Streitfall Schule: Der kaschierte Mangel

Kinder sollen soziale Kompetenz erlernen, den Bogen von Mathe bis Kreativität schaffen - in Zeiten von Lehrermangel und gesellschaftlichen Umbrüchen. Im Debattierclub des Stollberger Schlachthofs ging es um diese Fragen. Eine Beobachtung.

Stollberg.

Irgendwann platzte Ricky Auerswald der Kragen. Der Vorsitzende des Kreiselternrats vertritt 156 Schulen, er rief zum Protest der Schulleiter auf - gegen das Landesamt für Schule und Bildung (Lasub). "Sagt doch einfach Nein. Was können die schon machen? Euch abmahnen, ja. Aber entlassen? Niemals."

Warum sagte er das? Weil er den allgegenwärtigen Lehrermangel an vielen Schulen gerade wieder am Carl-von-Bach-Gymnasium in Stollberg erlebt. Laut Auerswald ordnete das Lasub an, dort aus vier 7. Klassen drei zu machen, damit eine Lehrkraft an eine andere Schule abgeordnet werden konnte, um dort ein Personalloch zu stopfen. Auch die 9. Klassen im Gymnasium soll es bald treffen, so Auerswald. "Seid mal selbstbewusst, wehrt euch!"

Steffen Wurm nickt. Der Leiter der Altstadtschule erzählt, auch in Persona als Geschäftsführer des Sächsischen Schulleitungsverbandes, dass er auch Seiteneinsteiger im Team habe, um den Lehrbetrieb aufrecht zu erhalten. Welche das sind, verrate er aber nicht gegenüber den Eltern. An Auerswald gewandt: "Die Wahrheit ist: Wir Schulleiter sind keine Schulleiter. Wir tun nur so. Die Personalhoheit hat nun mal der Freistaat. Es wird angewiesen."

Ähnlich formulierte es einst der Dorfchemnitzer Grundschulleiter Holger Wachtel. Ein Direktor sei ein König ohne Reich. Das Schulgebäude gehöre der Kommune, Personal und Lehrplan der Landesregierung. Auch er wurde abgeordnet, um Löcher zu stopfen: Wachtel war acht Jahre Doppelschulleiter. Neben Dorfchemnitz mal in Oelsnitz, Brünlos oder Thum. Seit 2014 dann an der Stollberger Dürer-Grundschule. 2018 sagte er: "Es reicht jetzt. Ich bin 57 Jahre, am Limit. Ich kann nicht mehr." Der Hilfeschrei half. Wachtel leitet nun nur die Grundschule Dorfchemnitz.

Ein Problem, welches etwa Franziska Gall zumindest derzeit nicht hat. Die Leiterin der Grundschule Beutha ist auch nur dort Leiterin (und nebenher Stadträtin). Für die knapp 100 Kinder sei genug Personal da - aber eben auch mit Seiteneinsteigern, so Gall. Hintergrund: Laut Kultusministerium wurden sachsenweit zu Schuljahresbeginn 327 Stellen mit neuen Grundschullehrern besetzt. Es gebe derzeit "keine Diskrepanzen" zwischen Schülerzahl und Lehrerbedarf, so Kultus. Das Problem sei, dass die Lehrerbewerber hauptsächlich in den Ballungsgebieten - Dresden und Leipzig - unterrichten möchten. Nicht im Erzgebirge? Ob nun Franziska Gall, Steffen Wurm, Ricky Auerswald - alle schütteln mit dem Kopf.

Dass die Personaldecke angespannt ist, sei die eine Seite. Die Qualität die andere, heißt es im Debattierclub. Das Erkennen von Stärken und Schwächen der Kinder, soziale Kompetenz war ein Stichwort. Stollbergs Oberbürgermeister Marcel Schmidt wehrt sich gegen die Prämisse, nur Mint-Fächer - also Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Technik - seien wichtig. "Zwei plus zwei ist vier. Muss man lernen. Aber wir fördern zu wenig die Kreativität. Wenn aber ein Kind ein Haus malen soll, dann kommt ein Iglu, ein Haus oder aber ein Palast raus." Kreativität müsse gefördert werden. Doch der Freistaat verwalte nur den Missstand - er gestalte nicht. Und die Gesellschaft fordere nur Effizienz.

Stollberg legt sehr viel Wert auf die soziale Komponente in der Erziehung in den Kitas. Stichwort: Papilio - hier wurde die Große Kreisstadt 2014 zum Vorreiter in Sachsen. Ein Konzept, das schon in Kitas ansetzt und den Kleinen hilft, Gefühle zu verstehen. Damit senkt Papilio - das haben Studien bestätigt - Verhaltensauffälligkeiten, stärkt die sozial-emotionale Kompetenz und beugt schon früh Gewalt und Sucht vor. Mehr als 1300 deutsche Kitas wenden Papilio an.

Das findet etwa Rüdiger School sehr gut. Er ist Geschäftsführer der Saxony International School (SIS), die in mehreren Städten private Englisch-Schulen betreiben. "Eine gute Ausbildung muss in der Kita beginnen. Viele Kinder sind beim Übergang in die Schule aber gar nicht einschulungsreif", so Schools These. Das belegten auch Studien. Franziska Gall: "Ich muss widersprechen: Die Kita ist nicht dazu da, den Kindern das Lesen, Rechnen oder Schreiben beizubringen." Auf der anderen Seite gibt es aber auch einen Sächsischen Bildungsplan, der schon in der Kita ansetzt.

Zudem: Der Übergang der Kinder aus der Kita in die Schule ist die eine Seite der Medaille, der Übergang von der Schule ins Berufsleben die andere. "Zu meinen Anfangszeiten bin ich noch durch das Gewerbegebiet gelaufen, habe für die Schüler geworben, meine Schule als Kaderschmiede für die Wirtschaft verstanden. Doch das mache ich schon lange nicht mehr", sagt Schulleiter Wurm. Ja, es gebe Ausnahmen, Pfüller oder Mühlbauer, wo die Zusammenarbeit zwischen Schule und Firmen gut klappe. Aber es seien Ausnahmen. Er betonte auch, dass seine Schüler nicht schlechter aus der Schule kommen als früher - so laute ja oft der Vorwurf der Firmen. "Sie kommen anders aus der Schule."

Schule mache einen Wandel durch, wie die Gesellschaft auch - darin waren sich alle einig. Stichworte: Soziale Medien, andere Vorbilder, Fachkräftemangel. Zu letzterem sagte eine Frau im Auditorium: "Dass oft Lehrlinge gesucht werden, ist ja auch ein gefährliches Signal an die Jugend: Warum in der Schule Mühe geben - Jobs gibt es sowieso."

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