Warum Frau Stadelmann keinen Hausarzt in Stollberg findet

Dr. Gerd Jugel will künftig nur noch Privat- patienten und Selbstzahler behandeln. Aus verständlichen Gründen. Doch damit verschärft sich die Versorgungslage in der Stadt.

Stollberg.

Wer eine Lektion in Geduld lernen will, kann mal versuchen, einen Hausarzt in Stollberg zu finden, der neue Patienten aufnimmt. So wie die Rentnerin Roswitha Stadelmann. Weil ihr ehemaliger Hausarzt, Dr. Gerd Jugel, seit Juli nur noch Privatpatienten und Selbstzahler behandelt, braucht sie Ersatz. Doch egal, in welcher Stollberger Praxis sie nachfragte, überall hieß es: kein Platz, alles voll. "Man kommt sich vor wie ein Bettler", sagt Roswitha Stadelmann.

Früher war sie im Finanzamt angestellt, zahlte regelmäßig in die gesetzliche Krankenkasse ein. "Ich war nicht einen Tag arbeitslos." Dennoch steht sie jetzt vor verschlossenen Türen. Und spätestens im August braucht sie eine Überweisung zum Orthopäden. Ab 1991 war Roswitha Stadelmann bei Dr. Gerd Jugel in Behandlung. "Er war immer ein guter Arzt, ein netter und ruhiger Mensch." Aber nun habe sie ihre Meinung geändert, die Situation macht sie nervös. "Für mich ist das ein Unsicherheitsfaktor. Ich bin richtig sauer." Einen Arzt außerhalb von Stollberg zu konsultieren, würde sie vor Probleme stellen: Die Rentnerin hat kein Auto.

Dr. Gerd Jugel sagt, er habe einerseits Verständnis für die Sorgen von Roswitha Stadelmann. Etwa 600 Kassenpatienten waren von seiner Entscheidung betroffen. Andererseits wolle er mit seinen 71 Jahren etwas kürzer treten. Früher arbeitete er bis zu 50 Stunden pro Woche, war immer erreichbar, schlief ab und zu auch in der Praxis. Bis ihn ein Herzinfarkt traf. Danach beschloss er mit seiner Frau: mehr Zeit für sich und die Familie nehmen. Hinzu kommt, dass er sich heute von Bürokratie und Verwaltung erdrückt fühlt: "Meine Schwelle ist überschritten." Einen Nachfolger konnte er nicht finden, obwohl er sich acht Jahre darum bemüht habe.

Die Helferinnen der übrigen Hausärzte in Stollberg bestätigen, dass die Kapazitäten ausgeschöpft seien. Waren bis vor einigen Jahren noch zehn Praxen in der Stadt angesiedelt, so ist die Anzahl nun auf fünf geschrumpft. "Ich finde die Situation schwierig", sagt der Allgemeinmediziner Dr. Michael Vorwergk, der an der Straße Roßmarkt tätig ist. Wie viele Patienten er derzeit behandelt, behält er für sich. Nur so viel: "Wir liegen deutlich über dem sächsischen Durchschnitt." Und auch die anderen Stollberger Hausärzte gehen laut Vorwergk täglich an ihre Grenzen. Verschärft werde die Lage dadurch, dass Nachwuchsmediziner kaum noch Interesse zeigten, Praxen zu öffnen oder zu übernehmen. "Sie scheuen das unternehmerische Risiko."

In ihrer Not bat Roswitha Stadelmann ihre Krankenkasse um Rat. Die Barmer habe aber keine Hilfe angeboten. Auf Fragen der "Freien Presse" zu diesem konkreten Fall konnte eine Sprecherin aus Datenschutzgründen nichts sagen. Sie verwies jedoch auf ein Programm der Barmer, das Patienten bei der Vereinbarung von Arztterminen unterstützen soll. "In letzter Zeit hat das auch einige Male geklappt", berichtet sie.

Offenbar nicht bei Roswitha Stadelmann. Ihr sei geraten worden, sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen zu melden. Also fuhr Roswitha Stadelmann zum Chemnitzer Sitz der Behörde - und wurde wieder enttäuscht. Die Mitarbeiter hätten ihr weder einen Arzt vermittelt noch ihre Daten aufgenommen. Auch die KVS gab dazu bis gestern keine Auskunft.

Die Behörde rechnet im Planbereich Stollberg mit rund 80.000 Einwohnern bei 41 Hausärzten -in den Orten Burkhardtsdorf, Gornsdorf, Hohndorf, Jahnsdorf, Lugau, Neukirchen, Niederwürschnitz, Oelsnitz, Stollberg, Thalheim und Zwönitz. Der Versorgungsgrad liegt bei 78 Prozent. Laut Statistik fehlen somit elf Hausärzte, um eine 100-prozentige Versorgung zu erreichen.

In Stollberg würden schon deutlich weniger genügen, um die Situation zu entspannen, meint Michael Vorwergk. "Zwei Kollegen mehr, dann wäre alles gut."


Rezepte gegen Ärztemangel

Die Ansiedlung von Hausärzten wird in der Region mit verschiedenen Maßnahmen gefördert: So sind Pauschalen in Höhe von je 60.000 Euro für acht Stellen vorgesehen. Zudem wird ein Mindestumsatz gewährt.

Praxen, die auf dem Fachgebiet Allgemeinmedizin weiterbilden, erhalten monatliche Zuschüsse in Höhe von 4800 Euro, bei Unterversorgung der Region auch mehr.

Patienten, die einen Arzt suchen, können die Servicenummer der KVS wählen: 0341 2349 3711.

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