35-jähriger Förster lebt Kindheitstraum

Tobias Hamm leitet seit Kurzem das Forstrevier Gelenau. Seine Aufgabe ist keine geringere, als den Wald fit für die Zukunft zu machen. Ein Lebenswerk. Wie sieht das praktisch aus?

Thum/Gelenau.

Wenn Tobias Hamm mit seinen Hunden Iago und Lupus durch den Abtwald streift, scheint es so, als wäre er nie weg gewesen. Zwar ist er erst seit Kurzem Förster des Reviers Gelenau, einem Gebiet von insgesamt 1500 Hektar Staatswald, das sich zwischen Burkhardtsdorf, den Greifensteinen und Venusberg erstreckt. Aber schon als Schüler faszinierte ihn der Wald. Tobias Hamm deutet in Richtung einiger Fichten. "Dort hinten", erzählt er und schmunzelt, "habe ich bei einem Praktikum als Siebtklässler mit dem Förster Bäume gepflanzt und eine Kanzel gebaut. Das war total schön." Nun, mit 35 Jahren, ist er selber der Förster in seinem Heimatrevier. "Es ist ein Kindheitstraum", sagt der Thumer.

Freilich ist seitdem viel geschehen - im Wald und natürlich auch im Leben von Tobias Hamm. Aus dem kleinen Jungen, der im Wald große Augen machte, ist ein Mann geworden, der genau weiß, wie man mit diesem komplexen Ökosystem umgehen muss, damit auch in Jahrzehnten noch Kinder darüber staunen können.

Der Erzgebirger hat in Tharandt als einer der besten seinen Master in Forstwissenschaften gemacht, danach in der Verwaltung des Forstbezirks Neudorf gearbeitet. Außerdem schreibt er an seiner Doktorarbeit. Eine Karriere, die bis in ein Ministerium führen kann. Aber zu groß war der Wunsch, im Wald und in der Heimat zu sein - und so wurde aus dem Referenten Tobias Hamm der Revierförster Tobias Hamm.

Zugute kam ihm, dass Uwe Ulrich, der Förster, mit dem er einst Bäume pflanzte, in den Ruhestand gegangen ist. Tobias Hamm spricht mit Hochachtung von seinem Vorgänger: "Er hat seine Aufgaben mit Bravour gemeistert." Damit meint der junge Förster auch den hier gut fortgeschrittenen Waldumbau. Eine Fläche von mehr als 22 Fußballfeldern soll im Forstrevier Gelenau neu bepflanzt werden - jedes Jahr. Im gesamten Sachsenforst geht es um das Achtzigfache.

Das hat seinen Grund. Denn acht von zehn alten Bäumen im Revier sind Fichten, bei den jüngeren sieht es deutlich besser aus. Nicht überall sind die Fichtenwälder natürlichen Ursprungs, sagt Tobias Hamm. Früher habe man etwa wegen des großen Bedarfs an Holz für den Bergbau ganze Waldstriche gefällt und dann mit Fichten aufgeforstet. Das mag zwar seinen Zweck erfüllt haben und heute sogar erzgebirgstypisch erscheinen, aber gut für die Natur ist das nicht.

Denn solche Wälder haben laut dem Forstwissenschaftler Nachteile. Einfach gesagt, sind viele Bäume gleich alt, gibt es nur eine Schicht im Wald, die einen dichten Schirm bildet. Unten wächst wenig nach. Zudem gelangen die flachen Fichtenwurzeln nicht tief genug in den Boden, um die unteren Nährstoffschichten zu erschließen und in den natürlichen Kreislauf zu bringen. Ein dicker Belag Fichtennadeln am Boden hindert Regenwasser am Eindringen, so kann dieser schlechter Wasser speichern - anderswo droht leichter Hochwasser. Außerdem kommen Fichten mit der zunehmenden Trockenheit schlechter klar als andere Bäume.

Deswegen hat das Land Sachsen nach der Wende den Waldumbau forciert. Das Ziel: ein naturnaher, vielschichtiger Wald mit mehr Baumarten wie Weißtanne, Buche Ahorn, Ulme oder Eiche. So hatte Tobias Hamms Vorgänger Uwe Ulrich im Abtwald im Abstand von 200 Metern kleine Ansammlungen an Weißtannen gepflanzt, und auch an vielen anderen Stellen hat die Vielfalt zugenommen, Tiere finden ausreichend Nahrung. Denn der Wald soll nach modernem Verständnis nicht bloßer Holzlieferant sein. Es wird zudem Wert auf ein intaktes Ökosystem und die Erholungsfunktion gelegt.

Und gerade die wird im kleinen Gelenauer Revier stark genutzt. Durch die Nähe zu Chemnitz kommen viele Waldbesucher. Förster Tobias Hamm ist auch für sie Ansprechpartner. "Dabei geht es nicht immer um Positives", sagt er. Vielen seien die großen Erntemaschinen oder Holzlaster ein Dorn im Auge. Er versuche dann zu erklären, welches komplexe Ziel die Waldwirtschaft verfolge, berichtet Tobias Hamm. Schließlich schaffe das Fällen von Bäumen nicht zuletzt Licht für Nachwuchs und bringe Holz für die Wirtschaft. Ein weiterer Punkt, den mancher kritisch sieht, ist das Jagen. Auch hier setzt der Förster auf das Erklären. Das Argument: Zu viel Wild schadet dem Waldumbau, weil junge Bäume verbissen werden. Alle drei Jahre hält ein Wildschadenbericht die Fakten fest. "Die Lebensbedingungen etwa für Rehe haben sich hier unheimlich verbessert", sagt Tobias Hamm. Ziel sei es, in zehn Jahren im Forstrevier nahezu komplett auf Umzäunungen zu verzichten. Einer der Aspekte dabei: Tiere würden noch mehr Futter finden.

Während die Jagd eher im Winter Thema ist, ist der Gelenauer Revierförster in diesen Tagen oft draußen, um den Holzeinschlag vorzubereiten, Rückegassen und Bäume zu markieren. Dabei muss er viele Kriterien beachten: Ist der Baum krank? Nimmt er kleineren das Licht weg? Bietet er Schädlingen Unterschlupf? Ist er selten? Bringt er genügend Holz? Rund 16.000 Festmeter Holz sollen laut Plan pro Jahr geerntet werden.

Der 35-Jährige weiß, dass er nur einen kleinen Teil der Früchte seiner Arbeit sehen wird. Er streicht über den Stamm eines mächtigen Baumes. "Eine Buche wird einige Hundert Jahre alt", sagt Tobias Hamm. "Da ist das Wirken eines Försters nur ein winziger Abschnitt."

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