränkend."

Die anschließende Tätigkeit als Erzieherin in einem katholischen Kinderheim in ihrer Heimatstadt Olbernhau konnte sie aber nicht lange ausüben - nach wenigen Jahren wurde es geschlossen. Die junge Frau heiratete, zog nach Marienberg, wurde dreifache Mutter und konnte bis 1987 sogar kurz als Krippenerzieherin arbeiten, bis sie aufgrund häufiger Krankheiten der Kinder zwischenzeitlich zuhause blieb und in Heimarbeit Modellbahnhäuschen montierte. Zur Wende arbeitete sie als Sekretärin bei einem zum Kombinat Holzspielwaren Vero gehörenden Betriebs. "Ein ganz normales Leben. Ich habe mich weder für noch gegen den Staat engagiert, einfach nur mein Leben gelebt."

Dann der Mauerfall und seine Folgen. "Der 220 Mitarbeiter beschäftigende Betrieb, in dem ich arbeitete, wurde reprivatisiert und 1991 geschlossen, mein Mann hatte beim Kraftverkehr ebenfalls keine Perspektive mehr. Ich hatte so gehofft, in meinem erlernten Beruf endlich Fuß zu fassen. Doch den Bewerbungen folgten immer neue Absagen. Und das mit drei Kindern, nur unregelmäßig gezahltem Arbeitslosengeld und den Raten für unser 1986 gebautes Haus" - die inzwischen dreifache Oma denkt nur ungern an die Existenzängste zurück, die sie wie viele andere damals litt. Und die sie zu einem verzweifelten Versuch trieben: Constanze Ulbricht machte ihrem Unmut beim neuen Landrat Albrecht Kohlsdorf Luft: "Schon zu DDR-Zeiten durfte ich meinen Beruf nicht ausüben. Jetzt bin ich wieder arbeitslos. Das kann doch nicht sein, dass ich in beiden Gesellschaftsordnungen nicht arbeiten darf." Ein Auftritt mit Folgen: Nach einem halben Jahr Erwerbslosigkeit bearbeitete die mittlerweile 35-Jährige in der Wohngeldstelle im Landratsamt Anträge, wechselte danach in das Sachgebiet Schulverwaltung/Kultur. Dort organisierte sie Projekte und Veranstaltungen, stellte Fördermittelanträge, stieg zügig zur Kulturamtsleiterin auf. "Völlig unvorbereitet und mit einer großen Portion Glück. Damals wusste ich nicht mal selbst, ob ich mir das zutrauen sollte", schätzt sie heute ein.

Seit der Jahrtausendwende ist die Marienberger Baldauf-Villa ihr berufliches Zuhause, in der sie nicht nur die Arbeitstage, sondern auch viele Abende und Wochenenden verbringt. Veranstaltungen wie die erzgebirgische Liedertour, die Marienberger Film- und Fototage "Der Grenzgänger", die Lesetour sowie Ausstellungen und andere Projekte diesseits und jenseits der deutsch-tschechischen Grenze sind unmittelbar mit ihrer Beteiligung verbunden, denn: "Kultur verbindet. Sie ist ein Vorreiter für das Zusammenwachsen." Eines ist der Marienbergerin, die sich als weltoffenen und familiär geerdeten Menschen bezeichnet, besonders wichtig: die Pflege der erzgebirgischen Mundart, mit der sie als junge Frau in der Heimatgruppe Schwartenberg erstmals in Berührung kam: "Sie ist nicht nur Ausdruck der erzgebirgischen Identität, sondern steht wie die Familie für Werte, die in unserer Region noch etwas zählen."

Constanze Ulbricht hat trotz ihrer gescheiterten Berufspläne mit der DDR nicht gehadert. "Ich war nie sehr aufmüpfig oder in gesellschaftskritischen Gruppen aktiv, habe aber immer meine Meinung vertreten." Beispielsweise, indem sie 1976 nach der Ausweisung Wolf Biermanns und der sich anschließenden Ausreisewelle vieler DDR-Künstler mit ihrer Unterschrift unter ein Protestschreiben ihren Unmut gegen diese Politik ausdrückte - "was das für Folgen haben könnte, daran dachte ich damals nicht".

Dass ihr Leben nach dem Mauerfall eine andere, sie erfüllende Wendung genommen hat, dafür ist sie dankbar: "Ich habe ja in meiner Tätigkeit viel mehr Kontakte, arbeite mit Menschen verschiedenen Alters zusammen - das ist ein Geschenk."

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