Ein Niederdorfer gegen den Rest

Er nennt sein Haus das "Strichmännelhaus von Niederdorf": Ralph Gehler lebt mit seiner Frau Ramona am Angerweg. Doch seit Jahren liegt er mit der Gemeinde und Nachbarn im Clinch. Wird nun versucht, ihn aus dem Ort zu vertreiben?

Niederdorf.

Ralph Gehler sieht sich als Kämpfer. Für die Gerechtigkeit. Für seine Freiheit, für seine Rechte. Am Angerweg steht sein Elternhaus, in dem er mit seiner Frau Ramona wohnt. "Der Bürgermeister will mich fertig machen. Aber das lasse ich nicht zu." Der 57-Jährige ist gebürtiger Niederdorfer, dort will er bleiben. Der Bürgermeister Stephan Weinrich jedoch sagt: "Mit Herrn Gehler ist eine sachliche Einigung nicht möglich gewesen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich würde es bedauern, wenn er nicht mehr in Niederdorf wohnt."

Wie konnte es dazu kommen? Die Fronten sind verhärtet in dieser Causa. Den Äußerungen gehen Monate, Jahre der Auseinandersetzung voraus. Schon unter Weinrichs Vorgänger Roland Lippmann. Über den Gartenzaun, vor Gericht. Anfang März saßen Gehler und Weinrich beim Notar. Für 21.000 Euro sollte Gehlers Haus an die Gemeinde Niederdorf verkauft werden. Es ist das "Strichmännelhaus von Niederdorf", wie Ralph Gehler es selbst nicht ohne Stolz nennt. Er hat sein Fachwerkhäuschen angemalt, mit Auszügen aus dem Grundbuch und Namen ehemaliger Besitzer sowie Äußerungen über den Bürgermeister, die gut und gern als Beleidigung aufgefasst werden können.

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Doch Ralph Gehler ließ den Termin platzen. Beim Notar steht er auf und geht. "Ich verkaufe doch nicht mein Elternhaus. Vor allem weiß ich, was drunter ist." Ein Schatz, da ist sich Ralph Gehler sicher. Vielleicht das Bernsteinzimmer, genau will er es nicht sagen. Mit dem früheren Bürgermeister von Deutschneudorf, der nach jenem Bernsteinzimmer schon lange sucht, stehe er in Kontakt. Auch das Oberbergamt wisse Bescheid. Die Behörde in Freiberg allerdings teilt auf Nachfrage von "Freie Presse" mit, dass für Gehlers Grundstück keine Hinweise auf Altbergbau oder andere unterirdische Hohlräume vorliegen. Ralph Gehler aber ist sich ganz sicher. Immer wieder findet er Beweisstücke, kleine Figuren, die leider meist kaputt sind. "Da sitze ich dann draußen und putze sie. Was glauben Sie, wie die Nachbarn gucken."

Der Bürgermeister berichtet, dass Ralph Gehler seit Jahrzehnten sein Umfeld tyrannisiert: Beleidigungen, Bedrohungen, das Abbrennen von Dingen auf seinem Grundstück, Eier gegen die Häuserwände der Nachbarn sind nur Beispiele. Ähnliches bestätigen andere Niederdorfer, mit denen "Freie Presse" gesprochen hat. Auf Nachfrage teilt auch die Staatsanwaltschaft mit: "Strafrechtlich ist er bislang wegen Nötigung, Körperverletzung und Beleidigung in Erscheinung getreten."

Dass er auf seinem Grundstück gerne mal ein Feuer macht, räumt Ralph Gehler ein. Er verbrennt unter anderem Steinkohle. Auf die Frage, ob sich nicht die Nachbarn beschweren, sagt er: "Steinkohle ist halt Steinkohle." Vor einem Jahr brannte sein Wohnwagen im Garten nieder. Ralph Gehler sagt, er war zu der Zeit im Haus. Jemand anderes hätte den Hänger angezündet. Stephan Weinrich, der als Feuerwehrmann mit ausrückte, erinnert sich: "Wir löschen. Da kommt Herr Gehler und sagt quasi nebenbei: 'Da stehen übrigens noch Gasflaschen drin.' Da fällt dir doch nichts mehr ein."

