Letzter Schrankenwärter im Erzgebirge macht Schluss

Moderne Technik hin oder her: In Aue gibt es einen Bahnübergang, der bis heute manuell gesteuert wird. Die Anlage, die jetzt weichen muss, hält auch einen weiteren Rekord.

Aue.

Wenn Jürgen Streng aus dem Fenster schaut, kann er links bis zur Auer Bahnhofsbrücke blicken, rechts sieht der 62-Jährige das ehemalige Schweißgerätewerk. In beide Richtungen fällt sein Blick auf ein paar Hundert Meter Schienenstrang.

Streng sitzt im Schrankenposten am Bahnübergang in der Clara-Zetkin-Straße, einem turmähnlichen Gebäude mit blassrosa Anstrich. 16 Holzstufen führen nach oben in einen acht Quadratmeter kleinen Raum mit Schreibtisch, Radio, Kaffeemaschine, Kühlschrank und einer Elektroheizung. Das hier war viele Jahre lang sein Arbeitsplatz. In ein paar Tagen macht er Schluss.

Streng ist Schrankenwärter. Er überwacht den Bahnübergang. Zweimal pro Stunde lässt er die Schranken hoch- und runter, tagaus, tagein. Langeweile? "Eigentlich nicht", sagt der alte Eisenbahner. "Ich sitze hier, lese Zeitung, mal ein Buch. Man kriegt die Zeit rum."

Die Bahnübergänge im Netz der Erzgebirgsbahn werden längst alle vom nächsten Stellwerk aus gesteuert. Nur dieser hier ist anders. Seitdem vor sieben Jahren der Schrankenposten in Erla bei Schwarzenberg geschlossen wurde, ist er der letzte, der noch manuell bedient wird. "Hier kommen besonders viele Fahrzeuge und Fußgänger durch. Deshalb wollten wir den Übergang nicht unbeobachtet lassen", erklärt Marco Wiederhöft, Bezirksleiter bei der Erzgebirgsbahn.

Ein wachsamer Blick auf die Schienen gehörte daher ebenfalls zu den Aufgaben von Jürgen Streng. "Manchmal fuhren Autos trotz des Blinksignals noch weiter und waren dann zwischen den Schranken gefangen", erzählt er. "In solchen Fällen habe ich die Schranken noch mal kurz geöffnet. Mit Fußgängern gab es eigentlich nie Probleme."

Seinen Job hat er sich mit drei Kollegen geteilt. Insgesamt waren sie zwei Männer und zwei Frauen, die in zwei Schichten arbeiteten. Nur vier Stunden in der Nacht, wenn keine Züge fuhren, blieb der Turm unbesetzt. In diesen Tagen haben sie alle ihren letzten Einsatz als Schrankenwärter, denn der Bahnübergang wird modernisiert. Künftig überwachen Scanner den Raum zwischen den Schranken. Personen oder Fahrzeuge auf den Schienen werden automatisch erfasst - der sich nähernde Zug erhält dann kein Fahrsignal. Gesteuert wird die Anlage über das Stellwerk am Bahnhof Aue.

Jürgen Streng und seine Kollegen bekommen andere Stellen bei der Erzgebirgsbahn, zwei gehen bald in Rente. "Es tut schon ein bisschen weh, dass es zu Ende ist",sagt Streng. "Aber es ist nun mal die Zeit der Technik, damit muss man leben."

Lutz Mehlhorn, Betriebsleiter der Erzgebirgsbahn, sagt über die Arbeit der Schrankenwärter: "Die meisten Leute haben gar nicht bemerkt, dass das Bahnwärterhäuschen besetzt war. Das liegt daran, dass die Kollegen ihren Job gut gemacht haben."

In der DDR sorgte der Posten für mehr Aufsehen. Damals fuhren hier zusätzlich die Züge der heute stillgelegten Linie nach Adorf, auch die Curt-Bauer-Textilfabrik hatte einen Bahnanschluss. Das Aufkommen war so hoch, dass die Schranke öfter unten als oben war. Im Volksmund war vom Glück-Auf-Bahnübergang die Rede: Es war Glück, wenn er auf war. "Damit schaffte es der Posten in die TV-Sendung Außenseiter-Spitzenreiter", sagt Marco Wiederhöft.

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