Firma hat Gestaltungsideen für jeden Bedarf

Stilvoller Raumausstattung hat sich die Firma Drechsler aus Thum verschrieben. Sein Können hat dem Familienbetrieb, der 125 Jahre Tradition feiert, manchen prestigeträchtigen Auftrag eingebracht. Doch der Fokus liegt mittlerweile woanders - nicht zuletzt, weil sich die Erzgebirger verändert haben.

Thum.

Mitten im Erzgebirge liegt ein Stück Aida Stella. Wer die Büroräume der Firma Raumausstatter Drechsler in Thum betritt, schreitet über den Boden, über den auch die Gäste des bekannten Kreuzfahrtschiffs wandeln. Bei dem Parkett handelt es sich um Überbleibsel von einem der Aufträge für die Aida-Schiffe, an denen das Unternehmen mitgebaut hat. Eine spannende Erfahrung, wie Dirk Drechsler sagt. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Der 48-Jährige, der Meister im Raumausstatterhandwerk ist und eine Zehn-Mann-Firma führt, setzt inzwischen andere Prioritäten. Das hat auch damit zu tun, dass sich im Erzgebirge die Bedingungen für Handwerksbetriebe geändert haben.

"In der DDR musste jeder handwerklich was können", sagt Joachim Drechsler (70), der die Geschicke der Firma vor einigen Jahren in die Hände seines Sohnes gelegt hat. "Wir hatten nach der Wende hier eine Handwerkerdichte, die um ein Vielfaches höher war als im Westen." Auch das Geld war bei vielen Menschen knapp. Aus diesen Gründen sei es schwierig gewesen, in der Region Aufträge zu bekommen, erzählt der frühere Innungsobermeister des Kreises Zschopau. "Also mussten wir auf Montage. Doch dadurch haben wir viel gelernt - und es hat uns Türen geöffnet."

Ihre Touren führten die Erzgebirger nach Süddeutschland, Berlin, Frankfurt und Köln. "Von der Bauernstube bis zum Hochadel hatten wir alles dabei", sagt Joachim Drechsler. Es sprach sich herum, dass man bei Drechslers etwas konnte. Und so kam es, dass die Thumer zum Beispiel bis heute nicht nur für die Privatbank Merck Finck und renommierte Handelsketten arbeiten, sondern auch Aufträge für Parkettböden auf mehr als einem halben Dutzend Aida-Schiffen an Land zogen. Anfangs als Lohnarbeiter, zum Schluss verantwortlich für das Herzstück des Schiffs, das Atrium.

Eine Empfehlung durch andere Handwerker aus der Region brachte die Geschichte ins Rollen. Überhaupt sei auf der Aida Stella viel Erzgebirgisch gesprochen worden. Dirk Drechsler grinst: "Am Ende hat der Bauleiter mit Glück auf statt mit Moin Moin gegrüßt." Neben Drechsler seien viele weitere erzgebirgische Firmen am Start gewesen, berichtet der 48-Jährige: "So ein Schiff muss man sich wie einen riesigen Bienenstock vorstellen." Jeder mache einen kleinen Teil, das Gesamtbild bekomme man gar nicht zu Gesicht.

Doch die Zeit der großen Touren sind vorbei, auch wenn es Anfragen gibt und die Bestandskunden noch betreut werden. Mittlerweile konzentrieren sich die Aufträge auf Privatleute zwischen Erzgebirge, Vogtland und den Raum Leipzig-Halle. "Die Mentalität aus DDR-Zeiten, alles selber zu machen, verliert sich langsam", sagt Dirk Drechsler. "Viele unserer Kunden sind in einem Alter, wo sie es sich schön machen wollen. Das haben sie sich erarbeitet und das Geld spielt nicht die erste Rolle."

Die Mund-zu-Mund-Propaganda beschert den Thumern ihre Aufträge. "Wenn viele Kunden einem sagen, dass Termin- und Qualitätstreue und auch die Chemie stimmen, dann bestärkt einen das schon", sagt Dirk Drechsler. Dieses Vertrauensverhältnis öffnete nicht nur manche Tür, es schloss auch schon eine sehr dicke, wenn man so will. So wollte eine Bank in München unbedingt, dass die Firma zum Oktoberfest im Tresorraum Kugelgarn verlegte. Doch alle Unterkünfte waren ausgebucht. "Also ließen sich unsere Mitarbeiter im Tresorraum einschließen und übernachteten dort", lacht Dirk Drechsler.

Neben Bodenbelägen stattet das Thumer Unternehmen Kunden auch mit Sonnenschutz, Polstermöbeln und Gardinen aus. Das Geschäftsumfeld wandelt sich ständig. Fertigte Emil Drechsler, der Ururgroßvater des heutigen Chefs, vor 125 Jahren als Sattler noch Kutschbeschläge und Polsterungen, kamen bei Urgroßvater Walter Bodenbeläge wie Linoleum hinzu. Großvater Wilfried war Tapezier-Meister, bevor Joachim übernahm und den Familienbetrieb durch die Nachwendezeit führte. Heute hält ins Gewerbe mehr und mehr Technik Einzug: Die Markise ist auf Wunsch mit Fernbedienung oder Smartphone steuerbar, und dank Sensoren lässt sich beim Parkett im Ernstfall genau lokalisieren, wo etwa der Boden feucht wird.

Auch wenn das Geschäft mit einer Million Euro Jahresumsatz gut läuft - es gibt auch Dinge, die Joachim und Dirk Drechsler Sorgen bereiten. Die Abschaffung der Meisterpflicht bezeichnen sie als Fehler, weil viele Betriebe so nicht ausbilden könnten. Das verschärfe den Fachkräftemangel. Joachim Drechsler hatte einst erfolgreich 17 Lehrlinge ausgebildet. "Die letzten fünf Azubis sind aber alle gefloppt", sagt Dirk Drechsler. "Auszubilden lohnt sich nicht mehr." Viele junge Menschen wüssten nicht mehr, was sie wollten und hätten gar keine Vorstellung vom Beruf, die Abbrecherquote im Handwerk liege bei 50 Prozent. Hier sieht der Thumer Politik und Verbände gefordert: Als Lösung sieht er überbetriebliche Zentren, wo Jugendliche in verschiedene Berufe schnuppern und ein Gespür bekommen können, was ihnen gefällt.

Apropos gefallen. Dirk Drechsler wollte dann doch einmal sehen, wie die fertige Aida Stella um das Drechsler-Parkett herum aussieht. Also buchte er eine Kreuzfahrt: "Auch wenn jeder unser Werk mit Füßen tritt - ich war beglückt."

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