48 Einwohner wollen in Gelenau mitentscheiden

Das lang gezogene Dorf verfügt über Grund- und Mittelschule, Arztpraxen, viele Handelseinrichtungen sowie zahlreiche Freizeitangebote. Und dennoch sind viele Bürger mit ihrem Heimatort offenbar nicht zufrieden. Für die 16 Sitze im Gemeinderat gibt es dreimal so viele Kandidaten.

Gelenau.

Die knapp 4200 Einwohner zählende Gemeinde Gelenau verfügt über eine Infrastruktur, die sich andere Kommunen wünschen würden. Hier gibt es eine Grund- und eine Mittelschule, eine Kindertagesstätte, eine Arzt- und eine Zahnarztpraxis. Eingekauft werden kann in zwei Supermärkten sowie vielen Einzelhandelsgeschäften. Das Freizeitgelände, das Freibad, Sporthalle, Fußballplatz, Mini- und Billardgolf- sowie Tennisanlage, Alpine-Coaster-Bahn und Wildgehege, Übernachtungshütten, Wohnmobilstellplatz und Aussichtsturm umfasst, wird von einer Bibliothek, einem Kino und einer der größten Sammlungen erzgebirgischer Volkskunst sowie Strumpf- und DDR-Museum ergänzt. Verbunden wird alles durch eine von der Gemeinde finanzierten Ortsbuslinie, die nach den Wünschen der Bürger tagsüber im Stundentakt verkehrt. Die Gelenauer sind in 42 Vereinen aktiv. Und dennoch wächst offenbar die Unzufriedenheit der Bürger mit ihrem Heimatort.

In dem aus 16 Mitgliedern bestehenden Gemeinderat sind Vertreter von CDU, Gewerbetreibenden für Gelenau, Linken und der NPD präsent, wobei die Christdemokraten mit elf Mandaten dominieren. Die Räte sitzen seit ihrem Umzug in den neuen Rats- und Trausaal bunt gemischt an einem runden Tisch. Die Sitzordnung widerspiegelt die Debattenkultur: Parteipolitisches Denken ist in den öffentlichen Sitzungen kaum zu spüren. Im Mittelpunkt steht das Wohl der Gemeinde.


Das alles könnte sich nach der Kommunalwahl am 26. Mai ändern, denn neben Christdemokraten, Gewerbetreibenden und Linken ringen mit der Liste Gelenau und der Wählervereinigung Gelenau zwei neue politische Kräfte um die Wählergunst. Insgesamt 48 Kandidaten wollen das Geschehen in ihrem Dorf künftig mitbestimmen - eine Bereitschaft, die Bürgermeister Knut Schreiter (Mandat CDU) positiv stimmt: "Wenn wir das Bestehende erhalten wollen, brauchen wir mehr engagierte Bürger. Ich sehe jeden Kandidaten als einen potenziellen Mitstreiter für das Gemeinwohl an."

Schreiter, selbst erst seit vier Jahren im Amt, kann die im Ort zunehmend zu verzeichnende Unzufriedenheit der Bürger mit ihrem Ort nicht immer nachvollziehen: "Von außerhalb höre ich immer wieder, dass die Gelenauer das hier Geschaffene nicht zu schätzen wissen." Doch auch der Bürgermeister selbst ist unzufrieden: "Wir versuchen ständig, mit kleineren und größeren Aktivitäten die Identität der Gelenauer zu stärken. Doch das, was entstanden ist, auch weiter in dieser Qualität zu erhalten und das Dorf fortschreitend zu einem lebenswerten Wohn- und Arbeitsort zu entwickeln, bedarf eines breiteren Engagements, für das wir auch die jüngere Generation gewinnen müssen. Vieles steht auf wackligen Füßen, weil die Arbeit - nicht nur im Ehrenamt - auf zu wenigen Schultern der immer gleichen Akteure verteilt ist. Wir müssen deshalb neue, finanzierbare Wege und Lösungen finden und alles mit offenem Visier diskutieren."

Er begrüße das Engagement der vielen auch jungen Einwohner, als Gemeinderat über das Geschehen in der Kommune mit entscheiden zu wollen: "Für diese Bereitschaft bin ich dankbar. Wir werden uns bemühen, auch für die am 26. Mai nicht gewählten Kandidaten eine gesellschaftliche Aufgabe zu finden. Und ich versichere: Wir brauchen jeden der 48 Bewerber."

