Ein 40 Jahre altes Verbrechen zerstört die Postkartenidylle

Dem gebürtigen Erzgebirger René Seidenglanz gelingt mit "Toter Schacht" spannendes Krimidebüt

Annaberg-Buchholz.

Sein neues Zuhause ist Berlin, doch geboren ist er in Annaberg-Buchholz: René Seidenglanz, Jahrgang 1976, studierter Publizist und Psychologe und Professor für Kommunikationsmanagement in Berlin. Nun ist sein erster Krimi auf dem Markt: "Toter Schacht". Und der spielt im Erzgebirge. Antje Flath hat mit ihm über die Heimat seiner Kindheit und seine besondere Faszination dafür gesprochen.

"Freie Presse": Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet einen Krimi im sonst meist als beschaulich geltenden Erzgebirge anzusiedeln?


René Seidenglanz: Ich finde, das Erzgebirge ist eine tolle Krimiregion. Es hat natürlich die Puppenstubenromantik und die Postkartenidylle - aber es hat auch die Brüche, in seiner Landschaft, in den Städten, in den Biografien. Hier ist so viel Geschichte - im Guten wie im Schlechten - passiert und überall präsent. Das macht das Erzgebirge in meinen Augen viel spannender als etablierte Krimi-Regionen wie etwa Eifel, Taunus oder Schwarzwald. Ich glaube wirklich, dass man auch und gerade aus dem Erzgebirge heraus mit großer Selbstverständlichkeit und auch mit Selbstbewusstsein gute, spannende und moderne Kriminalromane erzählen kann und muss.

Auch das Hintergrundthema - die letzte große Enteignungswelle 1972 - ist keine leichte Kost. Gab es familiäre Berührungspunkte mit diesem Thema?

Das Thema ist nicht aus persönlichen Bezügen gewählt. Es ist zum einen eine spannende Geschichte, die heute gar nicht mehr so präsent, aber unbedingt erzählenswert ist. Es ist außerdem ein Thema, das die Region maßgeblich geprägt hat: Bis in die 1970er-Jahre gab es im Erzgebirge immer noch eine starke Privatwirtschaft. Die hiesige Textilindustrie war einmal international renommiert und erfolgreich. Die Verwerfungen, die aus den Ereignissen damals resultieren - und aus der Politik, die dahinterstand - sind bis heute wirksam. Es ist drittens ein Thema, das auch über die Region hinaus wirkt, weil es symptomatisch dafür steht, wie der Staat DDR funktioniert hat. Das hat gerade (wieder) im Jahr 30 nach der Wende Relevanz.

Bei einigen Themen aus der Vergangenheit ist auch heute noch eine Blockadehaltung spürbar - aus unterschiedlichen Gründen heraus. Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihren Recherchen gemacht? Wie viel Einfluss hat aus Ihrer Sicht die vielfach noch unverarbeitete Geschichte der DDR auf die heutige Gesellschaft?

Genau darum geht es im Buch - dass die Brüche von damals bis heute wirken. Es geht um Verlust, der nicht aufgearbeitet wurde. Eine Familientragödie, die ihre Wurzeln in den 1970er-Jahren hat, führt in der Jetzt-Zeit wieder zu grausamen Verbrechen. Als Wissenschaftler würde ich hingegen antworten, dass inzwischen für die heutige ostdeutsche Gesellschaft die Umbrüche der Nachwendezeit, die Transformationserfahrungen, der Zusammenbruch der Wirtschaft und vieler Biografien wichtiger sind als unmittelbare Erfahrungen aus der DDR.

Ort der Handlung ist unverkennbar Annaberg-Buchholz. Wie viel Kindheitserinnerungen stecken in diesem Buch?

Nicht sehr viele, denn es spielen ja nur wenige Szenen in den 1970er-Jahren. Eine markante Erinnerung ist aber eingegangen: Wie im Winter schwarze Rauchschwaden aus all den Schornsteinen die Stadt in dichten Smog gehüllt haben und der Schnee nach wenigen Tagen schwarz wurde. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich habe übrigens bewusst nicht breit ausgerollt, dass der Schauplatz Annaberg-Buchholz ist. Wichtiger ist, dass es eine Kleinstadt ist, die typisch für das Erzgebirge ist und die die Atmosphäre transportiert.

Wie viel ist vom Inhalt Wirklichkeit und wie viel Fiktion? Gab es für die Hauptakteure beispielsweise reale Vorbilder?

Nein. Stellenweise gibt es Handlungen, Gesten oder Eigenheiten, die Vorbilder haben mögen. Aber die Figuren sind fiktiv. Sie sind so gezeichnet, damit sie glaubwürdig in der und für die Geschichte leben.

Sie planen bereits eine Fortsetzung, wollen dabei dem Erzgebirge treu bleiben. Erleben Sie die Entwicklung der Region als regelmäßiger Besucher oder eher als aufmerksamer Beobachter?

Ich beobachte immer noch sehr interessiert, was im Erzgebirge passiert und kaufe mir tatsächlich heute noch alle möglichen Neuerscheinungen zur Geschichte, zu Traditionen und so weiter. Vielleicht sieht man aus der Diaspora und im Vergleich mit anderen Gegenden auf der Welt manches auch ein bisschen anders. Nur mal ein Beispiel: Nehmen Sie eine gut situierte Stadt in Kalifornien, etwa in der Größe von Annaberg. Sie haben da nie und nimmer ein Theater, Museen, Kino. Sie haben vielleicht mal einen McDonalds und eine Mall. Das ist jetzt ein Extremvergleich, aber vielleicht schätzt man aus der Ferne und im Vergleich manche Sachen ein bisschen mehr, als wenn man sie immer ganz selbstverständlich vor der Nase hat.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    2
    Distelblüte
    27.07.2019

    Ein echter Lesetipp. Am besten in der nächstgelegenen Buchhandlung kaufen oder dort bestellen, es wird meistens über Nacht geliefert.



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