Mann stoppt Krankenwagen und will Polizisten angreifen

Warum legt sich ein Thalheimer zweimal mit Rettungskräften an? Und das, obwohl er diese zuvor selbst angerufen hatte? Etliche Fragen musste am Montag das Amtsgericht klären - bei einem teils kuriosen Prozess.

Thalheim.

Auf der einen Seite der Angeklagte, ein heute 21-Jähriger. Auf der anderen Seite eine noch minderjährige Frau, ihre Mutter, ihr Vater. Zwischen diesen Personen ging es seit langer Zeit hoch her. Und mittendrin immer wieder Absonderlichkeiten - und die Gefahr, dass sich die Beteiligten im Amtsgericht an die Kehle gehen könnten.

Die Anklage legte dem jungen Thalheimer zwei Vorfälle zur Last: Am 17. Juli 2018 gegen 3.30 Uhr habe er sich bei einem Einsatz des DRK Stollberg vor den Krankenwagen gestellt und diesen am Wegfahren gehindert. Anschließend soll er den Fahrer des Rettungswagens, der ihn zur Seite schob, weggestoßen und die Fahrertür eingedrückt haben. Am 21. Dezember 2018 gegen 22.30 Uhr habe er seine damalige Freundin am Hals gepackt und gewürgt. Kurz darauf verletzte er die heraneilende Mutter, indem er sie auf den Rücken schlug. "Ich bring euch um", soll er gedroht haben. Schließlich kam noch der Vater hinzu. Daraufhin verletzte der junge Mann diesen mit einem Multitool am Bauch. Dann versuchte er, das verschlossene Auto des Vaters aufzubrechen, um zu der dort sitzenden Tochter zu gelangen. Als die Polizei erschien, ging er mit dem Werkzeug auf die Beamten zu. Diese konnten ihn mit Pfefferspray überwältigen.


Das Kuriose an den Vorfällen: Beide Male hat nicht irgendwer, sondern der Angeklagte selbst die Rettungskräfte angefordert.

Beim ersten Vorfall habe sich seine Freundin bei einem Streit mit ihm verletzt, daher habe er den Notarzt gerufen. "Dann schrie ihre Mutter, ich sei ein Frauenschläger. Dies wollte ich mir nicht bieten lassen. Daher habe ich den Rettungswagen am Wegfahren gehindert, um die Mutter aus dem Wagen zu holen und zur Rede zu stellen." Schließlich kam es zu Handgreiflichkeiten mit einem Sanitäter. Erst die Polizei konnte die Situation auflösen. Beim zweiten Fall behauptete der Angeklagte dagegen, er könne sich an nichts mehr erinnern. "Das nehme ich Ihnen nicht ab", sagte Richterin Heidemarie Schmidt-Lammert. Er habe gerade mal knapp 0,4 Promille Alkohol im Blut gehabt.

Doch gerade im zweiten Fall zeigte sich im Prozess die ganze familiäre Tragweite. Denn hier wurde es zum Teil für Außenstehende nur noch schwer nachvollziehbar. Etwa, als die Tochter in den Zeugenstand musste. Sie bestand darauf, nicht mit dem Angeklagten in einem Raum sitzen zu müssen. Also musste dieser raus - draußen aber saßen die Eltern der jungen Frau. Sogar der Verteidiger half, dass sich die Personen auf dem Gang nicht in die Haare gekriegt haben. "Bei den Eltern ist dicke Luft da draußen", sagte er.

Die Tochter gab dann an, dass sie sich mehrfach mit dem Angeklagten getroffen habe, obgleich ihre Mutter im Oktober 2018 ein gerichtliches Annäherungsverbot gegen den Angeklagten erwirkt hatte. An jenem 21. Dezember sei sie mit ihm und einem weiteren jungen Mann sogar noch am späten Abend in den Wald gegangen - nach einer kleinen Feier. "Obwohl Sie selbst gesagt haben, wie viel Angst Sie vor ihrem Ex-Freund schon vorher hatten?", fragte die Richterin ungläubig. Naja, ihr sei es halt schlecht gegangen, sie wollte frische Luft schnappen.

Zudem stellte sich heraus, dass ihre Schwangerschaft auch was mit dem Angeklagten zu tun hat - obwohl es die "Bannmeile" gegen ihn gab. Er sei der Vater, so die junge Frau. Denn sie sei bis zur endgültigen Trennung vor drei Monaten mit keinem anderen Mann zusammengewesen. Sie ist im siebenten Monat schwanger. Die Richterin erstaunt: "Sie haben sich also auch noch von ihm schwängern lassen, obwohl er sich Ihnen gar nicht nähern durfte und sie Angst vor ihm hatten?"

Der Mann bekam acht Monate Freiheitsentzug. Die Strafe wurde auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Widerstand gegen Retter und Vollstreckungsbeamte, Körperverletzung, Sachbeschädigung. "Sie haben eine Impulskontrollstörung, sie müssen sich künftig bei Eskalationen umdrehen und gehen. Ansonsten sitzen Sie bald wieder hier - und dann geht es ab ins Gefängnis", warnte ihn die Richterin. Sie sagte aber auch: "Die ehemalige Freundin hat dazu beigetragen, dass es so gekommen ist wie es gekommen ist." Das Urteil ist rechtskräftig.

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