Doch Ralph Gehler fühlt sich im Recht. Und betrogen von der Gemeinde schon vor Jahren, als diese 2009 die angrenzende Ruhmühle kaufte. Teile dieser hätten auf seinem Grundstück gestanden, sagt der 57-Jährige. "Ich kann alles beweisen, ich steh' im Grundbuch." Als die Gemeinde 2012 begann, Teile der Ruhmühle abzureißen, erwirkte er sogar einen Baustopp. Das Verfahren zog sich hin. "Das Gelände wurde neu vermessen, aber die kamen auch zu keinem anderen Ergebnis", erinnert sich der damalige Bürgermeister Roland Lippmann. Die Auseinandersetzung endete mit einem Vergleich, so Lippmann. "Damit ist die Sache rechtlich abgeschlossen."

Für Ralph Gehler nicht, er will Schadensersatz. "Der Bürgermeister will nur mein Haus, weil er an das will, was drunter ist." Das weist Stephan Weinrich zurück. "Das ist lächerlich." Für ihn gibt es zwei Gründe, warum er dieses Haus kaufen würde: Zum einen, um die Entwicklung der Ruhmühle voranzutreiben. "Und um den nachbarschaftlichen Frieden auf dem Angerweg wieder herzustellen. Wie das passiert, ist mir egal", sagt Weinrich, der Gehler sogar Wohnungen in Chemnitz vermitteln wollte, wo dieser arbeitet. Für Ralph Gehler keine Option. Er lasse sich nicht verjagen.

Der Versuch, das Haus zu kaufen, war nicht die erste Aktivität der Gemeinde. Ralph Gehler hat Schulden bei ihr. Diese treibt die Verwaltung seit einiger Zeit ein, unter anderem wurden sein Konto gepfändet und Vollstreckungshaft angeordnet. Eine Vielzahl von Bußgeldverfahren sind offen, bestätigt auch die Staatsanwaltschaft. Anfang des Jahres saß Ralph Gehler für zwei Wochen in Zwickau ein. War das schlimm für ihn? "Nein, wieso? Nur die Zähne sind mir kaputt gegangen von dem harten Brot dort", sagt Ralph Gehler. Weil er sich gewehrt hat, als die Polizei ihn für den Knast abholen wollte, steht nächste Woche schon der nächste Gerichtstermin an. "Der Bürgermeister versucht, mich mürbe zu machen. Aber er packt's nicht. Weil er eine Null ist", schimpft Gehler. Jener dagegen sagt: "Herrn Gehler ist nicht beizukommen. Wir werden weiterhin alle rechtsstaatlichen Mittel ausnutzen, um diese Situation zu lösen. Er muss die Konsequenzen seines Handelns zu spüren bekommen", findet Stephan Weinrich. Damit endlich wieder Ruhe einkehre im Ort. "Und wenn das am Ende heißt, dass er den Ort verlässt, dann können wir gut damit leben."

Bewertung des Artikels: Ø 3.3 Sterne bei 4 Bewertungen
2Kommentare
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  • 3
    3
    CPärchen
    16.05.2019

    Bei Körperverletzung und Wohnanhänger mit Gasflaschen abfackeln ist es schwer, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen.

    Zum Glück kommt er nicht nach Chemnitz - solche "Experten" dürfen gerne dort bleiben, wo sie herkommen.

  • 2
    2
    Beutelratte
    16.05.2019

    Man solle doch mal die Kirche im Dorf lassen, als gäbe es quasi nichts anderes, was wirklich wichtiger wäre.
    Der Ort sollte lieber für das Geld Projekte machen - die zwar geplant waren aber wo es am Geld lag, warum die nicht umgesetzt wurden. Jeder schiebt die Schuld auf den anderen. Einfach sich gegenseitig die Hand geben und sich in die Lage des anderen versetzen.



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