Frakturschrift sorgt zwischen den Künstlern für Zündstoff

"Zueinander. Zeiterkundung_Landvermessung" heißt die Ausstellung, die im Heinrich-Hartmann-Haus eröffnet wird. Für Andreas S. Berndt und Jo Siamon Salich war es aber ein hartes Stück Arbeit, zueinander zu finden.

Oelsnitz.

Zwei in Oelsnitz geborene Dresdner. Zwei Künstler. Zwei Handschriften. Trotz der Parallelen im Lebenslauf ist es fast ein Wunder, dass die neue Ausstellung im Heinrich-Hartmann-Haus am heutigen Freitag tatsächlich eröffnet werden kann, denn beim Aufbau diese Woche haben unterschiedliche künstlerische Ansichten der Aussteller beinahe zum Bruch geführt.

Eigentlich fast unvorstellbar, wenn man die Vorgeschichte kennt: Der als Jörg Sonntag in Oelsnitz aufgewachsene Jo Siamon Salich wollte ursprünglich nicht in seinem Heimatort ausstellen, hatte dann aber doch Andreas S. Berndt gefragt, ob dieser sich eine gemeinsame Schau vorstellen kann. Er konnte. Und es sollte eine besondere, eine gemeinsame künstlerische Annäherung an den Ort der Kindheit werden. Für das Performance-Projekt "Schürfen auf Glück" hatten sich die Künstler auf Spurensuche in Oelsnitz begeben. Sie haben markante Orte aufgesucht, mit vielen Menschen gesprochen. Die entstandenen Fotografien, Videos und Interviews sind Bestandteil der Ausstellung.


Bei der Vernissage soll eine knapp halbstündige Performance geboten werden. Andreas S. Berndt liest dabei Texte, die den Interviews entnommen, aber parzelliert und neu zusammengesetzt sind. Diese Sprachkomposition begleitet Jo Siamon Salich mit computergesteuerter Musik. Die gelesenen Texte sollten auch Teil der Ausstellung sein. Doch diese insgesamt sechs Blatt Papier haben fast zum Fiasko geführt. Die stimmige grafische Darstellung war für Andreas S. Berndt von existenzieller Bedeutung. Es sollte eine historische Schrift sein, und eine schöne, gebrochene Schrift. Dass er dabei letztlich allerdings ausgerechnet die 1937 von Friedrich Herrmann Ernst Schneidler (1882-1956) entworfene Frakturschrift Zentenar verwendet hat, wollte sein Künstlerkollege nicht akzeptieren. Aus gutem Grund: Diese Schrift wird bis heute mit dem Dritten Reich in Zusammenhang gebracht. Das ist paradox, weil Fraktur im Januar 1941 verboten und Antiqua zur Normalschrift erklärt wurde. Berndt will sie genau deshalb aus der Schmuddelecke herausholen. Dennoch befürchtete Sonntag wohl nicht zu Unrecht, dass die eigentlichen Inhalte der Ausstellung durch diese "linkische Parallelprovokation" unnötig in den Hintergrund gerückt wären. Der Kompromiss: Die Blätter werden nicht gezeigt. Die Texte sind ausschließlich innerhalb der Performance zu hören.

Dafür bekommen die anderen Arbeiten beider Künstler nun hoffentlich die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Beide arbeiten experimentell, und beide sind Vertreter einer visuellen Poesie. Bei den Arbeiten von Andreas S. Berndt allerdings lugt immer auch seine starke Affinität zur Sprache hervor. So wird ein lithografiertes Kapitel aus seinem Buch "von regen von erinnerung von ursachen. systematische poesie" gezeigt. In einer zehnteiligen Serie beschäftigt er sich mit der Problematik des Quadrats.

Bei Jo Siamon Salich werden immer wieder das Zusammenspiel, die Überschneidung und der Konflikt zwischen Mensch und Maschine thematisiert. In den Porträts der Serie "Goldige Zeiten" wird das unmittelbar sichtbar. Bei dem fast zwei Meter hohen Acrylbild "Perception" kann der Besucher die Verschmelzung unmittelbar erleben, denn das vermeintlich zweidimensionale Werk gewinnt durch eine entsprechende Brille eine dritte Dimension. Die Ausstellung "Zueinander. Zeiterkundung_Landvermessung" wird am heutigen Freitag um 19 Uhr im Heinrich-Hartmann-Haus eröffnet.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...