Erzgebirge fehlt es an Arbeit für Fachkräfte

Katja Kipping sieht Vorteile eines Grundeinkommens: Arbeitsuchende könnten dadurch länger nach einem Job in der Region suchen

Stollberg.

Die Vorsitzende der Linken kommt nach Stollberg. Am Donnerstag möchte sie mit Interessierten zum bedingungslosen Grundeinkommen und sogenannte 4-in-1-Visionen ins Gespräch kommen. Was sich dahinter verbirgt und wie die Menschen im Erzgebirge davon profitieren können, dazu richtete Björn Josten einige Fragen an die Politikerin.

Freie Presse: Die einen schwärmen von den Chancen der Digitalisierung, die anderen fürchten um ihre Jobs. Sie fordern nicht weniger als eine Neu- und Umbewertung von Arbeit, eine kulturelle Revolution: Was genau schwebt Ihnen da vor?

Katja Kipping: Ich meine, dass wir eine drastische Arbeitszeitverkürzung brauchen, damit die Früchte der Digitalisierung allen zugutekommen. Im Moment haben wir eine Arbeitsverteilung, die für beide Seiten Stress bedeutet. Die einen arbeiten zu viel und andere ungewollt in Teilzeitjobs und manche finden gar keine Anstellung. Digitalisierung und Automatisierung rollen uns für das Projekt der Arbeitszeitverkürzung den roten Teppich aus. Denn wenn der technische Fortschritt es möglich macht, immer mehr in immer kürzerer Zeit zu produzieren, sollten wir auch immer weniger arbeiten müssen. Das Leben sollte sich nicht länger um die Arbeit drehen, sondern die Arbeit um das Leben. Das ist für mich dann tatsächlich eine Revolution.

Gerade die hiesige Region kämpft gegen den Bevölkerungsschwund. Wie kann ein bedingungsloses Grundeinkommen diesem gegenwirken?

Viele Menschen verlassen die Region, weil sie kurzfristig keine Arbeit finden. Das ist auch der Grund, warum viele nach ihrer Ausbildung nicht wieder zurückkehren, obwohl sie es wollen. Durch ein bedingungsloses Grundeinkommen müssten Arbeitssuchende nicht aus finanzieller Not das erstbeste Angebot weit weg annehmen, sondern sie könnten länger in der Region nach einer passenden Stelle suchen. Ein Grundeinkommen allein wird die Probleme allerdings auch nicht lösen. Wichtig wären zum Beispiel auch der Breitbandausbau für schnelleres Internet und der Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs mit Bus und Bahn.

Fachkräfte können sich den Arbeitsplatz praktisch aussuchen. Wie kann Grundeinkommen ein Argument dafür werden, seinen Lebensmittelpunkt im Erzgebirge zu belassen?

Fachkräfte gehen dorthin, wo Arbeit ist. Arbeit für Fachkräfte gibt es im Erzgebirge aber nur begrenzt. Eigenständig in der Heimatregion zum Beispiel ein neues Unternehmen aufzubauen, ist für die meisten jedoch mit hohen finanziellen Risiken verbunden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte in diesen Zeiten des Übergangs eine finanzielle Absicherung für Existenzgründer bieten.

Sie bringen die Vier-in-einem-Perspektive ins Spiel. Was genau verbirgt sich dahinter?

Hinter der Vier-in-einem-Perspektive steckt die Erkenntnis, dass wir Menschen gleich viel Zeit brauchen für Lohnarbeit, Sorge- und Erziehungsarbeit, politisches Engagement und Zeit für sich selbst, für Muße und Kunst. Das unterstreicht auch, dass wir dringend eine Verkürzung der Lohnarbeitszeit brauchen, um die Zeit für die anderen Bereiche des Lebens zu verlängern. Es geht auch um eine Umverteilung der Tätigkeiten zwischen Frauen und Männern.

Kultur, Wellness, Muße - alles Dinge, die in einer neuen Arbeitswelt an Gewicht gewinnen. In den Städten ist das sicher kein Problem, aber wie kann da der ländlichen Raum mithalten?

Das würde ich nicht so negativ sehen. Auch in ländlichen Regionen gibt es tolle Kulturevents und ja, auch eine Menge Wellness-Angebote - und nicht zu vergessen: die schöne Natur. Ein Spaziergang oder eine Wanderung sind immer noch die beste Form von Wellness. Fakt ist aber, dass, wenn die Kommunen immer weiter finanziell ausgeblutet werden, dass dann künftig weitere Schwimmbäder, Theater oder Kinos schließen müssen. Deshalb müssen die Kommunen vom Bund dringend besser finanziell unterstützt werden. Dazu gehört auch die Rücknahme der Schuldenbremse.

Ein Grundeinkommen soll auch das politische Engagement fördern. Viele engagieren sich lieber in Vereinen, Feuerwehren oder sozialen Initiativen. Welche Anreize kann Politik, zumal auf lokaler Ebene, bieten?

Ich wäre nicht so streng, was die Eingrenzung des Politikbegriffs angeht. In Vereinen und sozialen Initiativen findet auch politische Einmischung statt. Ich finde, hier geht es vor allem um eine gute Zusammenarbeit zwischen Parteien wie der Linken und lokalen Initiativen und Vereinen. Ich denke, da macht meine Partei an vielen Orten schon richtig gute Arbeit. Aber klar, Luft nach oben ist immer.


Zur Person

Katja Kipping (40) ist seit Juni 2012 Bundesvorsitzende der Partei Die Linke in Doppelspitze mit Bernd Riexinger. Seither ist die gebürtige Dresdnerin zwei Mal im Amt wiedergewählt worden. 1998 ist sie in die PDS eingetreten und zog 1999 in den Dresdner Stadtrat ein. Sie ist Mitbegründerin des bundesweiten Netzwerkes Grundeinkommen, dessen Sprecherin sie von 2004 bis 2008 war.

Die Politikerin verbindet ihre Karriere mit dem Muttersein: "Für mich ist dabei die gerechte Aufteilung der Kinderbetreuung zwischen meinem Mann und mir, eine wohnortnahe Kita sowie eine offensive Haltung unverzichtbar. Nicht ich muss mich entschuldigen, wenn ich beides unter einen Hut bekommen will, sondern die, die in der Politik einen Standard einer 90-Stunden-Woche setzen."


Zur Veranstaltung

Die Sommertour durch Sachsen führt Katja Kipping nach Stollberg. Unter dem Motto "Philosophiere mit Katja Kipping" möchte die Bundespolitikerin mit den Menschen ins Gespräch kommen. Thema ist das bedingungslose Grundeinkommen und sogenannte 4-in-1-Visionen. Die Veranstaltung der Partei Die Linke beginnt am Donnerstag um 19 Uhr im Kulturbahnhof Stollberg. Der Eintritt ist frei.

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