Sodecia entlässt in Oelsnitz mehr als 200 Mitarbeiter

Einer der größten Arbeitgeber der Region plant drastische Schritte. Ein Grund: die - verglichen mit dem Stammland Portugal - relativ hohen Löhne im Erzgebirge.

Oelsnitz.

Die Sodecia Powertrain GmbH entlässt in diesem Jahr mehr als 200 Mitarbeiter aus ihrem Werk in Oelsnitz. Hans Schlickum, Geschäftsführer der Muttergesellschaft des Automobilzulieferers, bestätigte, dass mit dem Betriebsrat über Kündigungen verhandelt wird. Die genaue Anzahl steht noch nicht fest. "Wir wollen den Arbeitern faire Angebote zum Ausstieg machen", sagte er. Von den rund 670 Beschäftigten in Oelsnitz war bislang niemand bereit, mit der "Freien Presse" zu reden. Es herrscht Unsicherheit.

Laut Schlickum sieht sich die Geschäftsführung zu diesem drastischen Schritt gezwungen - aufgrund der Marktlage. "Sonst geht irgendwann das ganze Schiff unter", sagt er. Das Werk in Oelsnitz ist eines von über 40 der Sodecia-Gruppe, die auf fünf Kontinenten vertreten ist. Als Produzent von Komponenten für Schaltgetriebe beliefert das Unternehmen große Automobilhersteller. Weil VW ein Produkt, das in Oelsnitz hergestellt wird, bald nicht mehr benötigt, gerät Sodecia in die Bredouille. Dabei handelt es sich um innere Schaltungen für Doppel-Kupplungs-Getriebe. Zwar produziert Sodecia auch das Nachfolgemodell. Aber dies verlangt einen höheren Grad an Automatisierung - und weniger Mitarbeiter.


Probleme ergeben sich auch bei einer Schaltung, die Sodecia für Daimler fertigt. Bislang wird diese Komponente an zwei Standorten gebaut - in Oelsnitz und in Portugal, dem Stammland von Sodecia. Da die Lohnkosten in Portugal geringer sind, wurde die Produktion in Oelsnitz eingestellt. Mit Blick auf das Lohnniveau im Erzgebirge spricht Schlickum von "erheblichen Wettbewerbsnachteilen".

Nach Ansicht von Schlickum wird sich die Lage durch den Trend zur Elektromobilität weiter verschärfen. Sodecias Kunden - zu denen auch BMW, Porsche und Mercedes gehören - lassen alte Modelle allmählich auslaufen. Schlickum zufolge geht die Sodecia bereits neue Wege. "Da arbeiten wir mit Hochdruck dran", sagte er. "Wir müssen erst die neue Fachkompetenz aufbauen. Das betrifft nicht nur uns."

Tatsächlich ergreift der Wandel die Branche im gesamten Freistaat. Das ergab jüngst eine Studie im Auftrag des sächsischen Wirtschaftsministeriums. Forscher des An-Instituts der TU Chemnitz gehen davon aus, dass im Jahr 2025 bis zu 45 Prozent aller in Deutschland produzierten Fahrzeuge mit E-Antrieb ausgerüstet werden. Eine Größenordnung, die Schlickum bezweifelt. "Der Verbrennungsmotor wird so schnell nicht verschwinden", sagt er.

Die 750 Zulieferer in Sachsen müssen sich laut Studie darauf einstellen, dass VW in Zwickau und Porsche sowie BMW in Leipzig die Entwicklung massiv vorantreiben. Aus der Untersuchung ging hervor, dass etwa 300 Bauteile von den Veränderungen betroffen sind. Dennoch würden viele Zulieferer die Situation unterschätzen. Denn auf der Straße sei die Entwicklung kaum sichtbar. Demnach wurden zuletzt nur 1,8 Prozent aller Neuzulassungen für E-Autos ausgestellt.

Die Firma Koki, ein Konkurrent der Sodecia, bereitet sich nach eigenen Angaben auf die neuen Anforderungen vor. Doch auch hier wird es zu Entlassungen kommen, weil der Bedarf an manuellen Getrieben abnehme und der europäische Markt stagniere. Bis 2022 sinkt die Anzahl der Mitarbeiter um etwa 200. Diese Zahl nannte der ehemalige Geschäftsführer Daniel Sonntag im März, als er noch für Koki tätig war. Damals arbeiteten 780 Beschäftigte für die Firma. Koki hat drei Standorte in Sachsen, einen in China und einen in Indien. Sonntag kündigte auch an, dass Koki die Produktion von Niederwürschnitz nach Glauchau verlagern will. Zugleich soll der Standort in Jahnsdorf weiter zum Technologiecenter entwickelt werden. (mit cul/dpa)

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7Kommentare
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    pferd123
    07.06.2019

    ich

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    pferd123
    07.06.2019

    Hoffentlich trifft es die Richtigen

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    Zeitungss
    07.06.2019

    Monokultur, es ist erst der Anfang, Deutschland kann eben nur noch AUTO, weiterdenken ist jetzt Hausaufgabe. Dieser Trend war eigentlich schon vorhersehbar, Führungskräfte ausgeschlossen. Man fragt sich schon, wie weit eine einst führende Entwickler- und Industrienation nach unten gekommen ist. Wir können heute kein Telefon (Beispiel) mehr herstellen, sollte doch zu denken geben.

  • 4
    1
    Lesemuffel
    07.06.2019

    Solche Verlagerungsmeldungen, Entlassungsmeldungen kann man immer öfter bundesweit lesen. Weniger leider, dass sich ausländische Unternehmen ansiedeln.Im Erzgebirge Produktionsstandorte und Zentralen errichten ist selten. Bleibt nur Tourismus. Ist da an der Deindustrialisierung etwa etwas Wahres dran?

  • 3
    1
    CPärchen
    07.06.2019

    2005 begannen die Lohnkosten bei unter 7€/Std. Mittlerweile stiegen die Kosten dort deutlich, aber das ist auch richtig so.
    Die Demographie und die gute wirtschaftliche Lage werden die Arbeitslosenquote weiter nach unten drücken im Erzgebirge.

    2005 lag die Mitarbeiteranzahl bei unter 300. Also immer noch ein positiver Trend.
    Lieber 470 gut bezahlte Arbeitsplätze, als 800 schlecht bezahlte Stellen.

  • 10
    0
    Einspruch
    07.06.2019

    Tja , die Portugiesen werden sich die hochpreisigen Endprodukte nicht leisten können, die Billiglöhner im Erzgebirge sicher auch nicht. Wenn man als Rezept immer nur Billiglohn als Mittel im Wettbewerb hat, ist man vielleicht auch an der falschen Stelle. Wer VW oder Mercedes kauft, blecht viel für ein gutes Produkt. Wer gut ausgebildete Leute an der verlängerten Werkbank ( Osten) der Altbundesländer sucht, die diese Produkte mit erschaffen, will nichts bezahlen. Finde den Fehler.
    Letzten Endes ist das Geheule über die angeblich zu hohen Löhne unerträglich, wenn man die Entgleisungen und Gehälter vieler Vorstände und die Gewinnmeldungen trotz Kundenbeschiss hört.

  • 16
    1
    cn3boj00
    07.06.2019

    Ja sicher, die Billiglöhne im Erzgebirge sind eben immer noch zu hoch im Vergleich zu den armen Portugiesen. So kann europäische Wirtschaftspolitik nicht funktionieren.



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