Sie geben dem Freistaat #SächsAppeal

Berlin hat einst damit geworben, arm aber sexy zu sein. Sachsen hat zurzeit in der Republik einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, finden drei Frauen und haben sich auf die Suche nach dem gesellschaftlichen Sexappeal zwischen Görlitz und Plauen gemacht.

Stollberg.

Wenn in den überregionalen Medien über Sachsen berichtet wird, kommt der Freistaat oft nicht gut weg. Nicht erst seit den ausländerfeindlichen Demonstrationen in Chemnitz im vergangenen Herbst steht der Freistaat - und mit ihm die hier lebenden Menschen - häufig pauschal in der rechten Ecke. Das möchten Michèle und zwei Freundinnen so nicht stehen lassen. Sie haben einen Podcast gestartet, der denjenigen eine Stimme geben soll, die sich für eine offene und vielfältige Gesellschaft engagieren. Motto: "Sächsisch geht auch anders." Auf Twitter bewerben die Macherinnen ihre Beiträge mit dem Hashtag - einer Art Stichwort - "SächsAppeal".

Michèle (35) ist in Stollberg zur Schule gegangen, ebenso Tina (34). Seit zehn Jahren leben sie fernab der Heimat in Nordrhein-Westfalen. Dort stieß Ariane (30) zum Trio. Ihre Nachnamen möchten sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Generell wollen die drei Frauen ohnehin sich selbst nicht in den Vordergrund spielen. "Wir möchten mit unserem Podcast diejenigen hörbar machen, die aktiv sind", sagt etwa Michèle. Fünf Interviews haben sie bereits geführt. Das erste ist online. Am Wochenende folgt ein zweites Gespräch, das in Stollberg mit Christoph Zimmermann vom Verein "Menschlichkeit als Tradition" geführt worden ist.


Doch wie ist die Idee zu einem Podcast überhaupt entstanden? Fahrt aufgenommen hat das Projekt bereits vor einigen Monaten. "Wir haben begonnen, darüber zu sprechen, wie sich die Berichterstattung über den Freistaat für uns als gebürtige Sachsen eigentlich anfühlt", erinnert sich Michèle, die für eine Menschenrechtsorganisation arbeitet. "Wir haben auch gemerkt, dass es immer schwieriger geworden ist, beispielsweise mit unseren Eltern darüber zu sprechen. Sie sind einfach genervt von dem Thema." Schnell fragten sie sich, ob sie selbst aus der Entfernung etwas Sinnvolles tun können.

Obwohl keine der drei Frauen großartige Erfahrungen mit Podcasts hatte oder journalistische Kenntnisse vorweisen konnte, nahm die Idee eines Gesprächsformats im Internet Gestalt an. Gute Technik wurde angeschafft und ein Konzept erarbeitet. "Erst haben wir über Medienpartner nachgedacht. Wir haben aber schnell gemerkt, dass wir zu groß denken", sagt Michèle. Also ist das Projekt auf Hobbyebene vorangetrieben worden, was trotzdem mit erheblichen Zeitaufwand verbunden war.

Die einwöchige Interviewtour hat bei der Rheinländerin Ariane Eindruck hinterlassen: "Ich habe mich gewundert, wie Sachsen auch ist. Mich haben die vielen Menschen beeindruckt, die sich von den sächsischen Zuständen nicht unterkriegen lassen." Immer wieder haben die Frauen eine Forderung gehört, die sie in ihrem Vorhaben bestärkt hat: "Redet mit uns, hört uns zu."

Einer, dem sie zugehört haben, ist Christoph Zimmermann. Das Gespräch ist nach dem offiziellen Teil noch in die Verlängerung gegangen, wie der Gemeindepädagoge berichtet. Da zwei der drei Podcasterinnen aus der Gegend kommen, gab es dafür eine fruchtbare Gesprächsbasis. Im Vorfeld des Termins war Zimmermann noch eher zurückhaltend, wie er bereitwillig einräumt. "Weil ich nicht so recht wusste, wohin die Reise gehen soll. Wenn Herr Restle (TV-Redakteur bei Monitor, d. Red.) hier in der Gegend recherchiert, dann gehe ich gefühlt immer schon mal in Deckung, weil es ganz sicher etwas gibt, wofür man sich mal wieder zurecht schämen muss, und ich zurecht vielleicht auch daran erinnert werde, was alles in den letzten Jahren versäumt wurde", räumt er ein. Doch sein Gespräch für den Podcast lief dann ganz anders ab. "Schön, dass ich mich für nichts verteidigen musste. Dass die kleinen und großen Erfolge gleich wichtig waren und in allem trotzdem Gelassenheit sein durfte", fasst Zimmermann zusammen.

Für die drei Frauen aus Nordrhein-Westfalen war das Podcast-Projekt ein großes Abenteuer. Auch wenn nicht alles perfekt geworden ist, kann sich das Ergebnis sehen lassen. "Wir haben schon während der Reise gemerkt, dass wir besser werden", sagt Michèle. Ob das Projekt mit weiteren Gesprächen fortgeführt wird, haben sie noch nicht entschieden. "Wir sind bisher noch nicht einmal zu einer Reflexion gekommen", sagt Michèle.


Hörstück im Datennetz

Ein Podcast ist ein Format, das als Video oder Audio im Internet verfügbar ist. In der Regel handelt es sich dabei um eine Serie, zumeist abonnierbaren Beiträge. Beim #SächsAppeal-Podcast handelt es sich um ein reines Hörstück ohne bewegte Bilder.

Das Wort setzt sich zusammen aus der englischen Rundfunkbezeichnung Broadcast und der Bezeichnung für den - zur Entstehungszeit marktbeherrschenden - tragbaren MP3-Player iPod von Apple mit dessen Erfolg Podcasts direkt verbunden wurden.

Oft sind es Privatpersonen, die Podcasts betreiben. Sie ähneln Radioshows, die sich einem bestimmten Thema widmen. Allerdings sind sie an keine Sendezeit gebunden. Zunehmend werden professionell produzierte Podcasts angeboten. Auch Angela Merkel betreibt seit längerem einen solchen.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 7 Bewertungen
2Kommentare
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  • 4
    3
    Distelblüte
    24.08.2019

    Ich habe heute früh die ersten beiden Podcastfolgen gehört und empfehle sie weiter. Zu finden sind sie unter anderem über ihren Twitteraccount @annersch1 .
    Der Stollberger Verein "Menschlichkeit als Tradition" schafft es, ganz unaufgeregt und mit einer guten Vernetzung Geflüchteten im Alltag zu helfen. Sie leisten hervorragende Integrationsarbeit und schaffen es, der Herzenskälte Mitmenschlichkeit und gemeinsames Handeln entgegenzusetzen.

  • 2
    1
    Distelblüte
    24.08.2019

    Ein Link zum Podcast wäre schön...



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