Eltern in Niederwürschnitz rebellieren gegen Kitaträger

Zu viel Unterricht, zu wenig Zeit zum Spielen - so lautet der Vorwurf. Eine Schlichtung im Gemeinderat brachte keinen echten Erfolg. Doch jetzt kommt Bewegung in die Sache.

Niederwürschnitz.

Das Tischtuch zwischen der Elternschaft der Kita Spatzennest in Niederwürschnitz und dem Trägerverein ist zerrissen. Elternratsvorsitzender Daniel Dietzsch redet nicht um den heißen Brei herum: "Wir möchten diesen Träger nicht mehr haben." Er weiß nahezu die gesamte Elternschaft hinter sich, die das geplante, erweiterte Bildungskonzept ablehnt.

Worum geht es? Die Kita Spatzennest verfolgt ein fremdsprachenorientiertes Bildungskonzept. Dabei möchte der Träger, das ist seit 2010 die Gesellschaft für ganzheitliche Bildung gGmbH (GGB), die kindliche Lernphase möglichst umfassend ausnutzen. Ab August soll der Bildungsbereich intensiviert werden. Neben Englisch sollen auch Grundkenntnisse in Rechnen, Schreiben und Lesen vermittelt werden. Den Eltern ist das ein Dorn im Auge. Sie befürchten, dass Spielmöglichkeiten und Freiluftaufenthalte dem Bildungsanspruch zum Opfer fallen. "Es wird ein Stundenplan eingeführt und Elitekinder ausgebildet, das wollen wir aber nicht", sagt Dietzsch, der eine Unterschriftenliste gestartet hatte. 90 von 98 Eltern haben sich darin gegen eine Veränderung des pädagogischen Konzeptes ausgesprochen. Die gleichen Sorgen treibt laut Dietzsch auch die Eltern einer GGB-Kita in Meerane um.


Alles Quatsch, hält Rüdiger School im Gemeinderat dagegen. Es gehe nur um Nuancen, betont der GGB-Geschäftsführer. Dass den Kindern die Zeit zum Spielen genommen werde, ließ er nicht gelten. Wie ein Mantra betonte er, dass in der Kita stets alles spielerisch umgesetzt werde. Doch die Eltern und mit ihnen die Gemeinderäte bleiben skeptisch. Rüdiger School war in den Gemeinderat eingeladen worden, um dort das Bildungskonzept vorzustellen und vor allem um die Wogen zwischen Eltern - die zahlreich erschienen waren - und GGB zu glätten. Die Eltern fühlen sich übergangen und werfen der GGB vor, ein neues, intensiveres Bildungskonzept still und heimlich einführen zu wollen. Ein Gespräch zwischen School und Elternrat im April hatte aus Sicht der Eltern wenig Konkretes zutage gebracht. Mehr noch: School reagierte auf die Kritik an seinen Plänen äußerst dünnhäutig und forderte die Eltern in einem Schreiben vom 24. April, das der "Freien Presse" vorliegt, praktisch dazu auf, die Kita zu wechseln, wenn sie nicht zufrieden mit dem Konzept seien. Ausreichend freie Plätze in den Nachbarorten seien vorhanden. "Was soll das? Wir haben nur eine Kita im Dorf und die möchten wir nutzen", sagt Dietzsch, der betont, den Träger stets unterstützt zu haben. Doch nun sei das Maß voll.

Auch bei den Gemeinderäten konnte School nicht punkten. Die Volksvertreter konfrontierten ihn mit zahlreichen Fragen, etwa der nach einem Stundenplan. Die beantwortete er damit, dass es einen solchen nicht gebe. Vielmehr regele ein Ablaufplan die Inhalte. Der sei allerdings flexibel anwendbar. Der stellvertretende Bürgermeister Uwe Landmann versuchte mehrfach erfolglos, School aus dem Kreuzverhör zu befreien und die Debatte zu beenden.

School gab im Rat schließlich klein bei und bot weitere Gespräche mit dem Elternrat an. Es werde nichts umgesetzt, was die Eltern nicht unterstützten, versprach er. Auf Anfrage von "Freie Presse" ließ School gestern mitteilen: "Wir führen das alt bewährte pädagogische Konzept, was bis Februar 2017 nur genutzt wurde, weiter voll inhaltlich durch und verzichten auf die zusätzlichen Module." Dietzsch bleibt skeptisch: "Spätestens in einem halben Jahr wird die GGB erneut versuchen, uns die Konzeptänderung unterzujubeln."


Die Struktur der Trägerschaft

Rüdiger School (Foto) fungiert als Geschäftsführer der Gesellschaft für ganzheitliche Bildung gGmbH (GGB) und der Saxony International School - Carl Hahn gGmbh (SIS), die als Partner der GGB auftritt.

Die GGB ist im Kita- und Hortbereich tätig. Sie betreibt je acht Kitas und Horte, unter anderem in Stollberg (Hort und Kita) und Niederwürschnitz (Kita).

Die SIS ist Träger von vier Grundschulen (unter anderem in Stollberg), vier Oberschulen (unter anderem in Niederwürschnitz), dem Beruflichen Gymnasium in Geithain und drei weiteren Gymnasien. Ab dem Schuljahr 2017/2018 kommt an der Oberschule in Niederwürschnitz ein gymnasialer Zweig dazu. Beraten wird der Schulträger von einem wissenschaftlichen Beirat. Er besteht aus führenden Vertretern aus Bildung, Wirtschaft, Forschung, Politik, Finanzwesen, Recht und Öffentlichkeitsarbeit - etwa Joachim Lamla, Geschäftsführer von Porsche in Leipzig.

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