Luan beißt sich durch - mit viel Unterstützung

Der Siebenjährige, der als Frühchen zur Welt kam, geht in die erste Klasse der Thalheimer Grundschule. Dort er hat eine Helferin zur Seite. Dass das so gekommen ist, ist der Beharrlichkeit vieler Menschen zu verdanken. Eine Geschichte, die zeigt, dass kämpfen sich lohnt.

Thalheim.

In vielerlei Hinsicht ist Luan wie jeder andere Siebenjährige. Er liebt es, über die Gänge seiner Schule zu flitzen, spielt gern Fußball, macht Quatsch mit seinen Freunden. Nur die Kraft fehlt ihm oftmals. "Doch er gibt sich große Mühe, er beißt sich wirklich gut durch", sind sich Uta Dienstbir und Grit Neubert einig. Die Leiterin der Thalheimer Grundschule und die Klassenlehrerin der 1a ziehen gut drei Monate nach dem Schulstart eine positive Bilanz: "Luan ist heute auf dem Stand, auf dem ein Erstklässler sein muss", so Grit Neubert.

Dabei standen die Zeichen an dem Tag, als Luan seine Zuckertüte erhielt, nicht so gut. Weil der Junge, der in der 24. Schwangerschaftswoche mit nur 630 Gramm zur Welt gekommen war, ziemlich verträumt ist und ihm viele Dinge wie dem Anziehen oder Flasche aufdrehen schwer fallen, erhielt er im Kindergarten eine 1:1-Betreuung. Eine solche hatte Luans Vater Enrico Fankhänel auch für die Schule beantragt. Doch das zuständige Referat für Jugendhilfe im Landratsamt bewilligte keinen Schulbegleiter, weil "keine drohende oder bestehende seelische Behinderung" vorliege. Enrico Fankhänel ging in Widerspruch, dennoch startete Luan Mitte August zunächst ohne Helfer. Zumindest offiziell. Denn vom ersten Tag an wurde der Junge von der Schule unterstützt. Wenn ein Lehrer etwa eine Freistunde hatte, hat er diese mit Luan im Unterricht verbracht, berichtet die Schulleiterin. "Wir haben nicht locker gelassen." In den Gesprächen mit der zuständigen Behörde habe die Schule auf die körperlichen und motorischen Defizite aufmerksam gemacht.

Offenbar mit Erfolg, denn Enrico Fankhänels Widerspruch ging durch. Seit Mitte Oktober steht dem Jungen pro Woche in elf Fachstunden eine Begleiterin zur Seite, das ist die Hälfte aller Stunden. "Sie hilft zum Beispiel, wenn er die Buchseite nicht gleich findet oder die Stifte nicht aus dem Federkästchen wollen", sagt Grit Neubert. "Manchmal braucht er nur einen Schubs, oder Hilfe, wenn die Kraft fehlt. Er ist halt ein Huschel." Seine Klassenkameraden mögen ihn. Dass da eine Erwachsene an Luans Tisch sitzt, gehört für sie einfach dazu.

Grit Neubert gibt zu, anfangs skeptisch gewesen zu sein, ob die Integration von Luan gelingt. "Aber so viele Dinge haben sich geklärt oder waren von Anfang an nicht dramatisch." Uta Dienstbir ergänzt: "Man muss Dinge einfach mal probieren, und nicht immer gleich sagen, das geht nicht." Die Einzelfallhelferin wurde zunächst bis zu den Winterferien genehmigt. Die Schulleiterin macht aber deutlich: "Wir werden eine Lösung finden." Dass Luan die Schule verlassen müsste, steht für sie nicht zur Debatte. Uta Dienstbir hat angeregt, den Förderbedarf des Jungen prüfen zu lassen. Sollte dieser eines Tages festgestellt werden, liegt die Entscheidung über eine Aufnahme des Kindes aber bei der jeweiligen Schulleitung - also wieder auf dem Tisch von Uta Dienstbir.

Luans Vater ist erleichtert. "Es hat sich gelohnt, nicht gleich aufzugeben." Enrico Fankhänel ist den Verantwortlichen vor Ort, aber auch dem Jugendamt dankbar. "Es ist schön zu sehen, wie alle an einem Strang ziehen." Guten Willen hat auch die Stadt Thalheim als Schulträger gezeigt. Da die Grundschule ab kommenden Jahr Pilotschule für ein sachsenweites Projekt zur Inklusion ist, hat die Stadt Luans Einzelfallhelferin, die schon länger an der Schule tätig ist, kurzerhand in Teilzeit als sogenannten Schulcoach angestellt. Sie wird das Inklusionsprojekt vorbereiten. "Es ist im Sinne unserer aller Kinder", sagt Bürgermeister Nico Dittmann. "Und das ist es doch, was Inklusion ausmacht."

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