Die Kommune für Einwohner und Zuzugswillige lukrativ zu gestalten, bedeute unter anderem, potenziellen Eigenheimbauern Land zur Verfügung zu stellen. "Wir arbeiten derzeit an einem Bebauungsplan für acht bis zehn Eigenheime, für die die Gemeinde Land an der ehemaligen Gärtnerei Seibt erworben hat", legte Knut Schreiter dar. "Wir bleiben ebenso an der Entwicklung der ehemaligen Gelkida-Immobilie dran. Fest steht aber auch: Unsere kommunalen Möglichkeiten sind begrenzt. Um weitere Wohnstandorte auszuweisen, sind wir darauf angewiesen, dass privates Land zur Verfügung gestellt wird."

Ideen, Personal für die Kindertagesstätte zu finden, ohne mit überdimensionierten Vergütungen winken zu müssen, will die Kommune ebenfalls entwickeln: "Ein Ansatz wäre beispielsweise, einem jungen Absolventen ein Jahr unentgeltlich eine Gemeindewohnung zur Verfügung zu stellen." Und Schreiter bekennt: "Die Infrastruktur im Straßenbereich ist dürftig. Vor allem in den Bereichen Emil-Werner- und Erich-Weinert-Weg müssen wir etwas tun." Trotz der Sorgen um die anstehenden Aufgaben und ihre Finanzierbarkeit sieht der Bürgermeister den Kommunalwahlen positiv entgegen: "Die kommende Wahlperiode bietet die Chance, das künftige Leben in Gelenau mit mehreren Interessengruppen zu gestalten. Und kontroverse Ideen sind besser als Stillstand."


Was sich Bürger wünschen

"Freie Presse" hat sich in Gelenau umgehört, was sich Bürger vom neuen Gemeinderat wünschen:

Tanja Schmidt (35): Dass das Vereinsleben in Gelenau so gut unterstützt wird, muss unbedingt so bleiben. Viel ist auch für die Kinder passiert. Projekte wie der Spielplatz an der Schmetterlingswiese und die vielen Veranstaltungen helfen, die jungen Menschen hier zu halten. Aber da sollte noch mehr getan werden. Zum Beispiel sind Baugrundstücke und Wohnungen Mangelware. Und es gibt noch viele Gefahrenquellen im Verkehr. Die Beschilderung ist ein wichtiges Thema. (anr)

Thomas Steinert (41): Mit seinen Freizeitangeboten und Veranstaltungen hat Gelenau eine Menge zu bieten. Diese überregionale Strahlkraft gilt es zu erhalten wie die Infrastruktur, die überdurchschnittlich gut ist. Kritische Ansätze zu finden, ist gar nicht so einfach. Aber es gibt noch Sachen zu erledigen. Ich denke da an die Anbindung ans Radwegenetz. Vor allem Richtung Chemnitz ist das wie abgeschnitten. (anr)

Holger Emmrich (49): Gelenau ist ein Ort, in dem man viel unternehmen kann. Wir haben zum Beispiel das tolle Freibad. Das und die anderen Angebote ziehen Leute an, was wichtig ist. Aber es muss alles unterhalten werden. Wir Bauhof-Mitarbeiter stoßen an die Grenzen unserer Kapazität. Um im Ort etwas zu bewahren, muss man mehr Leute gewinnen. Außerdem sollte der Kontakt zur Jugend gesucht werden, denn für diese Generation könnte noch mehr los sein. (anr)


Die 48 Kandidaten

CDU: Ole Fleischer, Roger Dietze, René Oesterreich, Heike Einhorn, Sven Herrmann, Falk Sieber, Matthias Müller, Ingo Lein, Martin Hübner, Marko Glänzel, Marco Drechsel, Frank Rößler, Daniel Franke.

Gewerbetreibende für Gelenau: Hendrik Seibt, Andreas Hofmann, Mario Hofmann.

Die Linke: Monika Sperling, Torsten Steidten.

Liste Gelenau: Alexander Böhm, David Schröer, Stev Maneck, Andy Stiegler, Viktoria Finsterbusch, Arnold Friedemann, Kevin Schmidt, Doreen Wiesner, Rico Harzer, Mike Klützke, Michele Frank, Heiko Sisolefsky, Katrin Nobis, Sophie Weidner, Andreas Berger, Ronny Spielmann, Albrecht Oertel, Simone Böhm, Mario Pötzscher, Sandy Emmrich, Mike Nebel, Markus Claus, Phillip Haase, Patrick Friedemann.

Wählervereinig. Gelenau: Christian Häfner, Robert Penzis, Arnd Arnold, Rainer Scherzer, Hendrik Neubert.


Zahlen und Fakten

Bis zur Kommunalwahl am 26. Mai stellt "Freie Presse" die Kommunen der Zschopauer Region und ihre Besonderheiten vor. Darum geht es: Was bewegt die Menschen im Ort, welche Projekte sind geschafft, welche Investitionen stehen in Zukunft an? "Freie Presse"-Leser können sich mit Ideen und Anregungen einbringen. Kontakt: red.zschopau@freiepresse.de

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