Eine Lehre ist meist nur der Anfang

Fachkräfte Eine Möglichkeit, junge Leute für bestimmte Jobs zu interessieren, ist die Woche der offenen Unternehmen. "Freie Presse" stellt einige der Berufsbilder vor. Heute: der Zimmerer. Dabei wird deutlich, dass der zweite Bildungsweg nichts mit Scheitern zu tun hat.

Mitteldorf.

Der erste und einfachste Weg muss nicht immer der beste sein. Ein Blick in das Unternehmen Holzbau Meyer im Stollberger Ortsteil Mitteldorf gibt da gleich mehrere Beispiele. Simon Meyer hat Anfang des Jahres den Betrieb mit zwölf Facharbeitern von seinem Vater Lothar übernommen. Dabei ist der 36-Jährige zwar Zimmermann, aber kein Meister. Möglich ist die Führung der Geschäfte, weil er nach seiner Lehre mit Fachabitur in Rosenheim Holzbau und Ausbau studiert hat. 2009 hatte er den Abschluss Diplom-Ingenieur (FH) in der Tasche, der dem Meister in nichts nachsteht. Und im Planungsbüro von Simons Schwester Elisabeth, die unter anderem freie Architektin ist, arbeitet eine Ingenieurin für Holztechnik, die sich nach einer Zeit als Spielzeugmacherin für das Studium an einer Fachhochschule entschieden hat.

"Ein Studium ist nichts schlechtes, um Gottes Willen. Aber es ist ganz wichtig, dass man auch praktisch arbeitet. Im Handwerk lässt sich das prima verbinden", sagte Simon Meyer, der in dieser Woche 20 interessierte Schüler und deren Eltern durch den Betrieb führte. Das Handwerk sei eben mehr als nur die Lehre. Und zugleich geht nichts ohne eine Ausbildung. Simon Meyer hat drei Jahre Zimmermann bei seinem Vater gelernt. "Die Lehre vermittelt das Fachwissen. Das hast du ein Leben lang. Jeder, der ein bisschen Ahnung hat, merkt sofort, ob man ein Handwerker ist", so Meyer. "Außerdem zeigt man zum Beispiel mit einem extra Techniker, den man nebenbei macht, dass man das wirklich will. Etwas besseres kann einem Arbeitgeber nicht passieren." Auch Simons Vater Lothar Meyer, der bereits rund 60 Menschen ausgebildet hat, setzt auf die praktischen Fähigkeiten. "Das sieht man schon im Praktikum, wie die einen Besen halten." Auch wenn im Praktikum die jungen Leute nicht an die Maschinen dürften, seien solche Wochen immer noch das A und O vor dem Start der Ausbildung.

Das Modell, wie es Simon Meyer absolviert hat, kennt der ein oder andere aus DDR-Zeiten. Das Handwerk jedoch legt es nun wieder auf: In diesem Schuljahr startet in Zwickau eine Berufsausbildung mit Abitur. Zunächst wird diese Kombination, die sich über vier Jahre erstreckt, nur für Elektroniker mit der Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik angeboten. "Es ist ein Testlauf. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass es später auch auf andere Gewerke erweitert wird", sagt Romy Weisbach von der Handwerkskammer Chemnitz. Das Angebot richte sich an leistungsstarke Oberschüler der 9. und 10. Klassen sowie an praxisorientierte Gymnasiasten der gleichen Klassenstufen. Am Ende hat der Absolvent den Abschluss als Geselle und die Allgemeine Hochschulreife in der Tasche.

Simon Meyer führt die Holzbaufirma nun in der vierten Generation. Neben der Zimmerei gibt es noch das Architekturbüro der Schwester und ein weiteres Unternehmen, das den kompletten Hausbau anbietet. Probleme, Leute zu finden, hat Simon Meyer eher weniger. "Der Beruf des Zimmermanns ist immer noch attraktiv. Vor allem hier auf dem Land, weil der Bezug da ist. Quasi jeder hat einen Handwerker in der Familie oder unter den Freunden." Bei der Ausbildung zum Zimmermann lernen die Lehrlinge im ersten Jahr zudem alle Gewerke einer Baustelle kennen. "Man kann nach dem ersten Lehrjahr auch wechseln, wenn man zum Beispiel gemerkt hat, dass einem beim Fliesenlegen das Herz aufgeht", sagte Meyer und erntete bei vielen ein Schmunzeln.

Insgesamt 37 Schüler und Eltern konnten am Rundgang durch die Zimmerei teilnehmen, nachdem die Wirtschaftsförderung Erzgebirge als Organisator der Woche der offenen Unternehmen zahlreiche interessierte Siebtklässler ablehnen musste. Dabei waren auch die Zwillinge Jannic und Felix Stoll aus Oelsnitz. Die beiden 16-Jährigen wollen sich auch noch im Edelstahlwerk in Lugau umschauen - das komplette Gegenteil zum Zimmermann eigentlich. "Aber das ist ja der Sinn dieser Woche, dass man einfach mal reinschnuppert", sagte Jannic, der demnächst ein einwöchiges Praktikum im Forst absolvieren wird.


Karrierechancen im Handwerk: Ein Überblick

Das Handwerk bietet mehr als die duale Berufsausbildung. So gibt es in den Fachrichtungen Elektrotechnik sowie Gebäude-, Energie- und Klimatechnik die Möglichkeit, drei Ausbildungsformen zu kombinieren. Nach fünf Jahren hat man drei Abschlüsse: Geselle, Meister und Diplom-Ingenieur (FH). Dafür ist das Abitur nötig.

In allen technischen Berufen ist die Kombination von Fachoberschule und duale Ausbildung möglich. Nach vier beziehungsweise viereinhalb Jahren lauten die Abschlüsse Geselle und Fachhochschulreife. Zielgruppe dieses "FOS plus" sind Oberschüler.

Neu im Schuljahr 2019/2020 startet die Berufsausbildung mit Abitur - ein Modell, wie es viele Eltern noch aus DDR-Zeiten kennen. Möglich ist das zunächst im Fach Elektroniker mit der Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik; die Dauer beträgt vier Jahre. Notwendig ist ein Vertrag mit einem Ausbildungsbetrieb.

Eine Weiterbildung ist nicht nur zum Meister möglich. So kann man zum Beispiel den Technischen Betriebswirt schon während der Ausbildung machen. Der Geprüfte Betriebswirt dagegen ist ein Abschluss, der dem Master gleich gestellt ist. (kan)

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